Schattenmänner der Eisrinne

In Magdeburg entsteht am Leichtathletik-Stadion eine eigene Anschubstrecke für den Bobsport. Das Profil der Olympiabahn von Peking soll simuliert werden. | Von Rudi Bartlitz

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Wer hätte damit noch gerechnet? Die vor zwei Jahrzehnten am Magdeburger Leichtathletik-Stadion extra für 400-Meter-Sprinterin Grit Breuer aufgeschüttete „schräge Ebene“ feiert demnächst fröhliche Urständ. Allerdings in einer völlig anderen Sportart. Wo einst Coach Thomas Springstein die Welt- und Europameisterin mit kräftezehrenden Berg-an-Läufen triezte, sollen sich demnächst Bob-Anschieber den letzten Schliff holen. Allerdings haben es die kraftvollen Kerle in ihren rasenden Schlitten auf den ersten Blick scheinbar leichter als Breuer – für sie geht es genau in die Gegenrichtung, bergab nämlich.

Seit einigen Wochen ist es nun spruchreif: Magdeburg erhält eine eigene Anschubbahn für diese attraktive Wintersportart. Stadt und Land gaben grünes Licht für deren Bau. Der fast schon eigenen kleinen Sportstadt in Cracau, wo Einrichtungen wie MDCC-Stadion, Getec-Arena, Leichtathletik-Halle, zwei Sportschulen und Physiotherapie fast ineinander übergehen, wird eine weitere Facette hinzugefügt.

Eine Bob-Anschubbahn mitten in der Börde? Weit und breit kein Berg, was soll der Quatsch nun wieder?, mögen jetzt sportferne Zeitgenossen fragen. Haben wir denn keine anderen Sorgen? Zur Erklärung: Seit 2011 widmet sich der in der Landeshauptstadt ansässige Mitteldeutsche Sportclub (MSC) der Ausbildung von Bob-Sportlern. Genauer gesagt: von Anschiebern. Jene Männer also, die, mit purer Kraft und im Schritt-Stakkato, jene schnellen Stahlkolosse beschleunigen, die im Winter mit bis zu 140 Stundenkilometern durch die Eisrinnen dieser Welt zu Tal jagen. Wichtig zu wissen: Die Rolle der Anschieber, die lange Zeit als die Schattenmänner der Eisrinne galten, ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden, weil das Material inzwischen weltweit auf einem ähnlich guten Level ist. Bei den Anschiebern, der Name sagt es, kommt es vor allem auf einen dynamischen Start an. Der soll in Magdeburg künftig unter möglichst wettkampfnahen Verhältnissen geübt werden.

„Unser Nachteil war bisher, dass wir keine eigene Anschubbahn mit dem entsprechenden Gefälle besitzen“, erläutert MSC-Vize Thomas Schneider im KOMPAKT-Gespräch. „Natürlich konnten wir intensives Athletiktraining betreiben und auf einem mit Rollen versehenen bobähnlichen Wagen bestimmte Dinge in der Ebene simulieren. Wollten unsere Sportler jedoch einmal unter Bedingungen und bei Geschwindigkeiten trainieren, die denen beim Wettkampf nahekommen, mussten sie bis nach Oberhof fahren. Das war natürlich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ständig möglich. Also eher die Ausnahme denn die Regel.“ Generelles Ziel des Vereins sei es, so Schneider, „Kaderathleten vor allem aus Mitteldeutschland, die in anderen Sportarten wie der Leichtathletik nicht den großen Durchbruch geschafft haben, eine zweite Chance zu geben“.

Der Gedanke an eine eigene Anschubstrecke geisterte beim MSC freilich schon längere Zeit durch die Köpfe. Aber so richtig in die Offensive traute man sich, auch aus finanziellen Erwägungen, dann doch nicht. Da sich der Standort Magdeburg jedoch im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Pfeiler des deutschen Bobsports entwi-ckelte – Höhepunkte waren die Weltmeistertitel, die Andreas Bredau und Marko Hübenbecker miteroberten – wurde nun ein erneuter Anlauf unternommen. Zumal 2019 im Potsdamer Luftschiffhafen-Sportpark eine neue Anschubbahn aus dem Boden gestampft worden war. Unterstützung kam vom Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt (OSP), bei dem die Bobsportler, wie OSP-Leiter Helmut Kurrat hervorhebt, „längst eine stabile Größe geworden sind“. Die Zahl der Bob-Kaderathleten am OSP übertreffe derzeit sogar die im Handball, Turnen oder Wasserspringen.

Die Magdeburger Anschub-Bahn, die unter freiem Himmel entsteht, soll über eine Länge von etwa 140 Metern verfügen. Auf ihr werden, einfach gesagt, auf Rollen befindliche ausgediente Original-Bobs auf Schienen, die in einen Tartanuntergrund eingelassen sind, bergab beschleunigt. Die reine Strecke, auf der die Athleten den Schlitten schieben, beträgt etwa 40 und 50 Meter. „Wir sind in der Lage, in Magdeburg zwei verschiedene Bahn-Profile nachzubauen“, so MSC-Vize Schneider. „Sie orientieren sich an denen in Peking, wo 2022 die nächsten Olympischen Winterspiele stattfinden, und an Oberhof“. 600.000 Euro sind für den Bau veranschlagt. Stadt und Land wollen die Summe gemeinsam aufbringen. Auf jeden Fall bis zum Sommer nächsten Jahres soll die Konstruktion stehen – damit die Anschieber noch genügend Zeit zum Üben haben, um ihre Schlitten dann in Jahr da-rauf im Reich der Mitte auf Höchstgeschwindigkeit zu katapultieren.

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