Donnerstag, November 24, 2022
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Römers Reich: Goldene Zeiten für Untergänge

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Mit dem Start eines neuen Jahres gehen stets die Verkündigungen über einen Zeitenwechsel einher. Vielfach ist jetzt von den Goldenen Zwanzigern die Rede. Man will damit an das bunte Treiben und die neuen Freiheiten in den 1920er Jahren erinnern. Wie verklärt man doch auf die Geschichte schaut? Es waren wohl eher unruhige Zeiten, die mit Inflation und Weltwirtschaftskrise einhergingen und dem schwierigen Leben nach dem Ersten Weltkrieg. Schillernd war wohl manches Treiben in den großen Metropolen des Landes, in der man Unterhaltung und Freizügigkeit genoss. Im weiten Land mag das anders ausgesehen haben.

Angesichts vieler politischer und wirtschaftlicher Widersprüche, vor dem Orakel des Weltuntergangs wegen der Aufheizung der Atmosphäre und – noch viel schlimmer – das Zündeln an der Kriegstreiberei im Nahen Osten lässt mir den Glauben an einen güldenen Glanz verblassen. Dafür wird mir etwas anderes neu vorgeführt: Die Welt besteht vorrangig aus Geschichten. Und solche, die am meisten erzählt werden, bewegen die Gemüter und bestärken den Glauben daran. „Im Anfang war das Wort …“ – so beginnt das Johannesevangelium. Und wir erleben, wie aufgrund vieler Worte sich Gesellschaften und Technik verändern. Ich habe den Eindruck, dass die Wortführerschaft zu Untergängen derzeit Konjunktur hat. Die deutsche Wirtschaft bräche bald zusammen, obwohl Daimler, BMW und Audi schon wieder Rekordabsätze, vor allem für Luxuskarossen, vermelden. Und dies vorrangig in anderen Ländern. Massenmigration schafft das Ländle ab, obwohl das Volk eher vom Klima bewegt wird. Die Sozialsysteme brechen, trotzdem nie so viele Menschen in Beschäftigung waren. Schönreder sind genauso destruktiv wie apokalyptische Propheten.

Den eigentlichen Verlust und die wirkliche Gefahr sehe ich ganz woanders. Mir mangelt es an den Realisten, an Leuten, die pragmatisch und rational an Ungleichgewichte und Probleme gehen. Was wir brauchen ist weniger Aufregung und mehr Nüchternheit. Dass von Ängsten getriebene Wesen Mensch sollte sich öfter sagen, das Angst noch keine Lösung ist und aus Ohnmacht nichts entsteht.

Als es die virtuelle Welt noch nicht gab, waren die Untergangsszenarien schon schlimm. Jetzt, da die Kraft der Orakel um ein Vielfaches gewachsen ist, verstärken sich nur die Lähmungen, Verklärungen und Schuldzuweisungen. In diesem Sinne befinden wir uns in Goldgräberzeiten über Vernichtungsmärchen. Für mich gilt: Vor allen fällt, wer an Untergang glaubt. Die anderen pflanzen Bäume. Axel Römer

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