Sachsen-Anhalt: Ein vielfach schweres Erbe

Der Boden auf dem Sachsen-Anhalts-Grenzen gezogen wurden, ist tief getränkt mit Geschichte. Manche historische Katastrophe spielte sich im mitteldeutschen Raum ab. Dreißigjähriger und 2. Weltkrieg hinter ließen für die Bewohner der Gebiete sicher die größten Narben. Die Gründerzeit ließ hier die Wiege für viele Industriezentren entstehen. 1945 war jedoch eine große Anzahl solcher Anlagen zerstört. Andere wurden demontiert und als Reparationsleistungen mit Güterzügen in Richtung Sowjetunion abtransportiert. Unter der Teilung Deutschlands blieb der östliche Teil gegenüber dem Rest der Bundesrepublik wirtschlich zurück. Selbst mit der Deutschen Einheit vor 30 Jahren musste das neue Sachsen-Anhalt zunächst den Abbau einstiger Großbetriebe und den Niedergang vieler Branchen erleben. Damit verbunden war auch ein Ausbluten der Bevölkerung. Lebten 1985 noch über 3 Millionen Menschen auf dem heutigen Landesgebiet, waren es zehn Jahre später schon 300.000 weniger. Bis 2011 reduzierte sich die Einwohnerzahl insgesamt auf 2,27 Millionen Köpfe. Inzwischen ist zwar der Wegzug aufgehalten, dafür wirken demografische Effekte um so mehr. Ende 2019 wurde die Marke von 2,2 Millionen unterschritten.
Auch wenn in den Grenzen des Landes vieles neu entstehen konnte, sind die Folgen des Krieges, der Teilung und des Einheitsprozesses immer noch an den Daten zu Wirtschaftskraft und Einkommen spürbar. 2019 wird für Sachsen-Anhalt ein Bruttoinlandsprodukt von 63,5 Milliarden Euro angegeben. Damit nimmt das Land den 13. Platz im Ländervergleich ein. Dahinter rangieren Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Bremen. Das heute wirtschaftsstarke Bayern war bis zur Gründung der BRD hauptsächlich von Landwirtschaft geprägt. Dort siedelten sich später Firmen an, die ihren Ursprung im mitteldeutschen Raum hatten und die vor den Entwicklungen in der sowjetischen Besatzungszone geflohen waren. Bis heute existiert in Sachsen-Anhalt nicht eine Konzernzentrale eines börsennotierten Unternehmens.

Wirtschaftskraft kann man ganz gut in Zahlen ausdrücken, aber wie wollte man die Identifikation, Landestraditionen oder so etwas wie die Seele des künstlichen Gebildes fassen? Sachsen-Anhalt schließt in seinen heutigen Grenzen Teile der Provinz Sachsen, der Preußischen Provinz, verschiedenen anhaltische Fürstentümer und einen Teil des Herzogtums Braunschweig ein. Eine lange gewachsene Landesidenverbundenheit wie sie die Freistaaten Sachsen oder Thüringen nachweisen können, sind hierzulande eher mit einem Potemkinschen Dorf vergleichbar. Zwar sind nach 1945 auch in Westdeutschland Regionen zu Ländern gefügt worden, aber diese haben für ein vereinendes Landesverständnis eben 40 Jahre Vorsprung. Das sind zwei ganze aufgewachsene Generationen mehr als im Osten. Natürlich kann man ein Gebiet unter gemeinsamen Landesfarben einheitlich verwalten, aber subtil wirkende Befindlichkeiten aus der Vergangenheit können da an der einen oder anderen Stelle wie Strohfeuer wirken. Für junge Sachsen-Anhalter, die nach 1990 aufgewachsen sind, mögen solche nachhallenden, historischen Belange nicht bewusst sein. Sie sich zu vergegenwärtigen, hilft Entwicklungen in ihren Schwierigkeiten besser zu verstehen. Immerhin hat Sachsen-Anhalt inzwischen mit einigen historischen Schätzen punkten können. Ob das die Himmelsscheibe von Nebra, Luther und Reformation oder die Bauhaus-Geschichte sind – die Kraft dieser Überlieferungen strahlt auch auf das kulturelle Erbe Deutschlands aus.

Es wird bestimmt noch zwei Generationen brauchen, bis das Kunstwerk Sachsen-Anhalt emotional, traditionell geschlossener und mit stärkerer Identifikation auftrumpfen wird. Wenn man sich jedoch das vielfach schwere Erbe bewusst macht, bekommt man eine vage Vorstellung von den Umwälzungsleistungen in diesem Land. | Thomas Wischnewski

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