Römers Reich: Besser, keine Hände geben

Corona sei Dank ist das Händeschütteln zur Begrüßung gerade abgeschafft. Eine mögliche Virusübertragung ist jedoch nur die eine Möglichkeit, falschen Leuten die Hand zu geben. Man weiß heutzutage gar nicht, wer einem gegenübersteht. Vielleicht ist die Person ein Sexist oder noch viel schlimmer ein Fremdenfeind bzw. gar Rassist. Einem Nazi möchte ich schon gar nicht die Hand geben. Klimaleugner haben ebenfalls keinen besonders guten Ruf. Was wäre, wenn die oder der Begrüßte Verschwörungstheorien anhängt. Die Urenkel deutscher Kolonialisten sind keinesfalls eine gute Klientel. Wenn ich weiter darüber nachdenke, erscheint es nicht geboten, den Nachfahren amerikanischer Einwanderer einen Gruß zu erbieten. Schließlich sind deren Vorfahren für das Auslöschen der indigenen Bevölkerung verantwortlich und für die Skalverei. Ich rate auch dringend davon ab, alte weiße Männer zu berühren. An deren Händen klebt doch die Unterdrückung der Vergangenheit. Bei alten weißen Frauen ist das natürlich etwas anderes. Wobei diese Spezies seltener vorkommt. Viele Damen höheren Alters färben sich die Haare. Welche historische Schuld wollen sie damit eigentlich kaschieren?

Egal, wo man hinschaut, überall betritt man vermintes Gelände. Dabei ringen wir doch täglich um mehr Gerechtigkeit. Demonstrieren Tausende gegen Rassismus und für Gerechtigkeit. Überall werden Zeichen gegen das Böse gesetzt. Manchmal glaube ich, dass sich dunkle Seiten des Menschen allein dadurch offenbaren, weil manche mit geschlossenen Augen durch die Welt tappen und überall Gespenster sehen wollen.
Ich habe mir da ein gedankliches Gespenster-Experiment einfallen lassen. Danach wäre beispielsweise 100 Prozent Geschlechtergerechtigkeit möglich. Niemand müsste sich benachteiligt fühlen. Das geht ganz einfach: Alle Männer fühlen sich als Frau. Das ist auf der Grundlage sozialer Geschlechter heute möglich. Man kann das Experiment auch umgekehrt machen und sich alle Frauen als Männer fühlen lassen. Schon gäbe es 100 Prozent Geschlechtergerechtigkeit. Diktieren darf man so etwas natürlich nicht. Es ist nur ein Gedankenexperiment. Sie meinen, man könnte die gedanklichen Geschlechterwandel nicht ernst nehmen? Doch. Nach aktuellem Antidiskriminierungsrecht müssen solche Vorstellungen respektiert werden. Sie könnten sogar juristisch dagegen vorgehen, wenn Ihnen jemand eine eigene Geschlechtervorstellung absprechen wollte. Was ich damit eigentlich sagen wollte, ist, dass es besser wäre, nicht ständig etwas in andere hineinzuinterpretieren oder eine allgemeine System-Schuld zu verkünden. Ich fürchte nur, so ein gut gemeinter Appell bringt nichts. Vielleicht werden mir gar böse Absichten unterstellt. Gut, dass ich keine Hände schütteln muss.

Vielleicht gefällt dir auch