Römers Reich: Wir lieben Menschen

Geneigte Leserin, geneigter Leser, ich möchte Sie hier besonders freundlich ansprechen. Falls Sie sich zwischen der weiblichen und männlichen Anrede befinden wollen, sende ich gern noch ein Sternchen mit. Leider scheint sich unter einer Berücksichtigung unterschiedlicher geschlechtlicher Empfindungen und dem damit verbundenen Ansinnen, möglichst angemessene Sprachgerechtigkeit zu entwickeln, nicht der gewünschte Erfolg einzustellen. Oder wie erklären Sie sich Ausschreitungen und Randale in deutschen Innenstädten? Fortlaufend wird auch die Zunahme von Hass und Hetze beklagt. Ich mache mir wirklich Sorgen um den Zustand unserer Gesellschaft.

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Bekanntlich stirbt eine Hoffnung zuletzt, und deshalb setze ich natürlich auf die Mehrheits-Weitsicht der Magdeburger Stadträte. Seit Anfang des Jahres dürfen sich alle „Rathaus-Mitarbeitenden“ – ich hoffe, ich habe diese korrekt gegendert – in Sternchinnen-Schreibweisen üben. Es kann nun nicht mehr lange dauern, bis überall Gerechtigkeit einzieht. Im schönen Baden-Württemberg hält man von den Zwischensymbolen für Menschen mit Inter-Trans-ohne-Geschlecht usw. offenbar eher nichts. Dort liegen nämlich ganz andere Vorschläge für die Anrede von Einwohnern – oder muss es Einwohnende heißen? – auf dem Tisch. Ich bin in solchen Schreibweisen nicht ganz sattelfest. Jedenfalls denkt man dort daran, „Sehr geehrte Damen und Herren“ beispielsweise durch „Sehr geehrte Aktive“ zu ersetzen. Favorisiert wird auch die wundervolle Begrüßungsformel „Liebe Menschen“.
Als sogenannter Cis-Mann (d. h. meine Geschlechtsidentität entspricht dem Geschlecht, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde) darf ich über solche Belange nicht mitreden, weil ich ja nicht weiß, wie es sich anfühlt, eine andere Identität zu entwickeln. Aber einen politisch wichtigen Hinweis möchte ich doch machen. Wie wollen die Stuttgarter die Schreibart „Liebe Menschen“ rechtfertigen, wenn sie damit verurteilte Rechtsverletzer anschreiben oder Bußgeldbescheide verschicken. Was ist, wenn angeschriebene Bürger fiese Populisten sind, Rassisten oder gar Nazis? Ich bin mir da nicht sicher, ob das Adjektiv „lieb“ in diesem Zusammenhang politisch korrekt wäre. Im Sinne der Erfinder solcher Formulierungsversuche ist das bestimmt nicht. Mit Bedacht, aktive Lesende, habe ich für Sie die Anrede „liebe“ vermieden. Ich kann schließlich nicht wissen, ob Sie mir wirklich lieb gesonnen sind.

Es sind große Probleme, die landauf landab in Verwaltungen mittels Schreibweisen zu bewältigen sind. Selbstkritisch möchte ich bekennen, dass es sicher auch mit an mir und meinen veralteten Vorstellungen liegt, dass sich die ungerechten Zustände in der Gesellschaft nicht zum Besseren wandeln. Die lieben Menschen werden es bestimmt noch schaffen, spätestens nach mir. | Axel Römer

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