Salongeflüster: Alles neu macht der Mai

Ich darf meinen Salon wieder aufmachen. Seit vergangener Woche bin ich also auch endlich systemrelevant. Und schon sind sie da, die Pandemie-Opfer, die von mir wieder in Menschen zurückverwandelt werden wollen. Das ist keine reine Freude, sondern streckenweise extrem harte Arbeit. Manche haben die Grundregeln des zivilisatorischen Miteinanders in der wochenlangen Isolation komplett verlernt. Ein paar versuchen sogar mit Klopapier zu bezahlen. Es fällt schwer, ihnen zu erklären, dass es auf keinen Fall so wertvoll ist, wie sie glauben, denn es ist ja schon wieder problemlos zu bekommen. Manche brechen darüber in Tränen aus, weil sie sich reich wähnten. Andere behaupten, dass Corona eine Erfindung der Regierung sei, um das Bargeld abzuschaffen, starren mich mit irrem Blick an und summen Lieder von Xavier Naidoo vor sich hin. Außerdem weigern sie sich, den notwendigen Abstand einzuhalten oder gar Mund-Nasen-Abdeckungen zu tragen. Denen biete ich die flämische Methode an. Sie wissen nicht, was das bedeutet, ich sage ihnen nur, dass es billiger wäre und sie stimmen meistens ohne weitere Nachfragen zu. Und dann schneide ich ihnen mit einer sehr scharfen Schere einfach ein Ohr ab. Manche werden wütend, andere fallen sofort in Ohnmacht und schreien, wenn sie wieder zu sich kommen. Dann wollen sie aufgebracht wissen, was daran flämisch sei. Ich sage dann immer nur „Van Gogh“. Der hatte sich ja seinerzeit auch ein Ohr abgesäbelt. Und wer nur ein Ohr hat, der muss auch keine Mund-Nase-Abdeckung mehr tragen, weil er die ja nicht mehr richtig festmachen kann. Damit ist allen geholfen. Außerdem bewahre ich das Ohr in Eiswasser auf und man kann es sich nachher von einem Chirurgen wieder annähen lassen. Einige rufen die Polizei, welche mir aber immer recht gibt, denn ich habe ja vorher gefragt und außerdem sind sie der Maskenpflicht nicht nachgekommen. Wer nicht hören will, muss fühlen, wie es ist, wenn man nicht mehr so gut hören kann. Ich habe einfach keine Lust auf lange Diskussionen. Ein Frisiersalon ist kein Ort für Demokratie. Wer eigene Ideen hat, der soll den Job von seinen Kindern als Schulprojekt für den Kunstunterricht im Homeschooling machen lassen. Die haben sicher ganz tolle Ideen wie es bei Mama und Papa auf dem Kopf aussehen könnte. Und zur Strafe hat man dann eine Frisur wie von sehr kleinen Kindern gebastelter Weihnachtsschmuck. Wenn man seine Kinder sehr lieb hat, dann sieht es beinahe gut aus. Aber eben nur dann und beinahe. In diesem Sinne: Der Nächste bitte.

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