Römers Reich: Chancen und Gleichheit

Sie kennen das wundervolle Wort Chancengleichheit doch auch. Es ist mir, seit ich denken kann, immer wieder unter die Nase gerieben worden. Und ich gebe zu, dass ich sehr an diesem Wort hänge. Jeder braucht im Leben Chancen, natürlich mit möglichst gleichwertigen Ausgangssituationen. Nun weiß man nach ein paar guten Lebensjahren, dass das schon mit den Startbedingungen nicht so einfach ist. Ich beneidete zum Beispiel immer solche jungen Männer – damals als ich noch für jung gehalten wurde –, die mich um einige Zentimeter oder gar um einen ganzen Kopf überragten. In meiner jugendlichen Einfalt glaubte ich sogar, dass in deren große Schädel viel mehr reinpassen würde als in den meinigen. Da hat mich das Leben bald belehrt. Ein großer Kopf hat wenig damit zu tun, ob aus einem Kopf viel oder wenig Sinnvolles herauskommt. Falls Sie die Geschichte von Friedrich Schiller kennen, wissen sie sicher, dass man einst im Gemeinschaftsgrab, in dem er beerdigt wurde, nach eine großen Schädel gefahndet hat. So ein kluger Dichter musste ein besonders riesiges Exemplar für sein Hirn gehabt haben. Der größte, den man fand, hatte nach einer Abstammungs-Genanalyse aber nichts mit dem Dichter zu tun.
Irgendwie erscheint es gerecht, dass man nicht sonderlich groß sein muss, um etwas Außergewöhnliches zu leisten. Es gibt leider auch manche schlimmen historischen Beispiele, bei dem das besonders grauenvolle durch kleine Menschen initiiert wurde. Ich wollte Ihnen gar nicht so viel über äußere Körpermerkmale sagen.

Wir müssen zurück zur Chancengleichheit. Die bleibt nämlich derzeit unter den sich immer weiter verschärfenden Pandemiemaßnahmen gewaltig auf der Strecke. Gerade jene, die ihr Leben an einem existenziellen Limit führen, fallen noch weiter zurück. Kinder, die ohnehin bei mangelnder Förderung durch Eltern, schlechtere Lernvoraussetzungen mitbringen, werden jetzt richtig abgehängt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat das Drama jetzt angeprangert. Das nutzt aber nichts, Corona-Daumenschrauben werden in-des weiter angezogen.

Insofern stimmt es mich traurig, dass sich die permanenten Appelle für Chancengleichheit früherer Tage heute als hohle Phrasen erweisen. Wer wird Kindern, die unter den aktuellen Bedingungen große Nachteile erleben, später sagen, ihr habt zwar weniger gelernt und damit schlechtere Chancen bei der beruflichen Perspektive gehabt, aber dafür seid ihr Helden und Menschenretter. Man sollte dieser Generation für entgangene Chancen einst Ehrenabzeichen verleihen. Ob sie das dann als angemessene Würdigung für ausgesetzte Chancengleichheit erachten, müssen sie später selbst entscheiden. Es ist eben schwierig, die Lebenschancen des einen mit den eines anderen aufzuwiegen. Aber wir glauben halt gern daran. Axel Römer

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