Dienstag, September 21, 2021
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Römers Reich: Deutsche Warmduscher

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Wie packen wir es an? Sie wissen doch, wenn jetzt nicht sofort radikal etwas passiert – Energiewende, Mobilitätswende, Nachhaltigkeit usw. – dann war’s das mit dem Klima. Wir Deutsche wollen Vorbilder sein. Eine Nation müsste Vorreiter sein, da-mit sich andere ein Beispiel nehmen – das ist eines der guten Argumente, damit wir unser Umweltbewusstsein in die richtige Richtung entwickeln.

Ich weiß, historische Vergleiche hinken, aber die Bewusstseinsentwicklung war in DDR-Zeiten ein großes Anliegen der Partei- und Staatsführung. Vom Bewusstsein her würde sich die Zukunft zum Besseren gestalten lassen. Doch dann kam leider der Sieg des Kapitalismus dazwischen. Heute erlebt der rote Faden des besseren Bewusstseins seine Reinkarnation. Und es sei ganz leicht, eine höhere Sphäre des guten Verhaltens zu erreichen. Man wählt korrekt – am besten jene, die am konsequentesten an den Einstellungen schrauben und am schärfsten für Nachhaltigkeit streiten. Ich würde mich für manche Programmatik gern erwärmen, wenn da nicht einige Fakten etwas anderes erzählten.

So wissen wir z. B. jetzt, dass wir Deutsche 2019 in den hiesigen Privathaushalten 772 Terawattstunden mehr Energie verbraucht haben. Zahlen für 2020, dem größten Homeoffice-Jahr der Geschichte, liegen noch nicht vor. Im Vergleich zum Jahr 2012 ist der Energieverbrauch also um rund 10 Prozent gestiegen. Das ist gegenüber allen Verkündigungen eher ein Negativerfolg. Wo kommt der Zuwachs her? Was machen wir zu Hause falsch, dass wir mehr Energie verbrauchen als wir uns vornehmen?
Ein Grund ist die wachsende Wohnfläche pro Kopf. Die durchschnittliche Wohnungsgröße betrug 2019 knapp 92 Quadrameter. Das geht natürlich auf die Energiebilanz. Die Versiegelung verstärkt den Trend. Ein Einpersonenhaushalt verbraucht laut Umweltbundesamt rund 12.125 Kilowattstunden, ein Zweipersonenhaushalt dagegen nur 18.817. Wohnen mehr Menschen zusammen, ist die Energiebilanz effektiver. Singelsein ist für den Energieverbrauch gar nicht gut. Auch der Wasserverbrauch ist im stetigen Aufwärtstrend. Klar, wer Hygiene will, muss das in Kauf nehmen. Mir schwant Schlimmes, wenn ich an die Energiebilanz für 2020 denke. Wollte ich ein politisches Programm zur Lösung des Problems auflegen, würde ich Wohngemeinschaften zur Pflicht machen und Warmduschen verbieten. Ein kaltes Brausebad hätte den Effekt der Stärkung des Immunsystems. Wenn doch die Mehrheit Energiewende und Klimaschutz will, warum sind wir dann so viele Warmduscher? Sie sehen, es ist noch viel Bewusstseinsarbeit nötig, damit wir eine Kehre im Verhalten hinbekommen. Oder es erfüllt sich die alte Weisheit: Wer viel redet, hat weniger Zeit zum Handeln. Im Reden sind wir sicher Weltmeister, im Warmduschen bestimmt auch. | Axel Römer

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