Mittwoch, Juli 28, 2021
Anzeige

Römers Reich: Das Ende der Endung „ová“

Anzeige

Folge uns

Angemessen zu reden und zu schreiben, vor allem die korrekte Benennung anderer, ist enorm wichtig geworden. Nun herrscht viel Aufregung über die Eingriffe in die Sprachwelt. Auf der einen Seite beklagen professionelle Schreiberlinge den Verlust an Harmonie, die Verdrehung von Grammatik und eine damit verbundene Sinnentstellung. Die Gegenseite pocht auf Gerechtigkeit und einen Mangel, dass Personengruppen sonst nicht mitgenannt seien. Die Vorwürfe gehen gar so weit, dass unterstellt wird, bei der Nutzung eines grammatikalischen Geschlechtes könnte man sich keine Vorstellung von anderen Persönlichkeitskonzepten machen. Solcher Argumentation wohnt die gefährliche Ansicht inne, dass traditionell sprechende Menschen etwas dümmlich wären. Nun gut, es wird weiter gestritten werden. Interessant ist, dass nicht nur wir Deutschen in diesem Zerren an Sprachveränderung stecken, sondern auch andere Nationen.

folgt uns für weitere News [cn-social-icon]

Unsere Nachbarn, die Tschechen, treibt ebenfalls ein sprachgerechter Streit um. Das tschechische Parlament verabschiedete kürzlich mit großer Mehrheit ein Gesetz, nach dem jede Tschechin künftig selbst entscheiden kann, ob in ihrem Personalausweis der Nachname in weiblicher oder männlicher Form ausgedrückt wird. Anstatt Anneta Novaková kann dann auch Anneta Novakov stehen. Sie haben richtig gelesen, liebe Leserinnen und Leser, bei den Tschechen heißt es, dass die weibliche Form „ová“ eine symbolische Erniedrigung der Frauen sei. Während wir uns gerade von den vorherrschenden Bezeichnungen im generischen Maskulinum verabschieden wollen und weibliche Endungen ergänzen, sogar auf die Gefahr hin, tautologische Bezeichnungen – besonders krass wäre z. B. Mütterinnen – zu erschaffen, kommen die Tschechen daher und verstärken die Dominanz des Männlichen.

Nun muss man historisch wissen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg alle Tschechinnen aufgefordert wurden, sich die Endung „ová“ an den Nachnamen anzuhängen. Vor allem die nationalistisch gepägten Kommunisten wollten alles, was nicht tschechisch klang, ausradieren. Vor allem Tschechen mit deutschem Familiennamen sollten sich umbenennen. Den Herrschenden ging es damals um eine Art Entgermanisierung.

Spannend ist der Gedanke, dass die Ová-Endung Frauen in der tschechischen Gesellschaft auf besondere Weise hervorgehoben hat und schon deshalb ein angebliches Nicht-Mitdenken oder Nicht-Mitnennen viel weniger ausgeprägt sein müsste. Aber das ist nur so ein Gedankenexperiment wie es die eine oder die andere Denkposition über die Sprache auch nur ist. Da manche davon ausgehen, dass alles nur ein Konstrukt sei, kann man alles willkürlich ändern. Allerdings würde das in alle Richtungen gelten und am Ende drehen wir uns im Kreis, in einem konstruierten, willkürlichen Sprachkreis. Egal, wie es kommt, Arschlöchin wird sicher niemand zu mir sagen. Axel Römer

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Bedeckt
24.5 ° C
25.9 °
21.6 °
49 %
4.1kmh
90 %
Mi
24 °
Do
23 °
Fr
25 °
Sa
21 °
So
22 °

E-Paper