Sachsen-Anhalt: Ein Sportland – klein, aber fein

Die Leibesübungen stellen in Sachsen-Anhalt von jeher einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Lebens dar. Von Erfolgen und den Mühen der Ebene. | Von Rudi Bartlitz

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Wenn Synonyme für Sachsen-Anhalt gesucht werden und das Wort vom ewigen Bindestrich-Land nicht so recht taugen will, nehmen Redner aller Couleur, Politiker, aber auch Journalisten, gern bei einer Bezeichnung Zuflucht, die auf den ersten Blick ein wenig abgegriffen erscheint. Sie reden (oder schreiben) dann gern, wenn es denn nur einigermaßen in den Kontext passt, vom Sportland Sachsen-Anhalt. Das mag ausgereizt klingen, hat aber einen nicht zu unterschätzenden Vorteil – da kann man nicht allzu viel falsch machen. Das mit dem Sportland, das stimmt einfach.

Das erste Mal, dass dieses kleine, neu geschaffene Ländchen mit seinen nicht einmal drei Millionen Einwohnern weltweit sportlich so richtig in den Fokus rückte, war 1992 bei Olympia in Barcelona. Man schrieb den 28. Juli, als Schwimmerin Dagmar Hase oben auf dem Montjuic-Berg die wohl größte Sensation im olympischen Becken gelang, als sie der turmhohen Favoritin und Weltrekordlerin über 400 Meter Freistil, der US-Amerikanerin Janet Evans, in einem dramatischen Millimeter-Finish das Nachsehen gab. „Oh, my goodness“, stöhnte der NBC-Reporter nebenan. „Die deutsche Flagge weht tatsächlich ganz oben.“ Die Spiele hatten eine weitere Sensation. Vollbracht von einer 22-Jährigen aus Magdeburg.
Was die Weltöffentlichkeit dann nicht mehr so intensiv mitbekam, die deutsche hingegen umso mehr, war der Auftritt Hases am selben Abend bei Günter Jauch im deutschen TV-Studio. Unter Tränen brach heraus, was sich über Monate in ihr angestaut hatte. Ihre Anklage gegen die deutsche Verbandsführung, ergreifend und mutig zugleich. Die Schwimmerin war unter Druck gesetzt worden, als sie sich für die Olympia-Nominierung ihres Trainers Bernd Henneberg engagierte. Ihre Freundin Astrid Strauß, sagte sie, sei zuvor bei den deutschen Meisterschaften in München wegen Dopingvorwürfen öffentlich hingerichtet und „wie ein Tier behandelt“ worden. Am nächsten Morgen sprach ganz Deutschland über die Olympiasiegerin aus Magdeburg.

Hase war nicht die einzige aus Sachsen-Anhalt, die in Barcelona für Furore und Schlagzeilen sorgte. Außer ihr kehrten noch sechs Sportler mit einer Goldmedaille aus der katalanischen Metropole in die Heimat zwischen Arendsee und Zeitz zurück: Speerwerferin Silke Renk, die Ruderer Thomas Lange, Andre Willms und Andreas Hajek sowie die beiden Kanuten Ulrich Papke und Ingo Spelly. Neun von 14 Olympia-Startern des Landes holten eine Medaille. Eine aus heutiger Sicht unvorstellbare Bilanz. Hinzu kamen noch dreimal Silber (zweimal Hase sowie Papke/Spelly) und zweimal Bronze (Kathrin Neimke, Olaf Heukrodt).

Wenn nach Gründen gesucht wird, warum in der Folge immer wieder vom Sportland Sachsen-Anhalt die Rede war, hier sind die historischen Wurzeln dafür zu finden. Später sollte es fast schon so etwas wie ein Running Gag hiesiger Sportpolitik werden, wenn der Ex-Präsident des Landessportbundes Heinz Marciniak bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit darauf verwies, dass das Land mit einem Anteil von gerade einmal drei Prozent der Gesamtbevölkerung bei internationalen Titelkämpfen fast jede zehnte Medaille hole. Lachen und Applaus aus allen Richtungen waren ihm sicher …

Wer damals einigermaßen realistisch auf die Sportszene sah, erkannte schnell: Viele der Top-Erfolge waren einfach dem Erbe des umstrittenen, letztlich aber erfolgreichen DDR-Systems geschuldet. So sehr es also in der absoluten Spitze (noch) stimmte, an der sportlichen Basis brach in Sachsen-Anhalt, wie überall im Osten, vieles in sich zusammen. Fast alle der vom Staat und den volkseigenen Betrieben wirtschaftlich alimentierten und subventionierten Klubs und Vereine gerieten in Schwierigkeiten oder verschwanden im schlimmsten Fall ganz von der Bildfläche, weil es erst den Staat und dann die Unternehmen nicht mehr gab.

Gerade im Breitensport wurde sichtbar, welcher Raubbau in den zurückliegenden Jahrzehnten an den Sportanlagen getrieben wurde. Marode Hallen, Sportplätze und Bäder, wohin man blickte. Trainer und Übungsleiter waren beschäftigungslos, weil sie niemand mehr bezahlen konnte (und teils auch wollte). Es fehlte einfach an allem. Als 1992 der „Goldene Plan Ost“ des Sports aufgelegt wurde, kam die darin enthaltene Bilanz des Ostsports einem Blick in den Abgrund gleich. Ein Fass ohne Boden. Um das alles wieder ins rechte Lot zu bringen, durfte man, das wurde schnell klar, nicht in Jahren rechnen, sondern in Jahrzehnten. Selbst dreistellige Millionenbeträge würden nicht ausreichen. Da waren Abermilliarden fällig.

Was für den Osten als Ganzes zutraf, traf natürlich auch auf Sachsen-Anhalt zu. Es musste aufgeräumt, Altes saniert, Neues errichtet werden. Seit 1991 gingen die jeweiligen Regierungen, egal in welcher politischen Zusammensetzung, daran, neue Grundlagen für den Sport zu legen. Wohlgemerkt nicht nur für den Hochleistungssport, sondern für alle Bereiche der Leibesübungen. Zwischen 1992 und 2020 stellte das Land knapp eine Dreiviertel Milliarde Euro dafür bereit. Das geht aus einer Anfrage dieser Zeitung an das für den Sport zuständige Innenministerium hervor. Die Summe umfasst sowohl den Sportstättenbau wie auch die Förderung der Sportorganisationen (Landessportbund, Fachverbände, Kreis- und Stadtsportbünde, Vereine), den Leistungssport (z. B. Förderung des Olympiastützpunktes, Unterstützung von Trainingsmaßnahmen für die Olympischen Spiele), Projektförderung für Sportorganisationen, Mittel für den Bereich Integration sowie die Förderung von Wettkampfveranstaltungen.

Bemerkenswert dabei: Trotz so mancher in der Vergangenheit nötigen Sparrunde bei öffentlichen Mitteln, die den Betroffenen so richtig wehtat, beim Sport wurden keine nennenswerten Abstriche vorgenommen. Da war im Sportland – das mag jetzt sehr staatserhaltend klingen – Verlass auf die Regierenden. Und noch etwas sollte nicht übersehen werden: Wenn im Osten einstige Großklubs wie die an die Sicherheitsorgane gekoppelten ASK Potsdam, ASK Frankfurt/Oder und Dynamo Berlin, aber auch solche wie Empor Rostock, Einheit Dresden, Motor Jena, Turbine Erfurt oder die beiden Leipziger Vereine SCL und DHfK entweder ganz von der Bildfläche verschwanden beziehungsweise ziemlich zusammenschmolzen, der SC Magdeburg blieb in seinen Strukturen im Wesentlichen erhalten. Hier wurde, trotz aller finanziellen Probleme, weiterhin an fünf olympischen Sportarten (Leichtathletik, Schwimmen, Rudern, Kanu und Handball) festgehalten.

Dies ist, das gebietet einfach die historische Wahrheit, unter anderem einem Mann zu verdanken, der später anderweitig ins Zwielicht und mit der Justiz in Kollision geriet: Bernd-Uwe Hildebrandt. Der umtriebige Multifunktionär (Olympiastützpunktleiter, Handball-Manager usw.) hatte schnell erkannt, wohin künftig der Hase läuft und knüpfte bereits kurz nach der Wende Kontakte zu Machern im Westen wie zum Chef des Olympiastützpunktes Tauberbischofsheim, Fechtbundestrainer Emil Beck, und später auch zum heutigen IOC-Chef Thomas Bach. Und ebenso zur Wirtschaft. Der damalige Daimler-Boss Edzard Reuter, Sohn des einstigen Magdeburger Bürgermeisters Ernst Reuter (1931 bis 1933), sagte dem Autor dieser Zeilen bei Olympia 1992 in Barcelona: „Ich verfolge die Entwicklung in der Stadt, in der mein Vater einst Bürgermeister war, mit viel, viel Sympathie.“

Wenn dem Sport in den 90er Jahren etwas besonders auf den Nägeln brannte, war es der mehr als beklagenswerte Zustand der Sportanlagen – oder die Tatsache, dass es überhaupt keine gab. So mussten die Handballer des SC Magdeburg – außer den Eisbären Berlin der einzige ostdeutsche Verein, der es von der Wende bis heute durchgehend in eine der führenden Bundesligen schaffte – bis 1998 ihre Erstliga-Partien in der viel zu kleinen und engen Gieselerhalle austragen. Es war wie eine Befreiung, als dann der Umzug in die neu errichtete Bördelandhalle (heute Getec-Arena) vollzogen werden konnte.

Auch anderswo schossen Neubauten aus dem Boden: die Leichtathletikhallen in Magdeburg und Halle, neue Schwimmhallen in Halle und Dessau, die Sanierung der Elbe-Schwimmhalle in Magdeburg. Neu entstand der Sportkomplex Robert-Koch-Straße in Halle, wo 2016 auch der Ersatzneubau des einstigen Kurt-Wabbel-Stadions fertiggestellt wurde. Nicht zu vergessen in der Liste der wichtigs-ten Maßnahmen im Sportstättenbau in Sachsen-Anhalt: die Sanierung der Internate und Mensen der Sportschulen in Halle und Magdeburg. Wenn auch nicht mit staatlichen Mittel, sondern unter privater Ägide geschaffen wurde 1997 der Motopark Oschersleben. Die 3,6 Kilometer lange Piste war seinerzeit die dritte permanente Rennstrecke Deutschlands. Rund 58 Millionen Euro wurden hier auf einem ehemaligen Börde-Maisfeld investiert.
Rein sportlich ging es in Sachsen-Anhalt in den olympischen Sportarten, nachdem der Vorrat der DDR-Vergangenheit aufgebraucht war, in den später Neunzigern und Zweitausendern peu a peu bergab. Die Plaketten, die die Kanuten Conny Waßmuth und Andreas Ihle 2008 aus Peking mitbrachten, sollten für fast ein Jahrzehnt das letzte olympische Gold bleiben, bis Ruderin Julia Lier in Rio im Doppelvierer wenigstens nachzog. Den Tiefpunkt bildete 2012 London, wo es nur einmal Bronze für das (einige fragten schon besorgt: eins-tige?) Sportland Sachsen-Anhalt zu gewinnen gab.

In den beiden sogenannten Kernsportarten Sachsen-Anhalts, Fußball und Handball, ging die Entwicklung im Land ziemlich konträre Wege. Während es den Männern mit der kleineren Lederkugel gelang, sich von Anfang in der deutschen Spitze, sprich Bundesliga, zu etablieren, wies der Weg des Fußballs eher in die andere Richtung. Der SC Magdeburg gehörte als einziger Ostklub von Anfang an der Beletage des deutschen Handballs an, 1996 holte man den ersten gesamtdeutschen Titel an die Elbe und wurde Pokalsieger. Dies wirkte wie eine Initialzündung. Fünf Jahre danach feierten die Grün-Roten erstmals die deutsche Meisterschaft, zwölf Monate später dann der bisher größte Triumph, der Gewinn der Champions League. Der SCM unter Trainer-Legende Alfred Gislason und mit Stars wie Stefan Kretzschmar, Henning Fritz, Olafur Stefansson, Nenad Perunicic, Joel Abati und Oleg Kuleschow war der erste deutsche Verein, der den wertvollsten Pokal im Vereinshandball gewann.

Eher düster verlief die Entwicklung im Fußball. Während der Hallesche FC nach der Wende zumindest für ein Jahr den Sprung in die zweite Bundesliga schaffte, gelang es dem Traditionsverein 1. FC Magdeburg (1974 immerhin einziger Europapokalgewinner der DDR) 28 Jahre nicht, über die vierte und später die dritte Liga hinauszukommen. Erst 2018 stiegen die Blau-Weißen in den Profifußball ein, um zwölf Monate darauf prompt wieder den Weg in die Gegenrichtung einzuschlagen.

Dafür spielte die Musik nun woanders. Nach der Jahrtausendwende tauchten – selbst für Experten ein wenig überraschend – zwei neue Sterne an Sachsen-Anhalts Sporthimmel auf, die international für Furore sorgten: die Magdeburger SES-Boxer und die Kegler von Rot-Weiß Zerbst. Promoter Ulf Steinforth, der zunächst zweimal die Amateure vom 1. BC Magdeburg zur deutschen Mannschaftsmeisterschaft geführt hatte, gründete 2000 ein eigenes Profi-Team, aus dem später umjubelte Welt- und Europameister wie Robert Stieglitz, Natascha Ragosina, Lukáš Konečný, Jan Zaveck, Robin Krasniqi, Agit Kabayel und Dominic Bösel hervorgingen. Noch beeindruckender liest sich die Erfolgsliste der Kegler aus dem Anhaltischen: neunmal Weltpokalsieger, Gewinner der Champions League 2010, 2015 und 2017, seit 2006 fünfzehn Mal deutscher Meister ohne Unterbrechung. Die Sportjournalisten des Bundeslandes würdigten diese einmalige Triumph-Serie sechsmal mit der Auszeichnung als Mannschaft des Jahres in Sachsen-Anhalt, zuletzt im Dezember 2019.

Dass dies ausgerechnet einer wahrlich nicht mit Geld und Sponsoren gesegneten Mannschaft aus einer Randsportart wiederfuhr, vermag vielleicht, so ganz nebenbei, auch ein wenig über das Land Sachsen-Anhalt und den hier praktizierten Sportgeist auszusagen.

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