Salongeflüster: Reingerutscht

Das ist also das neue Jahr. Es fühlt sich immer noch genauso doof an wie das alte. Ich war ein wenig überrascht, wie viele Menschen doch scheinbar Keller voller Knaller hatten. Natürlich war es nicht ganz so laut wie in den Vorjahren, wo regelmäßig Hunde und Katzen versuchten, sich die Ohren abzureißen, weil der ohrenbetäubende Lärm ihnen das Gehör verstopfte. Und auch die Straßen sahen danach nicht so schlimm wie in den Vorjahren aus, als wäre der Krieg ausgebrochen oder, wie man in Amerika sagt, ein Präsident vereidigt worden. Die Trump-Witze werden mir fehlen, obwohl die meisten davon gar keine Witze, sondern nur Realität waren. Und auch seine Haare vermisse ich, also das, was er auf dem Kopf hatte und das ein wenig so aussah, als wäre es Neujahr nach der Explosion eines Polenböllers nicht rechtzeitig entsorgt worden. Wenn im Herbst auch noch Merkel verschwindet, dann werden die meisten Kabaretts, selbst wenn sie nach dem Lockdown wieder öffnen dürften, umgehend schließen. Es mangelt einfach an Pointen. Und dass die Frisur von Friedrich Merz ein wenig so aussieht, als hätte er sich das Schamhaar seiner Gattin auf die kahle Stirn geklebt, reicht auch nur für höchstens eine Pointe. Leichter wird es sicher nicht.
Ich darf nicht frisieren, kann mir aber wenigstens Bücher kaufen, wenn ich das höchstens im Umkreis von 15 Kilometern von meiner Heimatadresse entfernt mache. Gut, dass ich nicht auf dem Dorf wohne. Kein richtiges Internet, keine Geschäfte und keine Menübringdienste, das war es dann. Aber halt, zur Arbeit darf ich weiterhin, also ich nicht, denn ich bin ja nur Friseur, aber lebenswichtige Ausnahmearbeiten dürfen weiterhin, auch im Großraumbüro ohne Abstandsregeln, erledigt werden. Jedes Kino und jeder Frisiersalon ist sicherer, doch wir sind nun mal nicht so lebenswichtig wie beispielsweise ein Finanzamt, ein Makler oder eine Rechtsanwaltskanzlei. So lange du keine Kinder hast, die nicht zur Schule dürfen, darfst du da nicht auf Home-Office bestehen. Und wenn du die Kinder daheim hast, dann kannst du das mit dem Home-Office ohnehin vergessen, außer du hast ein Arbeitszimmer, das nicht gleichzeitig Kinder- oder Gästezimmer ist. Aber dann hast du ohnehin eine große Wohnung und vermutlich keine großen Probleme. Und eigentlich ist ja alles gut, die Novemberhilfe kommt vielleicht im Januar und dann kann ich endlich die Miete für den Mai letzten Jahres bezahlen.

Wort-Coiffeur Lars Johansen