Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Römers Reich: Das Böse schafft Arbeit

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Gut ist, was Arbeit schafft. Dieser Satz taucht oft in politischen Reden auf. In der Aussage steckt natürlich die Vorstellung, dass Wertschöpfung entsteht, persönliches Einkommen sowie Beiträge für Steuern und Sozialabgaben geleistet würden. Ich finde, so einfach ist es jedoch nicht. Entstehen nicht ganz viele Arbeitsplätze durch destruktive Prozesse? Da sei an Mephisto in Goethes Faust erinnert: „Ich bin der Geist, der stets verneint. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, Mein eigentliches Element.“

Und so hat mancher Job eben eine durchaus teuflische Existenzgrundlage. Wächst das Bedürfnis nach mehr Sicherheit – also die Angst vor zunehmender Kriminalität – stellen die Länder mehr Polizisten ein. Selbst Versicherungen bauen im Kern ihrer Dienstleistung auf Zerstörung, Entwendung, Krankheit oder Tod. Facebook hat kürzlich angekündigt, in den nächsten Jahren 10.000 neue Jobs in Europa schaffen zu wollen. Aufgerüstet in Sachen Personal hatte der US-Digitalkonzern in den vergangenen Jahren vor allem wegen solcher Beiträge auf seinen Plattformen, die dem Hass und der Hetze zugeschrieben werden. Um die Sicherheitslage in der Welt steht es auch nicht gerade zum Besten. Forderungen nach einem personellen Aufwuchs beim Militär gehen damit einher.

Denkt man heute an das industrielle Fundament der Bundesrepublik Deutschland – vor allem an die Automobilbranche – ist wegen der Verbrennungsmotorentradition das Image dieser Arbeitsplätze ziemlich angekratzt. Anderen Industriezweigen geht es wegen ihrer CO2-Emissionen nicht viel besser. Es sei auch an die vielen Jobs in der Fleischverarbeitung oder an die angeprangerten Landwirte, die mit teuflischer Chemie und Gentechnik hantieren, erinnert. Selbst der große Bereich im Sozialen fußt letztlich auf negative Erscheinungen. Mitarbeiter in Arbeitsagenturen gibt es nur, weil offenbar nicht immer für alle die passenden Jobangebote da sind. Und solche, die sich um die Schwächsten kümmern, verdienen ihr Brot, weil es menschliche Abstürze gibt.
Selbst der gute Literaturbetrieb oder viele andere künstlerische Ausdrucksformen verdienen häufig dadurch, weil sie den Finger in die Wunden von Missständen legen können. Unser gesamter Sozialstaat mit seinem Steueraufkommen ist ohne die Schattenseiten des Lebens gar nicht denkbar.

Nun wollte ich mit diesen Gedanken nicht dazu aufrufen, mehr Zerstörung und teuflisches Leid zu produzieren. Aber manchmal sollte man sich wenigstens vor Augen führen, dass es ohne mephistophelische Züge viele gute Errungenschaften gar nicht gäbe. Selbst Kritiker hätten gar kein Brot, wenn es nichts zu kritisieren gäbe. Insofern sollte das Böse nicht nur verteufelt werden. | Axel Römer

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