Samstag, Oktober 1, 2022
Anzeige

Sachsen-Anhalts Olympioniken waren bei Winterspielen noch nie so erfolgreich wie jetzt in Peking. Drei Athleten gewannen Gold.

Anzeige

Folge uns

Sachsen-Anhalts Olympioniken waren bei Winterspielen noch nie so erfolgreich wie jetzt in Peking. Drei Athleten gewannen Gold. Wie der Ringe-Traum einmal auch das kleine Schierke erfasste. | Von Rudi Bartlitz

Selbst wenn die bizarren politischen und atmosphärischen Bedingungen, unter denen Winter-Olympia in Peking über die Bühne ging, es wie offener Hohn erscheinen lassen, für die Asse aus Sachsen-Anhalt müssen sich die 16 Tage in China zuweilen wie ein Wintermärchen angefühlt haben. Vorausgesetzt, man legt als Bewertungs-Elle allein die sportliche Bilanz an. Denn nie zuvor kehrten Athleten, die aus dem Bindestrich-Land stammen oder für einen hiesigen Klub starten, mit derartigen Erfolgen von den Ringe-Spielen in Eis und Schnee zurück wie diesmal. Vier Sportler standen im schwarz-rot-goldenen Team, alle vier brachten Medaillen mit. Effektiver geht es eigentlich kaum.

Allein drei von ihnen – die beiden Hallenser Bob-Anschieber Thorsten Margis und Alexander Schüller sowie der aus Wernigerode stammende Skeletonfahrer Christopher Grotheer – standen auf der höchs-ten Stufe des Olymps, eroberten Gold. Der Ilsenburger Toni Eggert holte mit seinem Sozius Sascha Benecken Silber im Rennschlitten-Doppelsitzer. Margis gelang ein besonderes Husarenstück. Mit den beiden goldenen Plaketten im Bob von Francesco Friedrich sowie demselben Medaillensatz vor vier Jahren im südkoreanischen Pyeongchang und acht Weltmeistertiteln schwang sich der 32-Jährige vom SV Halle sogar zum nun erfolgreichsten Anschieber in der Geschichte des Bobsports empor. Angemessener Lohn: Zur Abschlussfeier durfte Margis die deutsche Fahne in die Arena tragen.

Es ist unübersehbar, dass das Glück der sachsen-anhaltischen (Winter-)Welt nicht auf dem sprichwörtlichen Rücken der Pferde liegt, sondern tief eingegraben ist in die eisigen Spuren olympischer Bob- und Rodelbahnen. Was die Blankenburger Rodlerin Tatjana Hüfner mit Gold (2010 in Vancouver), Silber (2014 in Sotschi) und Bronze (2006 in Turin) einst begründete, setzten vor vier Jahren in Südkorea Margis (zweimal Gold im Bob) und Eggert (Bronze auf dem Schlitten) fort. Gewiss, Rodeltraditionen gab es im Harz schon seit langem, aber die Bob-Anschieber profitierten auch davon, dass sich Klubs wie der SV Halle und der 2011 in Magdeburg aus der Taufe gehobene Verein Mitteldeutscher Sportclub (MSC) dieser Spezies annahmen. Basierend auf einer Kombination aus Leichtathletik und Bobsport.

Bei einer geschichtlichen Annäherung an die sachsen-anhaltischen Wintersport-Triumphe sollen zwei Namen nicht unterschlagen werden: Andreas Wank und Harry Glaß. Der in Halle geborene und später für Oberhof startende Wank holte 2014 in Sotschi mit der deutschen Mannschaft Olympiagold im Skisprung. Völlig anders der Fall Glaß: Die zuweilen ebenso unergründlichen wie skurrilen inneren Gesetzmäßigkeiten des DDR-Sports hatten es so gewollt, dass dem Klingenthaler zeitweise die Klubmitgliedschaft beim SC Aufbau Magdeburg zugewiesen worden war. Und seine Skisprung-Bronzemedaillen von 1956 in Cortina d´Ampezzo, die erste olympische Plakette eines DDR-Sportlers überhaupt (!), somit Einzug in die Annalen des späteren SCM fand. Obwohl Glaß selbst nie die Elbestadt betreten haben soll. Heute würde man wohl eher von einer passiven Mitgliedschaft sprechen …
Weil wir gerade bei der Historie olympischer Winterspiele sind: Es gibt da eine Story, die heute schier unglaublich klingt. Man wagt es kaum, so abwegig erscheint sie im Jahr 2022, sie niederzuschreiben. Und doch ist sie verbürgt. Deshalb soll sie der Nachwelt noch einmal kurz erzählt werden. Sie geht so: 1994 hatten sich führende Köpfe in der Harzgemeinde Schierke tatsächlich vorgenommen, sich mit der kleinen Gemeinde für die Olympischen Winterspiele 2006 zu bewerben. „Schnee haben wir im Winter satt,“ so das schlagende Argument des damaligen Kurdirektors Rüdiger Ganske, der gleichzeitig dem sachsen-anhaltischen Skiverband als Präsident vorstand. Und Schnee sei nun einmal die wichtigste Voraussetzung für das geplante Sportspektakel. Auch der höchste Harzgipfel, der Brocken, zähle ja zum Gemeindegebiet.

Es gab nicht wenige, die das Ganze damals als eine nicht ungeschickt eingefädelte Idee hielten, dem Tourismus im Harz kräftig Schwung zu verleihen. Nein, nein, diese Annahme sei falsch, versicherten die Macher. Das mit Olympia sei alles andere als „eine Schnapsidee“. Ob dort je jemand einen Blick in die Anforderungsprofile des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für eine – auch schon damals – derart gigantische Veranstaltung geworfen hatte, scheint im Rückblick zumindest zweifelhaft. In vielen Schaufenstern des Ortes sollen trotzdem, so ist Chroniken zu entnehmen, bereits ovale Aufkleber mit der Aufschrift geprangt haben: „Winterolympiade 2006 in Schierke.“ Ob von der Bro-ckenhexe als weltweit vermarktetes Maskottchen bereits die Rede war, man weiß es nicht so recht.

Dennoch, die Olympia-Pläne kamen erstaunlich konkret daher. Die nordischen Disziplinen inclusive Biathlon könnten „ohne Probleme“ in Schierke ausgerichtet werden. Ebenso Eiskunstlauf und Eishockey. „Wir haben,“ sagte Ganske damals, „hier ja ein Eisstadion.“ Das allerdings existierte, wie eine Zeitung schrieb, nur noch in den Erinnerungen einiger älterer Einwohner: „Ein vertrockneter Sand-platz, ein paar grasüberwucherte Felsen als Sitzbänke – mehr ist von der Anlage nicht erhalten.“ Skispringen von der Großschanze, Bob und Rodeln, Eisschnelllauf – diese Sportarten wollte Ganske „auslagern“. Die ehemaligen Leis-tungszentren der DDR wie Erfurt, Oberhof und Oberwiesenthal kä-men da in Frage. Und für die alpinen Disziplinen wollte man sich eine Partner-Gemeinde in den Alpen suchen: „Einen Ort, der zu uns passt, dem diese Idee auch gefällt.“ Das klang lyrisch, für manchen ein wenig nach Goethes west-östlichem Divan, nur eben diesmal seitenverkehrt.

Es ist nicht überliefert, ob die Schierker Idee je bis zu den Herren der Ringe vordrang. Dort hätten sie wahrscheinlich gefragt, wo man denn dieses mutige kleine gallische Dorf zu suchen habe. Und dem einen oder anderen hätten ob der kruden Vorstellungen der ostdeutschen Mittelgebirgler Tränen der Rührung in den Augen gestanden – oder er hätte Schnappatmung bekommen. Je nach Sympathie mit dem deutschen Osten. Heute kann über all das, was sich da vor nahezu 30 Jahren zutrug (und bald darauf der Vergessenheit anheimfiel), milde gelächelt werden. Eines darf aber – wäre es so gekommen, wie der Schierker Rat es erträumte – als sicher gelten: Olympischen Gästen wäre im Harz unstreitig mehr Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Weltoffenheit entgegengeschlagen als jetzt in Peking.

WEITERE
Magdeburg
Bedeckt
15.6 ° C
15.6 °
14.4 °
72 %
1.8kmh
95 %
Sa
15 °
So
16 °
Mo
16 °
Di
18 °
Mi
21 °

E-Paper