Sonntag, August 1, 2021
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Vom alten Ideal Olympias, ein Treffen der Sportjugend der Welt zu sein, bleibt in Tokio nach dem Zuschauerausschluss nicht mehr viel übrig. Es werden Geisterspiele. Der Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt entsendet 16 Athleten in die japanische Hauptstadt. Von Rui Bartlitz

Wohin man in diesen Tagen auch hört und sieht, wen man spricht – kaum etwas zu spüren von den Vorboten der fünf Ringe. Es will partout nicht aufkommen, das sprichwörtliche vorolympische Prickeln. Nicht im fernen Tokio, schon gar nicht hierzulande, knapp 9.000 Kilometer vom vermeintlichen Epizentrum entfernt. Das in der Vorwoche verhängte totale Zuschauerverbot setzte allem die Krone auf. Ach, fragen manche, wann geht’s denn los, die Fußball-Europameisterschaft ist doch gerade erst vorbei … Dabei ist es nur noch eine gute Woche hin, bis am 23. Juli in Nippons Hauptstadt die XXXII. Sommerspiele der Neuzeit eröffnet werden.

Es ist kein plötzlich aufgekommenes Desinteresse an den Ringe-Spielen (was wegen deren unübersehbarem Gigantismus und grenzenloser Kommerzialisierung durchaus verständlich wäre) oder gar eine allgemeine Sportmüdigkeit, die sich, wie von Geisterhand ausgebreitet, plötzlich über den Globus gelegt hätte. Die die ansonsten gewohnte Euphorie und gespannte Erwartung auf das weltgrößte Festival der Leibeskulturen dämpft. Nein, es sind diesmal vor allem die Bedingungen, unter denen das 16tägige Ereignis stattfinden wird. Bedingungen, die nicht mehr viel mit dem gemein haben, was den olympischen Gedanken in seinem Wesen ausmacht: unbeschwerte Spiele der Sportjugend aus aller Welt, ein von Millionen live und vor Ort oft leidenschaftlich verfolgter Vergleich der weltbesten Athleten. Es sind eher Trauerspiele.

Denn seit längerem ist klar: Besucher wird es in Tokio definitiv nicht geben. Nicht einmal das alte (eigentlich falsche) olympische Motto gilt noch, wonach Dabeisein alles sei. Erst wurden im März die Grenzen Japans für olympische Besucher geschlossen, dann letzte Woche die Einheimischen ausgesperrt. Das Treffen von Sportbegeisterten aus aller Welt fällt aus. Ein Spektakel in der Blase. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Angesichts der angespannten Lage im Land ist die Entscheidung vernünftig, sie ist die einzig Richtige – wenn man schon grundsätzlich entschlossen ist, diese Spiele durchzupeitschen. Trotz Notstand. Und daran haben IOC und die japanischen Ausrichter nie einen Hehl gemacht. Sie wollen die Spiele unbedingt. Fernseh- und Sponsorengelder sind zu wichtig. Die Orga­ni­sa­to­ren setzen darauf, Athle­ten und Betei­lig­te von den Einheimischen weit­ge­hend abzu­schot­ten, ja regelrecht zu isolieren. Selbst die zunächst verkündete Absicht, maximal 10.000 Besucher bei einem Event zuzulassen, die vorhandenen Zuschauerkapazitäten in jedem Fall höchstens zur Hälfte auszuschöpfen, wurde wieder einkassiert. Dahinter steckt auch politisches Kalkül: Angesichts der mehrheitlichen Ablehnung der Spiele durch die Bevölkerung und erklecklichen Verlusten bei den jüngs-ten Regionalwahlen bekamen die Regierungsparteien kalte Füße. Die Sicherheit der Bürger, so nun das Argument, habe Priorität. Man könnte es auch Angst vor dem Votum des Volkes nennen.

Nicht nur die Wettbewerbe, sondern auch ausge­rech­net die übli­cher­wei­se glanz­vol­le Selbst­dar­stel­lung der Gast­ge­ber, die Eröff­nungs­fei­er, findet völlig unter Ausschluss von Zuschau­ern statt­. Was, ist zu fragen, bleibt da noch vom Zauber und Flair der Spiele? Gerade Eröffnung und Schlussfeier sind es doch, misst man es an den weltweiten Einschaltquoten, die besonders Nicht-Ultra-Sportfans fasziniert. Noch vor einem Jahr, als die Spiele wegen der Pande­mie verscho­ben wurden, hatte sogar die Idee im Raum gestan­den, bei deren Eröffnung den Triumph der Mensch­heit über das Coro­na­vi­rus zu feiern. Nichts davon ist geblieben, schaut man sich die Corona-Zahlen gerade in weiten Teilen Asiens an.

Was wir in Tokio erleben werden, wird wohl in die Geschichte eingehen als ein gigantisches Fernseh-Olympia. Etwas, was es so zuvor noch nicht gegeben hat, einzigartig in der 125-jährigen Geschichte der Spiele der Neuzeit. Übertrieben gesagt, der Kampf um die Medaillen wird sich fast ausschließlich auf den Bildschirmen abspielen. Steril, ohne Flair. Was ist das für ein Fest, zu dem keine Gäste eingeladen sind? Es ist eine Leistungsschau, die Besten messen ihre Kräfte, fast wie bei „normalen“ Weltmeisterschaften. Aber alles, was Olympische Spiele bei all ihrem Gigantismus dann doch noch ausmacht, die Atmosphäre, das Internationale, der Austausch, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam Sport gucken – all das ist dieser Veranstaltung genommen.

Und damit stehen zwei Gewinner der Spiele bereits fest, bevor der erste Wettkampf überhaupt begonnen hat: Der US-amerikanische TV-Krösus NBC und das IOC, das starr an seiner Haltung festhielt, das Event auszutragen, komme, was da wolle. NBC zahlt für die TV-Rechte an den Olympischen Spielen von 2014 bis 2032 zwölf Milliarden Dollar an das IOC. Da sich alle wichtigen US-Sportarten außer Baseball im Juli und August in der Sommerpause befinden, kann das Netzwerk in dieser Phase auf hohe Werbe-Einnahmen für die Übertragungen hoffen. Ein Ausfall hätte schlimme Folgen. Noch fataler wäre die Streichung der Wettkämpfe für das IOC. Für die vermeintlichen Gralshüter ist das alle vier Jahre veranstaltete Spektakel das Kern-Produkt schlechthin. Für den Vierjahreszeitraum von 2013 bis 2016 mit den Spielen in Sotschi und Rio wies das IOC einen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro aus. Rund drei Viertel des Geldes kommen aus dem Verkauf der TV-Rechte. Bei aller Gegnerschaft im Gastgeberland – vor allem aus der Bevölkerung und der Wissenschaft – es gibt diejenigen schon noch, die neben den beiden „Big Playern“ die Durchführung des Ringe-Wettkampf zum jetzigen Zeitpunkt kräftig feiern: nämlich die Athleten selbst, und zwar rund um den Globus. Sie freuen sich zu Recht darauf, dass ihr sportlicher Höhepunkt – wenn auch unter nichtnormalen Bedingungen und ein Jahr später als geplant – letztlich doch stattfindet. Sachsen-Anhalts Spitzensportler machen da keine Ausnahme. Bei einem Ausfall der Spiele wären sie, da waren sich alle einig, einer einmaligen sportlichen Chance und der Früchte jahrelanger Trainingsarbeit beraubt worden. Als die Teilnehmer aus dem Bindestrich-Land in der vergangenen Woche in Magdeburg verabschiedet wurden, zierten letztlich 16 Namen die Ehrenliste der Berufenen. Das wäre gegenüber Rio 2016, als noch elf Sportler die Farben Sachsen-Anhalts vertraten, durchaus ein quantitativ nennenswerter Sprung nach vorn. Gäbe es da nicht eine für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehende, vertrackte innere Sportlogik. Die neue Formel lautet: 12 + 4. Heißt im konkreten Fall: Von den 16 sind 12 Mitglied in Vereinen aus Sachsen-Anhalt. Die restlichen vier stammen aus anderen Bundesländern und gehören dortigen Klubs an, trainieren aber seit geraumer Zeit in Magdeburg oder Halle. Sie zählen in einer internen Wertung also für den hiesigen Olympiastützpunkt.

„Unsere Erwartungen sind zahlenmäßig schon erfüllt worden“, zieht der Leiter des Olympiastützpunktes (OSP) Sachsen-Anhalt, Helmut Kurrat, im Gespräch mit der KOMPAKT ZEITUNG ein erstes (vorsichtiges) vorolympisches Resumee. „In der letzten Phase vor der Nominierung sind wir davon ausgegangen, dass wir mit 15 bis 17 Startern nach Tokio fahren. Die Unwägbarkeiten durch Corona haben dabei natürlich eine Rolle gespielt, aber das war überall auf der Welt so.“ Man könne also sagen, betont Kurrat, „Sachsen-Anhalts Athleten haben bei der Nominierung für das deutsche Team durchaus respektable Resultate erreicht. Wir sind in unseren Schwerpunktsportarten wieder vertreten, wobei das Resultat der Schwimmer natürlich herausragend ist. Allein sieben von ihnen – Isabel Gose, Franziska Hentke, Lukas Märtens, Rob Muffels, Laura Riedemann, Florian Wellbrock und Finnia Wunram – starten für Vereine aus unserem Bundesland. Hinzu kommen noch Sarah Köhler (Frankfurt/Main) und Celine Rieder (Neckarsulm), die seit geraumer Zeit am Bundesstützpunkt in Magdeburg trainieren. Köhler sogar schon seit fast zwei Jahren.“ Deshalb sei die unterschiedliche Zählweise auch nicht das Ausschlaggebende: „Am Ende starten sie alle fürs Team Deutschland – und darum geht es ja.“ Kurrat sieht allerdings auch Schwachstellen: „Natürlich haben wir uns gerade in den Sportarten Leichtathletik, Kanu und Rudern mehr erhofft und erwünscht. Besonders Kanu macht uns dabei Sorge, weil bereits zum zweiten Mal nach Rio 2016 es kein Athlet schaffte, sich zu qualifizieren.“ Der neutrale Beobachter könnte es auch drastischer formulieren: Allein die Schwimmer haben die Bilanz gerettet. Ohne sie würde selbst das erweiterte Team aus nur sieben Athleten bestehen. Es ist nicht zu übersehen: Aus der olympischen Talsohle, von der nach London und Rio viel die Rede war, bewegt sich das Sportland Sachsen-Anhalt nur schwerlich heraus.

Erfreulich sei hingegen, so der einstige SCM-Handballtrainer Kurrat, „dass wir mit Philipp Weber, der einst in Glinde mit seinem Sport begann und im Sommer zum SC Magdeburg zurückgekehrt ist, wieder im deutschen Team vertreten sind. Das freut mich auch persönlich, weil ich ihn einst noch als Trainer in die Jugend-Nationalmannschaft gebracht habe. Erfreulich ebenso, dass es den Turnern in Halle durch engagierte Arbeit, vor allem von Trainer Hubert Brylok, gelang, ohne Bundesstützpunkt zu sein, mit Lukas Dauser und Nils Dunkel zwei Sportler ins Tokio-Team zu entsenden.“ Nach Sportarten aufgegliedert, ergibt sich folgendes Bild für das Sachsen-Anhalt-Team: Schwimmen 9, Leichtathletik 2, Turnen 2, Handball, Rudern, Wasserspringen je 1. Hinzu kommen fünf Ersatzleute: Shanice Craft (Halle/Diskuswerfen), Rebecca Gruhn (Halle/Rad/Freestyle), Nick Klessing (Halle/Turnen), Luise Malzahn (Halle/Judo), Michael Müller (Magdeburg/Kanu). In der schwarz-rot-goldenen Mannschaft stehen ferner fünf Trainer aus Sachsen-Anhalt (Bernd Berkhahn, Norbert Warnatzsch/beide Schwimmen, Rene Sack/Leichtathletik, Philipp Becker/Wasserspringen, Hubert Brylok/Turnen). Als Handball-Schiedsrichter vertritt das Magdeburger Duo Robert Schulze/Tobias Tönnies das Bundesland beim Turnier in Tokio.

Was dem Betrachter auffällt: In der Sachsen-Anhalt-Equipe fehlen einige bekannte Namen, die in der Vergangenheit für so manche Schlagzeile gesorgt hatten. An der Spitze steht dabei Olympiasiegerin Julia Lier, die 2016 in Rio im deutschen Vierer gesessen hatte. Sie beendete im vergangenen Jahr ihre Laufbahn überraschend. Mit der Hallenserin habe „Sachsen-Anhalts Hochleistungssport eine seiner Galionsfiguren verloren“, bedauert Kurrat. „Eigentlich ist bei uns die Decke zu dünn, um eine solche absolute Spitzenathletin ziehen zu lassen. Aber sie hat die Entscheidung so getroffen. Nach einer schweren Verletzung erschien ihr der Rückstand zur Weltspitze als nicht mehr aufholbar. Mit ihr verlieren wir eine eloquente Athletin, ein sympathisches Gesicht des Sports in Sachsen- Anhalt.“ Auch die beiden Leichtathleten Martin Wierig (SCM) und Rico Freimuth (SV Halle) sind in Tokio nicht dabei, letzterer hat seine Laufbahn beendet. Nicht in der Qualifikation durchsetzen konnten sich Box-Weltmeisterin Ornella Wahner und Judoka Luise Malzahn (beide Halle). Ein etwas „spezieller Fall“ ist Kanu-Doppelweltmeister Yul Oeltze, der zusammen mit seinem Leipziger Partner Peter Kretschmer vielen Experten lange als aussichtsreicher Medaillenkandidat für Tokio im Zweier-Canadier galt. Bis Oeltze („Die Verschiebung der Spiele 2020 wegen Corona hat mich in ein Loch katapultiert“, sagte er der „TAZ“) im Frühjahr nach misslungener innerdeutscher Qualifikation sang- und klanglos abtauchte. Kein Kommentar, keine Erklärung, nichts. Der 27-Jährige, liiert mit Model und Influenzerin Jana Heinisch, scheint wie vom Erdboden verschwunden. Auch im OSP weiß man nichts. Inzwischen soll der Bundespolizist nach KOMPAKT-Informationen sein Stechpaddel für immer in die Ecke gefeuert haben.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Was ist drin, wenn in Tokio die Medaillen verteilt werden? Zur Erinnerung: Aus Rio hatten Sachsen-Anhalts Starter einmal Gold (Lier/Rudern) und einmal Bronze (Lemke/Handball) mitgebracht, in London 2012 hatte es nur zu einmal Bronze (Ihle/Kanu) gereicht. Die Enttäuschung im Land war seinerzeit mit Händen zu greifen. Auf eine konkrete Prognose will sich der OSP-Chef („Auf die eine oder andere Medaille hoffe ich natürlich“) diesmal nicht einlassen: „Da sind einfach zu viele Unwägbarkeiten wegen Corona drin. In vielen Sportarten fehlten in den letzten eineinhalb Jahren die echten Vergleiche.“ Aber den Schwimmern um Star und Doppelweltmeister Florian Wellbrock traut er schon die, wie er sagt „eine oder andere“ Plakette zu. Am wichtigsten sei es jetzt jedoch, betont er, „dass die Spiele auf jeden Fall stattfinden. Eine totale Absage hätte verheerende Folgen für den Sport gehabt. Das ist überhaupt nicht quantifizierbar. Es hätte natürlich auch Auswirkungen auf uns in Sachsen-Anhalt gehabt. Denn gerade die olympischen Disziplinen beziehen, anders als der Fußball, ihre Kraft vorrangig aus dem alle vier Jahre stattfinden Top-Ereignis. Das ist unser Schaufenster. Wenn das weggefallen wäre …“

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