Römers Reich: Vom Wettern übers Wetter

Es wird gewettert, was das Zeug hält, vor allem übers Wetter. Beide Worte haben ja unmittelbar miteinander zu tun. Und das Wettern, im Sinne von schimpfen, fluchen und zetern, wird eben von den unbestimmten Wetterereignissen, den Unwettern abgeleitet. Nun hatten wir mal wieder eine gute Woche lang Schnee und knackige Temperaturen. Rings um mich herum ging das große Wettern über das Wetter los und natürlich über all die Zeitgenossen, die dabei alles falsch machen.

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Stillstand bei den Öffentlichen Verkehrsmitteln, Winterdienste, die nicht rechtzeitig vor jeder Haustür kehrten und Blödiane, die auf schneebedeckten Straßen die Räder ihrer tiefergelegten Sportfahrwerke durchdrehen ließen und dabei bedrohlich nahe an Nachbars Auto rutschten.
Wer kann, darf sich erinnern, wie im Vorinternetzeitalter ein paar Entrüstete am Fensterbrett standen und von oben herabmeckerten wie eine Dachlawine. Heute bleiben die Fenster zu. Ich glaube nicht wegen der Kälte, sondern eher, weil sich die verbale Polterei auf diesen kleinen handgerechten Computern vollzieht. Fotos von empörungsträchtigen Situationen gibt’s für ein paar Hundert oder gar Tausend verdrahtete Avatar-Freunde gratis dazu. Das alles erstaunt mich eigentlich wenig. Gewettert wurde früher nicht weniger, nur bekam man halt die meiste Aufregung von irgendwelchen anderen nicht mit. Was mich wirklich erstaunt, ist, wie hilflos die Schneelandschaft manche Zeitgenossen macht. Wenn das eigene Auto eingeschneit ist und die Straßenbahn nicht fährt, haben offenbar ganz viele vergessen, dass sie Füße besitzen. Auch könnte man sich mit anderen zusammenschließen, um gemeinsam eine problematische Situation zu meistern. Das klappt bei einigen schon noch. Nur habe ich den Eindruck, wenn „selbstverständliche Infrastruktursysteme“ mal nicht funktionieren, schauen manche ganz schön dumm aus der Wäsche. Heute verfügt wenigstens jeder über ein Mobilfunkgerät, mit dem die eigene Verhinderung mitgeteilt werden kann. Damals musste man schon deshalb los, weil man niemandem mitteilen konnte, dass kein Weg zur Arbeit führen würde. Man fand ihn übrigens auf dem Weg dorthin.

In Berlin haben jetzt Fahrradkuriere wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen im Schnee gefordert, dass Leute kein Essen mehr bestellen sollen. Mitten im Lockdown würde man am liebsten die letzten Gastronomen wegwettern. Die jüngeren Generationen sind wirklich schlimm dran, wenn’s schneit und man nicht aus dem Homeoffice kommt. Früher durfte man wenigstens noch täglich in den Keller, um die Kohlen für die Öfen raufzuschaffen. Gut, wenn ich mich darüber echauffiere, ist das auch nur eine dumme Wetterei. Wenn Wetter kein Wettern mehr erzeugen würde, stimmt bestimmt etwas mit dem Wetter nicht. Menschen besitzen diesen Mitteilungsdrang über alles Hinderliche, vor allem wenn’s vom Wetter herrührt. | Axel Römer