Sonntag, August 1, 2021
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Römers Reich: Probleme mit strukturellen Problemen

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Wenn Sie sich aktuell eine politische Diskussionsrunde im TV anschauen oder Experten der Politik- und Sozialwissenschaften reden hören, fällt häufig der Satz: Wir haben da ein strukturelles Problem. Alle ringsum nicken bedächtig und wissen, wovon der oder diejenige gerade gesprochen hat. Regelrecht inflationär verbreitet sich die Floskel von den strukturellen Problemen.

Mit diesen Problemen in der Struktur sind solche sensiblen Themen wie struktureller Rassismus, Sexismus, Extremismus oder Antisemitismus gemeint. Strukturprobleme sind grundsätzlich nichts Neues. Vor Jahren fiel der Begriff oft im Zusammenhang mit regionaler Strukturschwäche und hoher Arbeitslosigkeit. Im Prinzip kann man die Redewendung „strukturelle Probleme” auf jedes Feld gesellschaftlicher Differenzen führen. Bei Kinder- oder Altersarmut, für Kriminalitätsursachen, in der Gesundheitsversorgung, beim Wandel im ländlichen Lebensraum und überhaupt zur demografischen Entwicklung.

Eigentlich können wir Menschen gar nicht anders, als überall Strukturen zu sehen. Um die kaum nachvollziehbare Komplexität von Natur, aber auch die psychisch-sozialen, ökonomischen und vielen anderen Vorgänge zu begreifen, müssen wir abstrahieren. Auf diese Weise laufen in unserem Verstand permanent strukturierende, bewertende und einordnende Vorgänge ab. Das menschliche Hirn glaubt sogar, weil sein bewusstes Denken in Begriffs- und Bedeutungsstrukturen abläuft, es könne sich selbst begreifen. Nur das viel größere Potenzial unbewusster Prozesse erfasst es dabei nicht.

So ist das auch, wenn Diskutanten über strukturelle Probleme sprechen. Alle glauben, verstanden zu haben. Nur was soll die leere Behauptung dem geneigten Zuschauer erklären? Dass wir die Strukturen ändern müssten? Davon ist allerdings nie die Rede oder es bleibt bei der Forderung, aber es geht nicht um die Frage, wie etwas geändert werden soll.

Übrigens bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir grundsätzlich ein strukturelles Problem in der Politik haben, schon der Strukturen wegen. Könnte es nicht auch sein, dass Feminismus ein strukturelles Problem ist … ­Und welche strukturellen Probleme herrschen in der Soziologie, die sich laut der Kritik eines deutschen Soziologen niemals selbst zum Untersuchungsgegenstand machen will, weil deren Vertreter in der Regel solche sind, die sich im selbstgefertigten Kokon struktureller Bequemlichkeiten befinden. Sie sehen, wir haben überall strukturelle Probleme. Selbst Journalisten wie ich tummeln sich in struktureller Verstrickung ihrer Betrachtungen. Ich glaube, da gibt es große strukturelle Probleme. Oder haben wir nur ein Problem mit der Argumentationshülse „strukturelles Problem“? Axel Römer

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