Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Römers Reich: Schneller macht langsam

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Digitale Prozesse sollen gemeinhin alles beschleunigen und vieles erleichtern. Im Alltag habe ich daran oft Zweifel. Kürzlich fragte ich wieder einmal einen Kollegen, ob er schon Antwort von Frau X erhalten hätte. Mit ihr wollte er doch das aktuelle Projekt besprechen. Ich erhielt die Auskunft, dass sich auf seine E-Mail bisher noch niemand gemeldet hätte. Diese Art der Begründung, dass noch kein Kontakt zustande gekommen wäre, erhalte ich ziemlich oft. Häufig folgt noch die Zusatzbemerkung, die betreffende Person noch einmal anschreiben zu wollen. Nun gehöre ich zu der Generation, deren erste Lebenshälfte noch komplett präinternet geprägt war. Anfang der 1990er Jahre – Leserinnen und Leser, die meine Erfahrung nachvollziehen können, werden sich erinnern – gab es nur Telefone. Mit diesen Fernsprechapparaten konnte man auf wundersame Weise mit anderen Menschen in Kontakt treten. Heute hat fast jeder ein Smartphone bei der Hand. Das Ding kann ganz viele Sachen. Nachrichten senden und empfangen, Videos oder Musik abspielen. Man hat die Weltlage vor Augen und viele andere nützliche Sachen mehr. Mein Eindruck mag ein falscher sein, aber die Ursprungsfunktion, eine Nummer zu wählen und mit dem Gegenüber in der „Leitung“ ein Gespräch zu führen, gehört offenbar nicht zu den Hauptfunktionen dieser Miniatur-Taschencomputer.

Um andere um etwas zu bitten, sich eventuell zu verabreden oder sonstwie in Kontakt zu treten, dafür schreibt man heute Kurznachrichten. Im privaten Bereich, bei Leuten, die sich gut kennen, klappt die Kurzkommunikation meistens ganz gut. Aber der berufliche Austausch hat oft genug die Geschwindigkeit eines Schneckentempos. Zumindest bei den jüngeren Kollegen, die mit viel Geduld darauf warten, dass sie nach einer guten Woche noch eine Antwort auf ihre Anfrage erhalten. Inzwischen ist das eigene Postfach so voll, dass man selbst den Überblick über die Nachrichtenflut verloren hat. Aber man setzt voraus, die anderen würden es sicher besser können.
Als es nur Telefone gab, funktionierten die Arbeitsprozesse prima. Jüngeren Menschen mag es wie ein Wunder erscheinen, dass die Analog-Alten damals überhaupt etwas zustande gebracht hatten. Ich dagegen habe den Eindruck, heute dauert alles viel länger als früher. Und das, obwohl doch eigentlich alles schneller gehen müsste. Der Unterschied zwischen einst und heute ist für mich ziemlich banal: Das verbindliche, persönliche Gespräch führte zu sofortigen Reaktionen und verbindlichen Zu- oder Absagen. Heute schreibt man ins Nirvana, kennt den Menschen am entfernten PC meist gar nicht und man bleibt für den angeschriebenen Kommunikationspartner selbst unsichtbar. Persönliche Gespräche – und würden sie nur telefonisch geführt – haben eine bessere Impulsenergie fürs Handeln. Jedenfalls dauert manches länger, was eigentlich durchs Internet beschleunigt werden sollte. | Axel Römer

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