Römers Reich: Das Recht auf Fehlbarkeit

Eigentlich weiß doch jedes Kind, dass wir fehlbare Geschöpfe sind. Bei vielen tolpatschigen Versuchen, das Laufen zu lernen, machen alle die ersten Erfahrungen über Mühsal und Schmerz vor einem Erfolg. Das klingt banal und Sie mögen sich fragen, warum das hier erwähnt werden muss. Ich habe den Eindruck, dass wir im Laufe des Lebens das stete Lernen und die Fehler, die wir dabei machen, insgeheim nicht wahr haben wollen.
Bleiben wir beim Laufen: Fragen Sie mal Menschen jenseits der 90, wie schwierig eine Wegstrecke oder welche Hürde eine Treppe sein kann. Aktive Zeitgenossen, die täglich ihre Mobilität üben, haben weniger Schwierigkeiten, das Laufen zu meistern. Wer eher dem Müßigang zuneigt, dem geht nach hinten raus schneller die Puste aus.

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Es gibt andere Lebensbereiche, in denen die Fehlbarkeit des Menschen auf fatale Weise sichtbar wird. Heutzutage offenbart sich das quasi permanent in Online-Kanälen. Eine vermeintlich falsche Bemerkung und schon bricht darüber ein Sturm der Entrüstung los. Jeder Fehltritt – und sei er noch so klein – wird aufgedeckt und angeprangert. Man stelle sich diese unablässigen Zurechtweisungen und Disziplinierungen einmal in einer realen Situation vor, wenn Hunderte Zensoren wegen eines Satzes mit Kritikgebrüll auf einen identifizierten Delinquenten herfallen würden. Ich behaupte, jeder Mensch würde darunter zusammenbrechen. Wollte man so einen Umstand mit der Vorstellung von Mobbing vergleichen, müsste man das Rumpeln eines Autos über eine Kopfsteinpflasterstraße mit einem Erdbeben der Stärke 10 auf der Richterskala gleichstellen.

Es gibt eine Charta der Menschenrechte, in denen viele wichtige Begriffe aufgenommen wurden. Von Freiheit, Leben, Diskriminierungsverboten, Gleichheit vor dem Gesetz, Unschuldsvermutung, Wahlrecht und Meinungsfreiheit ist darin beispielsweise die Rede. Ich bin dafür, unbedingt ein weiteres Grundrecht in die Liste aufzunehmen: nämlich das Menschenrecht auf Fehlbarkeit. Im Prinzip wissen wir, dass niemand perfekt ist und jeder Fehler macht, dies jedoch bei anderen zu akzeptieren, scheint durch die Onlinewelt abhanden gekommen zu sein. Wer die Fehlbarkeit des Einzelnen anerkennt, schafft Respekt und Wertschätzung. An der Auflösung dieser Verhaltensgrundsätze arbeitet jeder mit, der fortlaufend andere auf ihre Unvollkommenheit hinweist. Bitte lasst Menschen Fehler machen und rümpft nicht über jeden die Nase und teilt es nicht einer gierigen Gemeinde mit, die nur darauf wartet, auf einen Menschen mit Makel einzudreschen. Permanent wird der Schutz eines individuellen Lebens gefordert, aber selten den Patzern anderer mit Billigung begegnet. | Axel Römer

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