Römers Reich: Wohlstand schafft Abschwung

Der demografische Wandel hat viele Gesichter. Das eine zeigt sich immerzu und heißt Fachkräftemangel. Laut dem Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHK) können 47 Prozent der Unternehmen langfristig für offene Stellen keine passenden Bewerber mehr finden. 39 Prozent richten sich gar darauf ein, ihre Angebote zurückzufahren und Aufträge abzulehnen. Die Klagen darüber sind groß. Aber es gibt stets eine andere Sicht auf die Dinge.

Mit einer älter werdenden Bevölkerung nehmen zahlreiche Konsumwünsche ab. Irgendwann kauft man keine neuen Möbel mehr, im Alter isst man weniger, das Mobilitätsverhalten lässt nach, nur die Bedürfnisse für Gesundheitsdienstleistungen werden sicher wachsen. Der deutsche Wohlstand ging einher mit Kinderplanungsfortschritt und sinkenden Geburtenraten. Eigentlich müsste unter diesen demografischen Aspekten die Kritik an der Überfluss- und Konsumgesellschaft zurückgehen. Weniger Individuen fragen weniger Produkte und Dienstleistungen nach und die Älteren unter uns werden ohnehin genügsamer. Dies dürfte Einfluss auf die Wirtschaft haben und das viel beschworene ewige Wachstum in sein Gegenteil befördern. Dass dies nicht geschieht, hat globale Gründe, denn Deutschland kann noch viele Produkte exportieren, weil auf anderen Kontinenten die Menschheit weiter wächst. Der Anteil an Ressourcen und Energie, den Deutschland aufgrund der Demografie innerhalb der Gesellschaft benötigt, würde eigentlich fortlaufend abnehmen. Umweltbelastungen, Flächenverbrauch müssten rückläufig sein.

Doch so einfach ist das wiederum nicht. Schließlich gibt es Migration und Flucht. In der Wirtschaft sieht man darin manchmal einen Ausweg, um neue Arbeitskräfte zu gewinnen. Leider klappt das in der Realität nicht so wie im Wunschdenken. Außerdem strömen vielfach Menschen aus warmen Erdregionen in die kühlere Nordhemisphäre, müssen hier also im Winter beheizt werden. Das dürfte Klimaschützern eigentlich nicht so gefallen, weil dadurch der Energieeinsatz hierzulande nicht sinken, sondern vielleicht sogar steigen würde. So genau lässt sich das nicht prognostizieren.

Der Ökonom Dietrich Vollrath sagt über demografische Auswirkungen: „Wir sind die Opfer unseres eigenen Erfolges … Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums ist weniger das Ergebnis von Dingen, die schiefgegangen sind, sondern von Dingen, die uns gelungen sind.“ Wohlstand schafft Abschwung – so könnte man es auch sagen. Auf solche Entwicklungen verweisen Gesellschaftskritiker nicht, und Menschen, die den Kohlendioxid-Verbrauch richtigerweise eindämmen wollen, reden erst gar nicht über so komplexe demografische Zusammenhänge. Schade. | Axel Römer

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