Sachsen-Anhalt: Junges Land mit tiefen Wurzeln

Sachsen-Anhalt wurde als deutsches Land gleich zweimal unter komplizierten Umständen im 20. Jahrhundert gegründet: Nach dem Zweiten Weltkrieg sowie nach der friedlichen Revolution in der DDR und der Wiedervereinigung.

Die Frage nach dem eigentlichen Beginn des Landes Sachsen-Anhalt lässt sich leicht beantworten: Mit der Bildung der Provinz oder vielmehr des Landes Sachsen-Anhalt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Formell ist diese Antwort richtig. Sachsen-Anhalt in seiner heutigen Form begann somit erst 1947 zu existieren, allerdings um bereits 1952 wieder aus den Geschichtsbüchern zu verschwinden. Der Landesgeschichte im engeren Sinn, steht aber eine sehr viel ältere und reichere Geschichte Region, die das Land einnimmt, gegenüber. Sie lässt sich bis in die Frühgeschichte zurückverfolgen. Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt, im Wesentlichen der historische Raum zwischen Harz, Mittelelbe und unterer Saale, zählt zu den ältesten deutschen Geschichts- und Kulturlandschaften. Hier liegen die Wurzeln der deutschen Geschichte.

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Bis in die Zeit der Frühmenschen reicht die Besiedelungsgeschichte Mitteldeutschlands zurück. Vor einer Million Jahren wanderte der Homo erectus, der „aufrecht gehende Mensch”, von Afrika aus auch nach Europa und erreichte vor etwa 400.000 Jahren Mitteldeutschland. Die Funde eines fossilen Schädeldachs bei Bilzingleben in Thüringen, Faustkeilfunde von Helfta bei Eisleben und die Speere von Schöningen im östlichen Niedersachsen zeugen von seiner Anwesenheit. Vor etwa 200.000 Jahren erreichte – wieder von Afrika aus – eine andere Menschenart den Norden Europas, der Neandertaler. Er lebte am Rande der Eismassen, die noch den nördlichsten Teil von Sachsen-Anhalt bedeckten. Diese Menschenart war an eiszeitliche Bedingungen sehr gut angepasst und streifte über 150.000 Jahre durch die Regionen, bis ihnen vor circa 40.000 Jahren der moderne Mensch (Homo sapiens) nach Europa folgte.

Vor rund 7.000 Jahren entstanden die ersten Siedlungen, die Menschen wurden sesshaft. Und sie kannten das Sternbild der Plejaden. Die „Astronomen” oder auch Schamanen entdeckten die Tages- und Nachtgleiche und die Sonnenwende. Sie konnten die Jahreszeiten anhand der Sternenkonstellationen am Firmament zu deuten. 1.600 Jahre vor der Zeitrechnung schufen diese Menschen ein einzigartiges Instrument: Die Himmelsscheibe von Nebra. Nicht nur dieses Instrument., sondern auch das älteste bislang bekannte Observatorium stammt aus dem heutigen Sachsen-Anhalt: zwischen Weißenfels und Naumburg über der Saale gelegen.

Im 5. Jahrhundert entstand als erstes staatliches Gebilde in der Region das Reich der Torongi, der Thüringer, das bis an den Rand des Harzes reichte. Auf der Westgrenze des Thüringer Reiches, das sich über das gesamte heutige Sachsen-Anhalt erstreckte, organisierte sich das Stammesvolk der Sachsen. Die Schwertgenossen „Sahsnotas”, so ihre frühere Bezeichnung, wählten in Kriegszeiten ihren Stammesführer in einem demokratischen Verfahren. Die Sachsen wurden, in den bis 814 andauernden Sachsenkriegen von Karl dem Großen missioniert. Bei Halle und Magdeburg entstanden imposante Befestigungsanlagen. Die mitteldeutsche Region wurde Stammland der ottonischen Herrscher und deren Machtbasis. Hier entwickelte sich unter Heinrich I. und seinem Sohn und Nachfolger Otto dem Großen das Zentrum eines feudalen Reiches. Für die Frühzeit des Heiligen Römischen Reichs war die Bedeutung Magdeburgs herausragend. Kein anderer Ort ist enger mit dem Leben und Wirken Ottos des Großen verbunden. Seine Erneuerung des abendländischen Kaisertums sollte die Geschichte Europas für mehr als acht Jahrhunderte prägen.

Kulturhistorisches Zeugnis aus der damaligen Zeit sind die Merseburger Zaubersprüche, eine altdeutsche Handschrift aus dem 10. Jahrhundert. Eine bedeutsame Persönlichkeit im damaligen Sachsen-Anhalt war der Geschichtsschreiber Thietmar von Walbeck, der Ende des 12. Jahrhunderts dem Bistum Merseburg vorstand. Im Territorium Sachsen-Anhalts schrieben außerdem zwei Männer deutsche Rechtsgeschichte: Erzbischof Wichmann mit dem „Magdeburger Recht” und Anfang des 13. Jahrhunderts Eike von Repgow mit dem „Sachsenspiegel”. Das Rechtsbuch enthielt Aussagen zum Privat- und Strafrecht. 1502 wurde in Wittenberg eine der ältesten deutschen Universitäten gegründet. Fünfzehn Jahre später legte Martin Luther mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen den Grundstein für die Reformationsbewegung. Somit wurde im 16. Jahrhundert Wittenberg zum Zentrum der Reformation und ein neues Kapitel in der Weltgeschichte aufgeschlagen. Heute bekennen sich weltweit über 400 Millionen Menschen zum Protestantismus. Luthers Einfluss auf das Bildungssystem, die Kultur und mentalen Einstellungen ist unverkennbar. Sozialgeschichtlich prägte der Protestantismus das deutsche Bildungsbürgertum. 1631 zum Höhepunkt des 30-jährigen Krieg stürmten kaiserliche Truppen unter Tillys Magdeburg und machten die blühende Stadt dem Erdboden gleich. Die Stadt und eine gesamte Region verlor ihre zentrale Bedeutung. Mitte des 17. Jahrhunderts machte der Magdeburger Otto von Guericke von sich reden, als er mit seinem berühmten Halbkugel-Versuch das Vakuum nachwies.

Eine wichtige Zäsur auf dem Weg zu einem Land Sachsen-Anhalt war der Wiener Kongress 1815. Mit der preußischen Provinz Sachsen wurde ein für die Geschichte Sachsen-Anhalts neuer und wichtiger politisch-territorialer Rahmen geschaffen. Damals kam der Nordteil des Königreichs Sachsens zu Preußen. Zu ihm gehörten in der Hauptsache der Kreis um Wittenberg, die ehemaligen Stifte Merseburg und Naumburg/ Zeitz, Teile des Meißener und Leipziger Kreises und der sächsische Teil von Mansfeld. Gemeinsam mit den „altpreußischen” Territorien – der Altmark, Magdeburg und Halberstadt – und thüringischen Gebieten, darunter Erfurt, das Eichsfeld, Nordhausen und Mühlhausen wurden sie zur Provinz Sachsen zusammengefasst. Provinzhauptstadt wurde Magdeburg. Die Provinz Sachsen sollte sich ebenso wie das Herzogtum Anhalt (seit 1919 Freistaat Anhalt), das 1863 aus den anhaltischen Staaten Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen gebildet wurde und dessen Hauptstadt Dessau war, zu einem der führenden dynamischen Wirtschaftsräume in Deutschland entwickeln. Die forcierte Industrialisierung führte auch zur allmählichen Herausbildung einer mitteldeutschen Identität. Zeitgleich gab es schon Forderungen nach einer föderalen Neugliederung des mitteldeutschen Raumes.

Anfang des 20. Jahrhunderts rückte die Stadt Dessau als Heimstatt des Bauhauses in den Fokus der Welt. Allerdings nur bis 1932, als die NSDAP die Landtagswahlen in Anhalt gewann. Das Bauhaus wurde geschlossen und nach Berlin verlagert. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 verloren die Länder ihre Selbstständigkeit. Sachsen-Anhalts wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem bedeutenden Standort der Rüstungsindustrie. Vor Kriegsende wurde 1944 die vormalige preußische Provinz Sachsen, bestehend aus den Regierungsbezirken Magdeburg, Merseburg und Erfurt, aufgeteilt. Es entstanden die Provinzen Magdeburg und Halle-Merseburg.
Vor allem mit dem Namen des Liberaldemokraten und ersten Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt Erhard Hübener verbindet sich bis heute die Idee von der Gründung eines Landes Sachsen-Anhalt in der Mitte Deutschlands. Hübener hatte diesen Gedanken, das heißt die Fusion des Freistaates Anhalt und der Provinz Sachsen, deren Landeshauptmann er von 1924 bis 1933 war, seit den 1920-er Jahren entschieden verfochten. Das Territorium des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt entspricht weitgehend seinen damaligen Vorstellungen. Seine Pläne wurden aber zunächst hinfällig, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die föderalen Strukturen der Länder beseitigten. 1945 zog sich Erhard Hübener ins Privatleben zurück.

Doch die Amerikaner verhalfen ihm wenige Tage vor ihrem Abzug wieder zu Amt und Würden. Im Juli 1945 begegneten sich westalliierte und sowjetische Truppen erstmals in Torgau an der Elbe. Nach dem vereinbarten Rückzug der Amerikaner, die bis Dessau vorgerückt waren, reorganisierte die sowjetische Militärverwaltung die „Provinz Sachsen”. Der sowjetische General Alexander Kotikow besuchte Professor Dr. Hübener in Merseburg, angeblich deshalb, weil er einen geeigneten Ministerpräsidenten suchte. Professor Dr. Hübener unterbreitete bereits hier folgenschwere Vorschläge zur Gestaltung der neuen Provinz: Zusammenlegung der Regierungsbezirke Halle und Magdeburg, Einverleibung von Anhalt und Teilen Thüringens sowie Braunschweigs. Halle sollte Hauptstadt werden, weil sich laut Begründung von Professor Dr. Hübener „hier das geistig-kulturelle Zentrum des Landes befand”. Entschieden hat dann natürlich die Besatzungsmacht: Sie erhob Halle am 15. Juli 1945 zur Provinzial-Hauptstadt. Damit kam es zur Wiederherstellung der Provinz Sachsen, allerdings ohne die schon ausgegliederten thüringischen Gebiete um Erfurt herum, aber unter Einbeziehung des ehemaligen Freistaates Anhalt, der braunschweigischen Exklave Calvörde, des östlichen Teils des braunschweigischen Landkreises Blankenburg und der thüringischen Exklave Allstedt.

Im Wahlkampf nach dem Krieg zu einem neuen Parlament hatten die politischen Kräfte um jede Stimme gerungen. Erklärtes Ziel der im April 1946 aus der Vereinigung von SPD und KPD hervorgegangenen Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war es, alle Machtpositionen zu besetzen und eine „antifaschistisch-demokratische” Ordnung unter ihrer Führung aufzubauen. Das gelang in Sachsen-Anhalt nicht reibungslos. In der Landtagswahl am 20. Oktober 1946 errang die SED mit 51 Sitzen zwar die Mehrheit der Mandate, verfügte aber auch mit Unterstützung der beiden Abgeordneten der VdgB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) nicht über eine Parlamentsmehrheit. Die lag bei den bürgerlichen Parteien Liberal Demokratische Partei (LDP, 32 Mandate) und Christlich Demokratische Union (CDU, 24). Trotzdem besetzte die SED die wichtigsten Ministerien: Inneres, Wirtschaft, Volksbildung und Finanzen. Am 18. November 1946 konstituierte sich der erste Landtag Sachsen-Anhalts im halleschen Stadtschützenhaus, wählte Professor Dr. Erhard Hübener zum Ministerpräsidenten und beschloss am 3. Dezember, die „Provinz Sachsen” in „Provinz Sachsen-Anhalt” umzubenennen ­– Geburtsstunde eines völlig neuen territorialpolitischen Gebildes mit einem nicht mehr zeitgemäßen Namen. Am 21. Juli 1947 erfolgte die offizielle Umbenennung des Landes Sachsen-Anhalt. Hauptstadt des Landes war Halle – zum Leidwesen vieler Magdeburger, die ihre Heimatstadt schon wegen der geschichtlichen Tradition lieber als Hauptstadt des neuen Landes gesehen hätten. Aber angesichts der schweren Zerstörungen in Magdeburg fiel die Wahl auf Halle. Trotz offiziell bekundeter Bündnis- und Blockpolitik kam es im Landtag zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen und Druck auf die Abgeordneten. Ein Beispiel hierfür ist das Gesetz über die Enteignung der Bergwerke und Bodenschätze, gegen das sich einige bürgerliche Abgeordnete sträubten. Nachdem Bergarbeiter am 12. Mai 1947 im Landtag aufmarschierten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurde der SED-Entwurf am 20. Mai schließlich einstimmig angenommen.

Nach der Gründung der DDR und dem altersbedingten Rücktritt des bisherigen Ministerpräsidenten ließ sich die SED diese Machtposition auch in Sachsen-Anhalt nicht mehr nehmen. Nachfolger Erhard Hübeners wurde Werner Bruschke (SED). Der Landtagssitzung blieben einige LDP- und CDU-Abgeordnete aus Protest fern. Auch die Blockparteien brachte die SED schließlich auf Linie. Der Landtag war bald nicht mehr als ein willfähriges Organ der sich immer stärker ausprägenden Kommandostruktur. Der Beschluss der 2. Parteikonferenz der SED, den Sozialismus planmäßig aufzubauen, zementierte die Ein-Parteien-Herrschaft in der DDR. Im Juli 1952 wurde im Rahmen der Verwaltungsreform in der DDR das Land Sachsen-Anhalt aufgelöst und in die zwei Bezirke Halle und Magdeburg aufgeteilt, welche während der gesamten DDR-Ära Bestand haben sollten. Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 entstand das Land Sachsen-Anhalt neu.

Für die 106 Abgeordneten, die sich am 28. Oktober 1990 zur ersten Landtagssitzung im neu gebildeten Land Sachsen-Anhalt versammelten, war es eine bewegende Stunde. Als frei gewählte Parlamentarier erlebten sie einen Höhepunkt der Wendezeit. Es herrschte eine Atmosphäre des Aufbruchs, aber auch ein Staunen über die Ergebnisse der Ereignisse, die sich binnen weniger Monate überschlagen haben. Die drei Jahrzehnte Sachsen-Anhalt sind geprägt durch die Geschichte der Region.

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