Römers Reich: Theoretiker oder Praktiker?

Falls Sie aufmerksam die Corona-Berichterstattung verfolgen, ist Ihnen dabei schon mal aufgefallen, dass Verschwörungstheoretiker, die vor allem bei Großdemonstrationen in Berlin auffallen, nie als Verschwörungstheoretiker*innen bezeichnet werden? Schon komisch, wie bei „Gesellschaftsgerechtenden“ mit zweierlei Maß gemessen wird. Überhaupt sollten wir über einige begriffliche Verwirrungen nachdenken. Theoretiker sind bekanntlich Leute, die sich viele Gedanken über ein Thema machen und manchmal dicke Bücher darüber schreiben. Ab und an kommen auch nur kürzere Essays heraus. Nun sind solche Theorie-Zeitgenossen, die angeblich irgendwelchen Corona-Verschwörungen anhängen, gar nicht mehr so theoretisch unterwegs, sondern sie marschieren enorm praktisch durch die Bundeshauptstadt. Meine Frage also: Müsste es heute nicht Verschwörungspraktiker heißen.

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Andererseits sollten Kritiker dieser Komplott-Gläubigen wiederum begrifflich präzisiert werden. Schließlich kennen bis auf ein paar Ausnahmen aus der Virologie und anderen verwandten Wissenschaften niemand das Virus. Weder haben wir es gesehen, noch können bzw. wollen wir damit praktisch umgehen. Alles, was wir über oder zu SARS-CoV-2 wissen, ist vermittelte, graue Theorie. Beispielsweise solche über Ansteckungsgefahren, Infektionswege, sogenannte R-Werte sowie die Wirksamkeit von Eindämmungsverordnungen. Demzufolgen sind wir eigentlich fast alle nur Corona-Theoretiker. Selbst unter Infizierten befinden sich nach heutigem Wissensstand wenige Covid-19-Praktiker. Schließlich spüren Virus-Betroffene häufig gar keine Symptome. Nun wünsche ich niemandem, ein Corona-Praktiker zu werden, nur um Virus-Erfahrungen machen zu müssen oder gar einen schweren Krankheitsverlauf zu riskieren.

Man kann also schnell Theorie und Praxis miteinander verwursten oder in falsche Zusammenhänge bringen. „Wer etwas kann, der tut es. Wer nichts kann, der lehrt es.“ Das wusste der irische Schriftsteller George Bernard Shaw (1856-1950) dazu zu sagen. Von solchen, die uns heute die Praxis mit viel Theorie erklären wollen, gibt es unzählige Individuen. Im Grunde ist das schlicht ein menschliches Dilemma. In jungen Jahren haben wir keine Ahnung vom echten Leben und müssen mit der Zeit viele schmerzhafte, sehr reale Erfahrungen sammeln. Und das, obwohl wir vorher theoretisch genau zu wissen glaubten, wie das Leben funktionieren würde. Der Mensch reift also zunächst zum Theoretiker, um später praktische Meisterschaften zu erwerben. Es darf die These gewagt werden, dass das Leben eine einzige Verschwörungstheorie gegen einen selbst ist, zumal es tödlich enden muss. Man kommt mit den Jahren nach zahlreichen praktischen Missgeschicken schwerlich zu einem anderen Schluss. Axel Römer

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