Donnerstag, Juni 30, 2022
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Römers Reich: Bequem macht mehr Strom

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Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo in Politik und Presse das Wort Energiewende fällt. Manchmal wünschte ich mir eine Wortwende, weil bestimmte Begriffe eine maßlose Verwendung erfahren und deren Bedeutung dann der Inflation unterliegt. Das Thema Energie ist einfach ein Dauerbrenner, aktuell wegen der Öl- und Gasexporte aus Russland. Und dann wird permanent hoch und runter dekliniert, ob wir auf die fossilen Rohstoffe verzichten könnten oder eben nicht. So richtig finde ich da keine Antwort.

Mir ist jedoch ein anderer Zusammenhang bewusst geworden, der aufzeigt, dass wir in Zukunft einen wachsenden Energiebedarf haben werden und nicht umgekehrt. Wegen des Klimaschutzes sollen wir Energie einsparen, vor allem solche, bei der viel CO₂ emittiert wird. Werfen wir einen Blick auf die Menschheitsgeschichte, je mehr technischer Fortschritt, umso weiter lösten sich Menschen von körperlicher Anstrengung. Mit maschinellen Mobilitätsangeboten wurden Entfernungen bequem und in kürzerer Zeit überwunden. Harte körperliche Arbeit übernehmen heute fast ausschließlich Maschinen. Selbst im Haushalt reinigt ein Vollautomat schmutzige Wäsche, erledigt die Spülmaschine den Abwasch. In vielen Wohnungen saugt ein Roboter Staub und Krümel vom Boden auf. Gemeinschaftserlebnisse wie Theater- und Kinobesuche, die vor einhundert Jahren zum Alltag gehörten, haben sich hin zu Individualschauakten auf Flachbildschirmen entwickelt. In zahlreichen Behausungen stehen sogar mehrere solcher Apparate herum, damit jeder Bewohner ein eigenes Programm erleben kann. Also, was folgt aus der Entwicklung? Je bequemer wir es uns einrichten – das heißt, je weniger Muskelkraft oder Bewegung wir selbst aufbringen, um von A nach B zu gelangen oder Aufgaben zu erledigen, umso mehr Energie muss an anderer Stelle erzeugt werden. Keinen Finger krumm zu machen, heißt also den Strombedarf anzufeuern.
Aktuell sieht es nicht danach aus, dass alle irgendwie persönlich fleißiger werden. Selbst fürs Sporttreiben begeben sich viele in klimatisierte Fitnesscenter oder schwitzen neben Saunaöfen. Ich möchte gar kein Schwarzseher sein und behaupten, es gelänge der Menschheit nicht, den Strom ausschließlich mit umweltfreundlichen Energiewandelsystemen zu erzeugen. Übrigens wird die wachsende Weltbevölkerung den Energiebedarf außerdem erhöhen. Wenn schon große Lösungsentwürfe gefordert sind, sollten wir anstatt dauernd von Energiewende besser von Bewegungswende reden. Je mehr jeder selbst ohne Einsatz von technischen Hilfsmitteln erledigt, um so weniger Strom muss erzeugt werden. Also weniger telefonieren und Nachrichten auf dem Smartphone austauschen, sondern Bekannte und Freunde aufsuchen. Dann klappts langfristig auch mit dem Stromsparen. Eine Drehung auf der Couch wird dagegen die Energiekrise eher verschärfen.

Axel Römer

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