Samstag, Mai 21, 2022
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Römers Reich: Über die stillen Leiden

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Debatten werden heute laut geführt. Das Wort laut darf man dabei wohl eher im übertragenen Sinn begreifen. Die Mehrzahl der Streitbeiträge findet sich in kurzen schriftlichen Botschaften auf Kanälen, die irgendetwas mit sozial zu tun haben sollen. Unter den Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gibt es heftige Grabenkämpfe. Auf der einen Seite stehen die mit Inzidenz-, Infektions- und virologisch-statistischen Kampfmitteln ausgestatteten Maßnahmenverteidiger. An der Gegnerfront schießen die Kritiker mit anderen Statistiken und argumentativen Kontra-Geschützen zurück. Der Kampf dauert nun schon über ein Jahr und wird unerbittlich geführt.

Bundes- und Landesregierung verkünden, was geht und was verboten bleibt. Wirtschaftsverbände mahnen andauernd über die Not der Unternehmen. Im ersten Lockdown, vor einem Jahr, gab es Demonstrationen von Gastronomen, Kulturschaffenden oder der Tourismusbranche. Heute demonstrieren höchstens „Querdenker“ bzw. solche Menschen, die mit verqueren Weisheiten ausgestattet sind. Das Wort „Querdenker“ war mal positiv besetzt. Jetzt ist es ein Schimpfwort, und das, obwohl man sich doch an vielen Stellen für die Interessen von queeren Menschen einsetzt. „Quer“ ist eben nicht gleich „queer“.


Überall sind jedenfalls Leute unterwegs, die sich für ihre Interessen artikulieren. Es gibt aber leider auch die stillen Menschen. Häufig sind das viele unter den Älteren. Deren Leiden unter Einsamkeit und am Mangel an Kontakten findet selten eine Lobby. Sie klagen nicht, üben sich in Zurückhaltung, sie verfügen kaum über die Kraft, um sich Gehör zu verschaffen, geschweige, dass sie die Mittel besäßen, um twittrige Zuckerberge zu ersteigen.


Wenn man mit diesen Menschen spricht, können einem manchmal die Tränen kommen. Gesundheitsschutz steht über allem und da leiden genau die, die beschützt werden sollen über Monate, dass sie unzureichende Zugänge zu medizinischer Versorgung finden. Für jeden kann man Briefwahlunterlagen versenden, aber nicht für die über 80-Jährigen, um Impftermine zu koordinieren. Das sind auch genau jene Menschen, die ausschließlich TV-Nachrichten konsumieren und mit enormer Angst angefüttert wurden. Und am Ende meiden Familienmitglieder und Bekannte Besuche. Schon vor 20 Jahren fragte mich mal eine alte Frau: „Wissen Sie, was das Schlimmste im Alter ist?“ Und ihre Antwort kam promt: „Es fasst sie niemand mehr an!“ Das ist ein lebensnotwendiges sinnliches Bedürfnis. Nun kommt noch die lange Zeit der Isolation dazu. Wahrgenommen werden aber nur die lauten Phrasendrescher. Wirkliche Leiden vollziehen sich im Stillen und werden nicht gesehen. | Axel Römer

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