Samstag, Oktober 16, 2021
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SC Magdeburg: Eine Reise ins Morgenland

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Der SC Magdeburg ist eines von drei europäischen Teams, die Anfang Oktober
in Saudi-Arabien an der inoffiziellen Klub-Weltmeisterschaft für Handball-Vereinsmannschaften teilnehmen. Von Rudi Bartlitz

Beim SC Magdeburg rüsten sie in diesen Tagen, die Bundesliga-Saison hat gerade einmal begonnen, zu einer keineswegs alltäglichen Reise. Das Ziel hat etwas Exotisches: Saudi-Arabien. Genauer gesagt, über 4.100 Kilometer geht es in die Millionenstadt Jeddah. Für ein europäisches Handball-Spitzenteam sicher ein Ort, auf den man nicht auf Anhieb kommen würde. Doch dafür existiert ein außergewöhnlicher Anlass: Der Weltverband IHF hat zum Super Globe, der inoffiziellen Klub-Weltmeisterschaft, geladen. Vom 5. bis 9. Oktober versammeln sich in der Hafenstadt am Roten Meer zehn Teams von allen fünf Erdteilen. Und die Mannen aus Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt sind eine von drei Vertretungen des alten Kontinents, die dafür eine Einladung erhalten haben.

„Darüber freuen wir uns sehr“, hatte SCM-Geschäftsführer Marc Schmedt schon vor zwei Monaten in einem KOMPAKT-Interview erklärt. „Es ist eine große Ehre für uns, dass wir Europa bei dieser Klub-WM vertreten dürfen. Für uns ist es das erste Mal seit 19 Jahren, dass wir wieder bei diesem Turnier dabei sind.“ Ganz ähnlich sieht es Cheftrainer Bennet Wiegert: „Das ist etwas ganz Besonderes. Es ist phantastisch, dass wir dort starten können. Es ist eine Auszeichnung und Wertschätzung der Leistungen der Jungs in der vergangenen Saison. An einer Klub-Weltmeis-terschaft nimmt man nicht alle Jahre teil.“ In gewisser Weise honorierte der Weltverband mit seiner Entscheidung auch, dass die Magdeburger im Sommer 2021 die erstmals ausgetragene European League gewannen. Die weiteren europäischen Teilnehmer sind keine Geringeren als die beiden Champions-League-Finalisten FC Barcelona und Aalborg Handbold.

Als das Turnier 1997 in Wien aus der Taufe gehoben wurde, ahnten wohl nur die wenigsten, was sich daraus einmal entwickeln sollte. Von einer Klub-WM jedenfalls konnte keine Rede sein. Die europäischen Vereine brachten dem neuen Wettbewerb zunächst wenig Beachtung entgegen. Es wurden mehr oder weniger B- oder aufgepeppte Jugendmannschaften geschickt, was der sportlichen Bedeutung nicht gerade Schub verlieh. Im Finale setzten sich die Spanier von Cantabria Santander gegen die Norweger von Drammen HK durch. Sicher nichts, wonach sich der verwöhnte Handball-Freund die Finger leckte.

Es sollte fünf Jahre dauern, bevor man sich wieder zum Super Globe traf, diesmal in Katar. Die IHF hatte ihre Wiener Lektion gelernt: Mit Speck fängt man Mäuse. Also wurde ein Lockangebot gebastelt, wurden die Preisgelder, im boomenden Emirat sicher keine allzu große Kunst, spürbar angehoben. Ein Signal, das beim damaligen Magdeburger Manager Bernd-Uwe Hildebrandt auf sehr offene Ohren traf. Und es fügte sich, dass seine Mannschaft just in jenem Jahr die Champions League gewonnen hatte – also quasi über ein naturgegebenes Teilnahmerecht verfügte.

Als sich dann im Herbst 2002 in Doha sechs Teams trafen, fehlte – außer dem SCM – immer noch die absolute Creme des europäischen Handballs. Gegner waren Vereine aus dem Gastgeberland, Ägypten, Brasilien und dem Sudan. Aber mit dem Cup flog der deutsche Meister trotzdem nicht nach Hause. Weil man dem Heimatverein El-Sadd SC überraschend 32:35 unterlag. Auch, weil die Jungs aus Katar etwas nachgeholfen hatten. Als das Team von Alfred Gislason nämlich die El-Sadd-Formation zu Gesicht bekam, stellte sich schnell heraus, dass da profilierte Akteure aus europäischen Spitzenteams eingekauft und einzig und allein für diesen Wettbewerb verpflichtet worden waren. Verboten war das seinerzeit nicht. In der damaligen SCM-Formation stand auch der heutige Coach Wiegert, damals noch als 20-jähriger Spieler. „Ich erinnere mich noch sehr gut an Katar“, sagt er heute. „Wir trafen damals auf Spielstile, gerade gegen die Kameruner, die wir in Europa gar nicht kannten, auf die wir uns einstellen mussten.“

Es sollte das erste und für 19 Jahre letzte Mal gewesen sein, dass sich der SCM für eine Teilnahme qualifizierte. In der Folge nahm der Super Globe, der zunächst alle drei Jahre ausgetragen wurde, allmählich Fahrt auf. Die Botschaft des Geldes eben. Inzwischen winken allein dem Sieger satte 500.000 Dollar. 2007 und 2010 holte sich der in jener Zeit dominierende europäische Klub Ciudad Real die Trophäe, bevor auch wieder deutsche Klubs unter den Gewinnern auftauchten: THW Kiel (2011) und zweimal die Füchse Berlin (2015/2016). Sportlich begann anschließend die Herrschaftszeit des großen FC Barcelona, der mit fünf Pokalerfolgen die Liste der erfolgreichsten Klubs anführt. Inzwischen wurde der Pokal jährlich vergeben, und Doha hatte sich zum Dauergastgeber emporgeschwungen, bevor der Austragungsort 2019 nach Saudi-Arabien wechselte.

Sicher, eine Reise ins, eher nebulöse, Morgenland wird der Trip für die meisten Vertretungen nicht. Denn die Vergabe an das Königreich rief von Anfang an eine Reihe von Kritiker auf den Plan. Weil das Land eben kein Hort der Demokratie und der Wahrung der Menschenrechte ist. „Uns ist die gesellschaftliche Diskussion darum bekannt“, sagte Schmedt auf KOMPAKT-Anfrage. „Aber: Zum einen ist es eine Veranstaltung der IHF, zu der wir eingeladen sind, wir also nicht über den Austragungsort zu befinden haben.“ Zum anderen sehe er „grundsätzlich in Auslandsreisen immer auch die Möglichkeit, Magdeburg und Sachsen-Anhalt und somit unsere Werte zu vertreten. Wir engagieren uns seit Jahren gemeinsam mit unserem Partner Der Paritätische gerade auch für Menschenrechte. Sport bleibt insofern auch immer ein Instrument der Diplomatie und des Dialogs.“

Für Wiegert stellt das Turnier, rein sportlich, so etwas wie den Blick in eine Black Box dar. „Es fällt mir schwer, exakt einzuschätzen, was uns dort erwartet. Da prallen Spielstile aus verschiedenen Kontinenten, zum Beispiel Australien und Südamerika, aufeinander. Gerade auf diese nichteuropäische Art des Handballs müssen wir uns einstellen, Lösungen finden. Über all dem liegt schon etwas Exotisches, Überraschendes. So komisch es klingen mag: Einfacher ist es da schon, uns auf die Top-Gegner aus Europa, den FC Barcelona und Aalborg Handbold, einzustellen. Da wissen wir, wie die agieren.“

Der SCM, der mit einer IHF-Wild-Card in Jeddah antritt, trifft zunächst im Eröffnungsmatch (5.10.) auf den australischen Vertreter Sydney University HC. Die nächsten Gegner im Viertel- und Halbfinale wären Al-Duhail SC Doha aus Katar und Pinheiros Sao Paulo. Unbezwingbar erscheinen die nicht. Und dann könnte sogar ein Traumfinale folgen – gegen den FC Barcelona.

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