Mittwoch, September 28, 2022
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Römers Reich: Diversität von falsch & richtig

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Sprache beeinflusst unser Bewusstsein. Dem Handeln und Geschehen schenken wir Begriffe und verstehen diese auf Grundlage von Erfahrungshorizonten und Wissensvermittlung. Soweit so gut. Inzwischen durchdringt das Konzept von Begriffsveränderungen unseren Alltag. Manchmal regen wir uns darüber auf, anderes nimmt man hin oder findet die Wortschöpfungen oder Zeichenzusätze als angemessen.

In Sachen Geschlechtervorstellungen herrscht heute Vielfalt. Menschen können fantasiereich ausgestalten, wie sie sich abgrenzen wollen, allen voran von bipolaren, heterosexuellen Vorstellungen. Das nennt man soziologisch Diversität. Nun tobt aber in der Ukraine dieser schreckliche, von Russland angefachte Krieg. Und wieder spalten die Diskurse über eine angemessene oder unangemessene Unterstützung der Ukranie bzw. über die Embargopolitik gegenüber Russland die Gemüter. Wer mehr Waffen fordert, wird als Kriegstreiber tituliert, wer nichts tun will, als hoffnungsloser Pazifist verschrien. In den Debatten über die Maßnahmen zur Corona-Pandemie verhielten sich Befürworter und Gegner gleichsam aufgeheizt konträr.
Man kann viele konträre Diskussionen aus der jüngeren und älteren Vergangenheit finden, um Beweise anzuführen, wie polarisierende Argumente – also Sprache – enorm spalterisch wirkt. Eskaliert eine Debatte, wird sie mit gegenseitigem Hass angefeuert. Sie werden sich fragen, wie ich hier zwischen Geschlechtervorstellungen und verbalen Kriegsauseinandersetzungen einen Zusammenhang herstellen möchte? Ganz einfach: Während auf der einen Seite Diversität gefordert und gelebt wird, finden wir auf anderen Gebieten stets nur entweder oder, richtig oder falsch, gut oder böse. So ein bisschen richtig klingt am Ende doch eher wie falsch. Nicht ganz falsch liegen ist eben doch nicht richtig.

Wir schaffen es einfach nicht, aus der Bipolarität von Richtig- oder Falsch-Überzeugungen auszubrechen. Glauben Sie wirklich, dass für einen Krieg, bei dem Menschen ihr Leben lassen müssen, Vertreibung, Schmerz und Schande entstehen, Richtig- und Falsch-Antworten ausreichen? Dass Russen nun alle böse und Ukrainer jetzt nur noch gut sein dürfen? Natürlich glauben Sie das nicht. Aber die Debatten über das Geschehen werden in der Regel auf diesem Niveau geführt. Und das liegt vor allem daran, dass wir in unseren Vorstellungen keine hinreichende Diversität über richtig und falsch erzeugen können. Wo sind die Sprachwissenschaftler und wo die Politiker, die für eine Überwindung so vereinfachter argumentativer Aus- oder Ein-Pole eintreten. Vielleicht würde eine Schreibweise „richtig*“ daraufhindeuten, dass jemand einen bestimmten Standpunkt vertritt, jedoch trotzdem Zweifel daran hegt. Ich denke, wir sind uns einig, dass Krieg immer eine falsche Antwort ist. Genau deshalb kann keine Reaktion – außer die eigene Verteidigung – darauf eine einzig richtige sein.

Axel Römer

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