Sachsen-Anhalt: Erhard Hübener – Der Erste dieses Landes

Straßennamen sind nicht nur essenziell für die Orientierung in einer Stadt, sie sind oft auch mit einer Geschichte verbunden, verraten etwas über geografische Gegebenheiten oder erinnern an berühmte Persönlichkeiten. Während im Mittelalter die Gassen hauptsächlich nach Waren wie Butter, Salz oder Heu benannt wurden, mit denen man vor Ort handelte, ist die Vielfalt heute weitaus größer. Tiere, Pflanzen, Städte, Schriftsteller, Musiker, Politiker … die Bezeichnungen reichen von simpel und eindeutig bis kurios. Oft genug kommt es jedoch vor, dass man sich an Straßennamen gewöhnt hat, ohne sie zu hinterfragen oder dass man sie gar nicht wahrnimmt. Vielleicht geht es der einen oder anderen Person, die diesen Beitrag liest, auch so – beispielsweise im Falle des Erhard-Hübener-Platzes in Magdeburg.

folgt uns für weitere News

Für viele ist das der Platz links neben der Grünen Zitadelle. Dort trifft man sich, wenn man verabredet ist, dort findet der Weihnachtsmarkt statt, dort schickt man Touristen entlang, die das Kloster unser lieben Frauen suchen – eben links am Hundertwasserhaus vorbei. Wie viele Menschen würden sagen: Wir treffen uns auf dem Erhard-Hübener-Platz? Und wie viele wissen eigentlich, wer Hübener war? Autor und Politiker, ließe sich einfach konstatieren. Den Namen des ersten Bundeskanzlers, ebenso den des ersten Bundespräsidenten dürften viele abgespeichert haben. Und der erste Ministerpräsident des Bundeslandes Sachsen-Anhalt? Genau. Erhard Hübener.

Dass ihm in Magdeburg ein zwar zentraler, jedoch recht unauffälliger (wer achtet schon auf das Straßenschild?) Platz gewidmet ist, liegt möglicherweise daran, dass Hübener, nachdem ihm die Sowjetische Militäradministration im Juli 1945 das Amt des Präsidenten der Provinz Sachsen übergeben hatte, Halle an der Saale zur damaligen Landeshauptstadt ernannte. Gründe dafür war die im Vergleich zu Magdeburg geringere Kriegszerstörung, die Universität als geistig-kulturelles Zentrum sowie die günstige verkehrspolitische Lage. Sein großes Ziel – die Gründung Sachsen-Anhalts – verfolgte Erhard Hübener seit den 1920er Jahren und hielt trotz einiger Rückschläge stets daran fest.
1881 als Sohn eines Pfarrers in Tacken, heutiger Landkreis Prignitz in Brandenburg, geboren, besuchte Erhard Hübener die Landesschule Pforta bei Naumburg und studierte anschließend an den Universitäten Kiel und Berlin Staatswissenschaften, Geschichte und Philosophie. Nach seiner Promotion zum Doktor philosophiae (Dr. phil.) im Jahr 1905 war er als volkswirtschaftlicher Sekretär und Syndikus der Handelskammer von Berlin tätig, bevor er nach dem Ersten Weltkrieg in den Staatsdienst trat und das Amt des Ministerialrats im Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe übernahm. Zuvor war Hübener der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) beigetreten. 1922 wechselte er in die preußische Provinz Sachsen, wo ihn der Landtag in Merseburg zum 1. Landrat ernannte. 1924 wurde er schließlich zum Landeshauptmann der Provinz gewählt. Dieses Amt hatte er bis zur Dienstentlassung durch die Nationalsozialisten 1933 inne. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befasste sich Hübener mit künstlerischen und wissenschaftlichen Fragen und verfasste Schriften unter dem Pseudonym J. S. Erhard.
Während seiner Tätigkeit als Landeshauptmann der Provinz Sachsen in den 1920er Jahren entwickelte sich Hübener zum Verwaltungsexperten und erstellte ein Konzept zur Neugliederung Mitteldeutschlands, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Basis für die Gründung des Landes Sachsen-Anhalt diente. Gemeinsam mit dem damaligen Magdeburger Oberbürgermeister Hermann Beims und dem Landrat in Merseburg sowie Vorsitzenden des Landbundes in der Provinz Sachsen, Tilo von Wilmowsky, suchte er nach Lösungen in der Neugliederungsdebatte. Ziel war es, die territoriale Zersplitterung in Anhalt, Teilen Thüringens und im Raum Halle-Leipzig zu überwinden. Sein Modell, wie die Dreiteilung Mitteldeutschlands in die Länder Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen aussehen könnte, arbeitete er im Jahr 1929 aus.

Erhard Hübeners Ideen wurden aufgrund der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zunächst nicht umgesetzt. Erst mit dem Zusammenbruch des NS-Staates wurde sein Gedanke zur Neugliederung Mitteldeutschlands wieder aufgegriffen und umgesetzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete er mit weiteren Gleichgesinnten die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) in Halle an der Saale. Von der amerikanischen Besatzungsmacht wurde Hübener 1945 erneut in das Amt des Landeshauptmanns berufen, um kurz darauf von der Sowjetischen Militäradministration zum Präsidenten der Provinzialverwaltung der Provinz Sachsen ernannt zu werden. Am 3. Dezember 1946 schließlich wurde er von einer Mehrheit von LPDP und CDU im Landtag von Sachsen-Anhalt zum Ministerpräsidenten gewählt – zum Missfallen der sowjetischen Besatzungsmacht, da er in der Besatzungszone der einzige auf diesem Posten war, der nicht der SED angehörte.

Als erster Ministerpräsident des jungen Bundeslandes setzte sich Erhard Hübener für die Einheit Deutschlands ein und wirkte maßgebend an der einzigen gesamtdeutschen Ministerpräsidentenkonferenz im Juni 1947 in München mit, die die drohende Spaltung Deutschlands in den Fokus nahm. Schnell musste er jedoch erkennen, dass seine Bemühungen um einen demokratischen und föderalen Neubeginn vergebens sind, da auch etliche westdeutsche Ministerpräsidenten – darunter ein langjähriger liberaler Parteifreund – keine Maßnahmen zur Erhaltung der deutschen Einheit ergreifen wollten. Auf aussichtslosem Posten trat er schließlich zum 1. Oktober 1949 vom Amt des Ministerpräsidenten zurück und war danach als Professor für Verwaltungsrecht an der Martin-Luther-Universität tätig.
Erhard Hübener verstarb am 3. Juni 1958 bei einem Kuraufenthalt in Bad Salzuflen. Beigesetzt wurde er in Wernigerode, wo er zuletzt gelebt hatte. Nach ihm wurde die FDP-nahe Erhard-Hübener-Stiftung benannt und auf Initiative der FDP-Ratsfraktion im Jahr 2006 erhielt der Platz neben der Grünen Zitadelle seinen Namen. Tina Heinz

Quellen: Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien. 2 Bände, Links Verlag, Berlin
Mathias Tullner: Geschichte des Landes Sachsen-Anhalt. Leske + Budrich Verlag, Opladen Munzinger – Internationales Biographisches Archiv (www.munzinger.de)

Vielleicht gefällt dir auch