Salongeflüster: Zoomfrisuren

Wort-Coiffeur Lars Johansen | Ich mache jetzt auch Home-Office. Keine Angst, ich komme nicht persönlich ins Haus, das läuft über Zoom-Sitzungen. Denn ich schneide nicht selber, ich lasse schneiden und sehe aus der Ferne dabei zu. Natürlich werde ich dafür bezahlt, denn ich bin ja der Fachmann. Das macht richtig Spaß, fürs Zuschauen bezahlt zu werden, quasi vom Coiffeur zum Voyeur zu werden. Ich könnte mich glatt dran gewöhnen, nie mehr zu arbeiten, also schon noch zu arbeiten, aber eher theoretisch als praktisch. Das Ganze funktioniert so: Menschen, die einen Haarschnitt brauchen, buchen eine Zoom-Sitzung bei mir und dann sage ich ihnen, wie sie zu schneiden haben. Das klingt ein wenig einfacher als es ist. Denn dazu braucht man ein stabiles Netz, also kein Haarnetz, sondern schnelles Internet, damit ich notfalls eingreifen und „Stop!“ brüllen kann. Wenn das schleppt, dann haben die Kunden schon längst eine Glatze, während ich ihnen noch beim Sortieren der Scheren zusehe. Natürlich läuft das nicht ganz problemlos, denn Sie kennen es sicherlich von diesen Zoom-Sitzungen: Es dauert, bis es losgeht. Das ist zwar ideal für Dauerwellen, aber auch nur für die. Jeder fragt erstmal, ob man ihn hört. Meistens hört man ihn nicht, was kein Verlust ist, aber dann wird so lange probiert, bis man ihn entweder hört oder auch nicht mehr sieht. Dann werden die üblichen Witze gemacht und der Hintergrund bestaunt. Manche Menschen haben Wohnungen, die aussehen, als hätte man den Hintergrund aus Horrorfilmen hochgeladen. Sagen Sie dazu besser nichts, vielleicht haben sie nur keine Zeit zum Aufräumen gehabt. Ich selber habe einen Schlachthof mit blutbespritzten Kacheln als Hintergrundbild, damit alle Beteiligten merken, dass es ernst wird. Sie glauben nicht, wie ungeschickt manche Menschen mit der Schere umgehen. Das hat schon etwas Komisches, wenn jemand Blutverdünner nimmt und dann das Ohr ungünstig trifft. Der Hintergrund sieht in so einem Fall schnell mal wie meiner aus, nur dass er nicht hochgeladen, sondern selbst gemacht wurde. Andere glauben mir nicht und schneiden, wie sie es für richtig halten. So sieht es dann auch aus. Wieder andere wollen es mit dem Rasierer machen, weil es leichter ist. Das ist oft radikal und steht nicht jeder Frau. Elektrische Haarschneider sind zwar praktikabel, aber einmal abgerutscht und es wird unschön. Ideal ist die Schere, idealer die Bastelschere aus Plaste, denn die schneidet zwar nicht, aber richtet eben auch kein Unheil an. Am Ende ist es dann wie vorher, hat aber so viel gekostet, dass man sich einredet, dass es besser ist. Und das ist es ja irgendwie auch.
In diesem Sinne: Der Nächste bitte.