Montag, November 28, 2022

Salongeflüster: Auf den zweiten Blick

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Manchmal kommen Kunden bei mir im Salon vorbei, die ich als die einzig echten Magdeburger bezeichnen muss. Zum einen wird erst einmal gemeckert. Und wenn es gut läuft, dann sagen sie: „Da kannste nicht me-ckern.“ So als ob das was Schlechtes wäre, wenn sie nicht meckern können. Unter der eher rauen Schale aber sind sie ja eigentlich ganz nett. Hast du sie erst einmal als Stammkunden gewonnen, dann bleiben sie auch. Und irgendwann grüßen sie sogar. Aber das dauert eben etwas länger als bei allen anderen Kunden. Und wenn dann einer mal meckert, den sie noch nicht kennen, dann gibt es richtig Ärger. Denn gemeckert werden darf ja nicht, wenn es nichts zu meckern gibt. Das ist ein tieferer Gerechtigkeitssinn, sozusagen der innere Eike von Repgow. Und Auswärtige dürfen erst recht nicht meckern. Außer, sie sind lange genug hier, dann dürfen sie auch. Aber nur wenn es eigentlich nichts zu meckern gibt. Es ist also ein uneigentliches Meckern, eines, das nicht so ganz ablehnend gemeint ist, sondern eher ein allgemeines Grundrauschen darstellt. Denn richtig gut finden, das geht auch nicht, das ist doch viel zu übertrieben. Das höchste Lob ist und bleibt: Da kannste nicht meckern. Wer mehr Lob ernten möchte, der muss die Stadt schnellstens verlassen. Und dann aber auch bitte Erfolg haben. Mit viel Glück wird dann irgendwann eine kleine Straße nach ihm benannt. Aber dann muss er auch mindestens schon tot sein. Am besten länger. Das Denkmal von Otto von Guericke ist erst über 200 Jahre nach seinem Tod aufgestellt worden und war auch dann noch umstritten. Daran muss man sich als Zugereister erst gewöhnen. Aber irgendwann hat man den Bogen dann raus. Je leiser das Meckern, desto besser. Gibt es aber Lob, dann sollte man misstrauisch werden. Denn so gut kann ja eigentlich nichts sein, dass es einfach mal gelobt wird. Entweder sind es dann Auswärtige, die sich hier zusammenfinden oder es ist das Gegenteil gemeint. Ich erinnere mich an eine Frau, der ich eine neue Frisur geschnitten hatte. Sie fand: „Da kannste nicht meckern.“ Ihr Mann, der sie abholte, lobte dagegen den neuen Look sehr, was sie so misstrauisch machte, dass sie sich kurz danach scheiden ließ. Zu Recht, denn er hatte tatsächlich eine Affäre mit einer Hallenserin. Aber das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall ist die ganze Stadt so wie ihre Bewohner. Eigentlich ganz großartig, wenn man sie gut genug kennt, aber das sagt man nicht. Sondern: Da kannste nicht … Genau. In diesem Sinne: Der Nächste bitte.

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