SC Magdeburg: Ernst aber nicht hoffnungslos

Von Rudi Bartlitz | Geschäftsführer Marc Schmedt erläutert im KOMPAKT-Interview, wie die Bundesliga-Handballer des SC Magdeburg mit der schwierigen Corona-Situation umgehen. Re-Start unter annähernd normalen Bedingungen für September oder Oktober geplant. Kaderplanungen bereits weit gediehen.

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KOMPAKT ZEITUNG: Seit nunmehr fast einem Jahr hat der SCM auf Grund der Pandemie nicht mehr unter normalen Bedingungen spielen können, soll heißen: vor vollen Zuschauerrängen. Der Konkurrenz geht es genauso. Wie lange halten die Bundesligisten das noch aus?

Marc Schmedt: Wir haben durch Corona eine Situation, wie sie es so zuvor in der Geschichte noch nicht gegeben hat. Und die Lage ist weiterhin angespannt, keine Frage. Es ist aber andererseits nicht so, dass in den nächsten vier bis sechs Wochen hier alles zusammenbrechen würde. Aufgrund der erarbeiteten Hygienekonzepte konnte zumindest der Spielbetrieb weiterlaufen. Das ist eine Grundvoraussetzung für das Überleben der Profistrukturen in unserer Sportart.

Kaum Einnahmen, weiter laufende Ausgaben. Wie kann das denn finanziell überhaupt funktionieren?
Das frage ich mich manchmal auch. Im Ernst: Man muss dabei mehrere Faktoren sehen. Da ist die Kostensituation. Da haben wir die Ausgaben reduziert. Weiter: Unsere Partner, die bis zu 70 Prozent unseres Etats ausmachen, haben sich sehr flexibel bei der Kompensation von ausgefallenen Leis-tungen gezeigt, wofür wir extrem dankbar sind. Dadurch ist unsere Einnahmesituation bei den Sponsoren aktuell relativ stabil. Hinzu kommt, dass wir in den zurückliegenden Jahren wirtschaftlich ordentlich gearbeitet haben und so mit einer gewissen Stabilität in die Situation hineingegangen sind. Zudem haben wir die staatlichen Hilfen für den Profisport (maximal 800.000 Euro, d. Red.) in Anspruch genommen, die dazu beitragen sollen, Verluste, die beim Ticketverkauf eingetreten sind, zu einem gewissen Teil zu kompensieren.

Summa summarum?
Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Die Liga-Vereinigung HBL hat sich jüngst dafür ausgesprochen, wenn es die gesundheitliche Situation zulässt, die Saison auf jeden Fall zu Ende zu spielen. Sollte das nicht möglich sein, wird wie bereits im letzten Jahr eine sogenannte Quotienten-Regelung ins Auge gefasst, um den Meister und die anderen Tabellenränge zu ermitteln. Wie ist Ihre Sicht auf die Dinge?
Wir als SCM stehen voll hinter diesen Maßnahmen. Der Spielbetrieb ist augenblicklich die Grundlage für den Fortbestand der Liga. Er sollte auf jeden Fall fortgeführt werden. Unser Hygienekonzept trägt, wir hatten glücklicherweise bisher noch keinen einzigen positiven Fall. Alle bisher vorgenommenen 1.200 PCR-Tests waren negativ. Ich sehe also keinen Grund, warum man Profi-Handballern verbieten sollte, ihrem Beruf nachzugehen. Und natürlich müssen wir den Menschen wieder eine Perspektive aufzeigen. Also: Wir spielen, wenn es die gesundheitlichen Gegebenheiten erlauben, die Saison zu Ende und arbeiten darauf hin, im September oder Oktober einen Re-Start zu machen.

Der bedeutet was?
Ganz einfach, möglichst wieder unter annähernd normalen Verhältnissen spielen zu können. Meine Hoffnung gründet sich unter anderem darauf, dass bis dahin ja laut Regierung jedem Bürger ein Impfangebot gemacht worden ist.

Und wenn das Worst-Case-Szenario eintritt, ein Re-Start angesichts der Pandemie nicht möglich wäre?
Sollten wir im Herbst immer noch ohne Zuschauer spielen müssen, hätte Deutschland dann ganz sicher andere, schwerwiegendere Themen. Über Profisport müssten wir uns dann erst einmal nicht mehr unterhalten. Oder man müsste das sogenannte „Geschäftsmodell“ umbauen und sagen, wir spielen nur noch im Fernsehen. Das kann aber keine ernsthafte Alternative sein. Und wir wissen ferner ebenso, dass Solidarität und Unterstützung, die wir zurzeit von vielen Seiten erfahren, irgendwann einmal endlich sind. Aber ich bin zuversichtlich, dass diese Fälle nicht eintreten werden.

Nun könnte es allerdings passieren, dass einem Teil der Zuschauer nach dann weit über einem Jahr Entwöhnung die Lust auf den Handball abhandengekommen ist. Teilen Sie derartige Befürchtungen?
Eher nicht. Ich kann zwar nicht in die Glaskugel schauen, aber ich glaube nicht, dass für die Menschen der Besuch von Supermärkten alles ist. Die Lust auf Kultur, auf Restaurantbesuche und ähnliches, sie wird zurückkommen. Und natürlich auch die Lust auf Handball, falls diese überhaupt verloren gegangen ist. Dass dem so ist, zeigen die Reaktionen auf unser neues Projekt „Magdeburg braucht Handball“.

Was muss man sich darunter vorstellen?
Wir wollen unter anderem die Menschen in Sachsen-Anhalt, die wissen, wie wichtig der Verein für die Identität der Region ist, darum bitten, ihr Engagement zu zeigen. So planen wir in der Getec-Arena im Ringfoyer eine Galerie, in der sich jeder mit Namen, Bild oder Logo seines Unternehmens verewigen kann. Für 39 Euro kann ein zehn mal zehn Zentimeter großes Feld erworben werden. Sehr erfreulich: Bereits kurz nach dem Start liegen knapp 1.000 Bestellungen für die Galerie vor, die zunächst auf jeden Fall bis 2023 präsent bleibt.

Lassen Sie uns noch einmal das Stichwort Lust am Handball aufgreifen. Die SCM-Fans hatten in der Vergangenheit immer Lust, in der Liga möglichst ganz oben dabei zu sein. Nun war in den letzten Wochen – Corona hin, Corona her – zu beobachten, dass der SCM zielgerichtet bereits an der Mannschaft für die neue Saison bastelt. Zwei Vertragsverlängerungen und vier Zugänge wurden verkündet, wovon der von Nationalspieler Philipp Weber, dem Ex-Magdeburger, sicher der spektakulärste war.
Das mit der frühen Initiative ist sicher richtig. Aber die Konkurrenz schläft ebenfalls nicht. Und wir wollen auch in der neuen Saison eine schlagkräftige Mannschaft aufs Feld schicken. Damit kann man nicht früh genug beginnen.

Drei Abgängen stehen vier, teils hochkarätige Neuverpflichtungen gegenüber, der SCM wird erstmals keinen 16-Mann-Kader mehr haben, sondern 17 Akteure unter Vertrag wissen. Ist dies denn angesichts der gerade beschriebenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu stemmen?
Dass wir in dieser Situation auch ein gewisses Risiko eingehen, ist klar. Aus heutiger Sicht mit der Perspektive Spätherbst 2021 ist das finanzierbar. Das ist zudem alles mit Aufsichtsrat und Präsidium abgestimmt. Wenn man weiter ambitionierten Handball spielen will, und das wollen wir, muss man handeln, so lange bestimmte Qualitäten auf dem Markt sind. Es geht neben der Bewältigung der aktuell schwierigen Situation eben auch darum, wie der SCM nach der Pandemie aufgestellt ist.

Verstanden. Da wir gerade über Geld reden: Können Sie bestätigen, dass durch Corona die Spielerpreise auf dem internationalen Markt, analog dem Fußball, fallen?
Das ist, so generell gefragt, schwer zu beantworten. Sagen wir so: Die Preise steigen zunächst, soweit ich das beobachten kann, auf jeden Fall einmal nicht weiter an. Das heißt aber nicht, dass für bestimmte Top-Spieler nicht weiterhin Top-Preise aufgerufen werden. Ich glaube zudem, dass die Spieler aktuell sehr zu schätzen wissen, wenn partnerschaftliche, faire und transparente Lösungen mit den Clubs gefunden werden können.