Samstag, Oktober 16, 2021
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Schneller als der Wind

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Preußens optischer Telegraf war kurzzeitig das Nonplusultra der Nachrichtenübermittlung. Von Michael Ronshausen

Für die öffentliche und private Nachrichtenübermittlung benötigt man heute in vielen Fällen keine Kabel mehr. Die Funktechnologie macht’s möglich. Doch bereits vor 200 Jahren entwickelten findige Köpfe ein System, mit dem man schneller als der Wind Informationen durch das ganze Land schicken konnte und trotzdem keine festen ortsgestützten Verbindungen benötigte. Die Rede ist vom „Preußischen Optischen Telegraphen“, der Berlin über Magdeburg, Köln und die Festung Ehrenbreitstein mit Koblenz verband. Am Ende nur 16 Jahre – von 1833 bis 1849 – in Betrieb, galt die Anlage kurzzeitig als das Nonplusultra der modernen Nachrichtenübermittlung. Schließlich wurde sie durch die an Leitungen gebundene elektromechanische Telegrafie ersetzt.

Die ersten auf Sicht konzipierten Telegrafenanlagen wurden in Frankreich entwickelt und errichtet. Und aus preußischer Sicht war es auch ein französischer Anlass, eine solche Anlage zu bauen. Immerhin hatte Preußen nach dem Wiener Kongress einen erheblichen Gebietszuwachs erfahren. Mit den Preußischen Rheinlanden lag eines dieser Gebiete unmittelbar vor der französischen Haustür, und im Falle eines Falles wollte man in Berlin nicht mehr auf Pferd und Reiter angewiesen sein. Etwas Schnelleres musste her, und hier lag die Idee einer auf Stationen gestützten Sichtverbindung auf der Hand.

Eingerichtet wurde schließlich eine aus 62 Telegrafenämtern bestehende Linie, die teilweise bereits bestehende Gebäude innerhalb von Städten und Dörfern in das System einband, mehrheitlich aber aus neu errichteten Zweckbauten auf dem flachen Land bestand. Am Ende war es – vorausgesetzt, das Wetter und einige andere Unwägbarkeiten spielten mit – möglich, zumindest kurze Nachrichten über eine Entfernung von 587 Kilometern innerhalb einer einzigen Stunde zu befördern. Selbst mit guten Pferden war diese Entfernung kaum unter einer Woche zurückzulegen.
Doch wie bereits angedeutet hatte das System auch seine Tücken. Wetter und Tageszeit mussten mitspielen und in der langen Kette der Stationen durfte keine Lücke entstehen. Für den Dienst mussten mehr als 124 Telegrafisten mit hohem Ausbildungsstand zur Verfügung stehen, hinzu kam das technische Hilfspersonal, welches die Stationen unterhielt und stets für freie Sicht zu sorgen hatte. In regelmäßig von Nebel betroffenen Gebieten standen teilweise auch Reiter bereit, um die optisch unterbrochene Verbindung notfalls zu überbrücken.

Funktionsfähig wurden die Anlagen über eine mechanisch betriebene Stelleinrichtung und einen sechs Meter hohen Signalmast, an dem sich sechs flügelähnliche Indikatoren befanden, die mit den damals hochwertigsten Fernrohren beobachtet wurden. Hiermit wurde es möglich, mehr als 4.000 Einzelinformationen durch die 62 Stationen optisch zu übertragen. Dazu beobachtete einer der Telegrafis-ten die benachbarte Station und gab seinem Kollegen akustisch die Anweisung für die Einstellung des eigenen Telegrafenmasts. Ursprünglich nur militärisch genutzt, wurde das System zeitweilig auch zur Übermittlung von Börsennachrichten genutzt, zumindest für wirklich kriegerische Zwecke kam es nie zum Einsatz.

Ab 1849/50 wurde der Betrieb der Anlage eingestellt. Die technischen Einrichtungen wurden meist verschrottet. Viele der Gebäude im freien Feld wurden abgebaut und sind heute nicht mehr existent. Einige der Bauten wurden anderweitig genutzt, manche dienen und dienten noch lange als Wohnhäuser oder Gaststätten. Erhalten blieben auch zwei Kirchen, auf denen einst Telegrafenstationen standen: die Johanniskirche in Magdeburg und St. Pantaleon in Köln. Auch für das Schloss in Ampfurth blieb die Zeit der optischen Telegrafie nur eine kurze Episode. An einigen Orten existieren hingegen bis heute Straßenbezeichnungen wie „Am Telegrafenberg“ oder „Zum Telegrafen“.

Die touristisch wie auch technisch interessanteste Anlage befindet sich in Sachsen-Anhalt. An einigen Standorten stehen Attrappen der historischen Stationen, viele werden mittlerweile durch Informationsschilder kenntlich gemacht. Lediglich in Neuwegersleben gibt es im erhalten gebliebenen und mehr als 100 Jahre lang als Wohnhaus genutzten Originalgebäude von 1832 einen technisch voll funktionsfähigen Nachbau aus dem Jahr 1999, der im Sommerhalbjahr jeweils am letzten Sonntag des Monats besichtigt werden kann. Von der hier befindlichen Station 18 (von Berlin aus gezählt) kann man in 7.500 Metern Entfernung die Attrappe des Signalmasts bei Oschersleben (Station 17) erblicken. In Richtung Westen befand sich in zwölfeinhalb Kilometern Entfernung nahe Pabstorf die Station 19. Hier gibt es heute nur noch Acker.

Nach den Corona-Einschränkungen und einem Einbruchdiebstahl mit erheblichem Sachschaden war die Saison für die Station 18 im Frühjahr 2021 beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Ab Ende April kommenden Jahres soll sich aber auch hier die Situation wieder normalisieren. Interessenten sind dann erneut eingeladen, den Optischen Telegrafen selbst in Augenschein zu nehmen und sich mit einem Nachrichtenübermittlungssystem vertraut zu machen, bei dem die Informationen erstmals nicht durch Menschen bewegt werden mussten.

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