Römers Reich: Die Erfindung des Neuen

Sie haben sicher schon eine Menge von der neuen Normalität gehört. Die soll durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie nun überall ausbrechen. Ich bin immer ein wenig skeptisch, wenn das Leben zu einem ganz neuen erklärt wird. Es gibt Leute, die sagen mir manchmal, dass in der einen oder anderen Sache ein völlig neues Denken nötig wäre. Ich frage sie dann, ob sie mir erklären könnten, wie das Denken in unserem Hirn genau funktioniert. Das können sie nicht. Ich kann es genauso wenig. Aber wie sollte man neu denken, wenn man nicht einmal weiß, wie wir dieses Denken in den grauen Zellen bewerkstelligen. Gut, mir ist schon klar, dass solche Innovations-Denker eigentlich andere Herangehensweisen oder in einer Sache das Beschreiten neuer Wege meinen. Doch warum sagen sie es dann nicht so?

Mit dem zeitweiligen Abschalten ganzer Wirtschaftszweige durch die Covid-19-Ausbreitung sind viele Menschen und zahlreiche Firmen in eine existenzielle Schieflage geraten. Manche hat es sogar schon vom Markt geweht. Nun reagiert der Staat mit sehr althergebrachten Mitteln, um die Folgen für Betroffene abzumildern. Einerseits gibt es Soforthilfen, andererseits Kredite. Jedes dieser Finanzinstrumente ist letztlich eine Schuld. In den Etats der öffentlichen Hand werden sie auf der Soll-Seite auftauchen. Über die Höhe und ob noch mehr, weil es hinten und vorn nicht reicht, wird trefflich gestritten. Um dieser Diskussion ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, habe ich eine Idee zur Weltentschuldung entwickelt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie in der Finanzwirtschaft auf viel Zustimmung stieße. In diesen Sphären ist man gewöhnlich sehr einfallsreich bei der Entwicklung von Produkten.

Die Idee geht so: Wir bündeln die Schulden der Welt in Anleihepapieren. Außerdem wird eine Bank auf dem Mond gegründet. Die Mondbank kauft dann die Anleihen mit Luna-Dollar auf. Die Welt wäre entschuldet. Falls jemand meint, der Mond könne irgendwann Pleite gehen, dem sei gesagt, dass wir auch noch den Mars in greifbarer Nähe haben, um dort dasselbe Spiel der Schulden-Auslagerung zu betreiben. Wir müssen eigentlich nur noch warten, bis eines schönen Tages Außerirdische vorbeikommen, denen wir dann die Anleihen andrehen. Sie finden die Idee abwegig? Ich nicht. In den universellen Weiten des Börsenhandels geschieht vielfach nichts anderes. Man kann noch so viel Neues ausrufen, es bleiben am Ende meistens nur bekannte Möglichkeiten übrig, einem Problem zu begegnen. Vielleicht versuchen Sie, sich selbst einmal völlig neu zu erfinden? Bedenken Sie dabei bitte, dass allzu viel Persönlichkeitsveränderung mit einem Urlaub in der Psychiatrie enden könnte. | Axel Römer

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