Donnerstag, Januar 20, 2022
Anzeige

Schöne Tabellen

Anzeige

Folge uns

Es scheint, es gibt sie nicht mehr, diese Tabellen. Ob sie nun tatsächlich schön waren oder schön sind, darüber lässt sich natürlich streiten. Es geht um Tabellen der Konjugation und Tabellen der Deklination. Das zusammenfassende deutsche Wort für Konjugation und Deklination ist Beugung, das Fremdwort ist Flexion. Konjugation ist die Flexion von Verben. Verben sind auf gut Deutsch Zeitwörter. Zeitwörter werden manchmal auch Tätigkeitswörter genannt. Dazu zählt auch ‚schlafen‘, obwohl man ja da eigentlich nichts tut. Verben bezeichnen also Tätigkeiten (‚schreiben‘, ‚arbeiten‘), Vorgänge (‚aufwachen‘, ‚entfalten‘) oder Zustände (‚leben‘, ‚ruhen‘). Die Deklination hingegen bedeutet die Flexion, also die Beugung, von sogenannten Nomen. Nomen sind Substantive, Adjektive, Personalpronomen, Artikel und Zahlwörter.

Wenn es Tabellen dieser Art nicht mehr gibt, dann könnte man ja einen Streit darüber beginnen, ob sie einen Nutzen haben oder überhaupt jemals einen Nutzen hatten. Damit es aber nicht zu theoretisch wird, führen wir erstmal einige Beispiele aus der Praxis an. Konjugation, konjugieren, das bedeutet, dass wir vor ein Verb unterschiedliche Personen setzen. Nehmen wir die Konjugation des bereits erwähnten Verbs ‚schlafen‘: ich schlafe, du schläfst, er (sie, es) schläft, wir schlafen, ihr schlaft, sie schlafen. Diese konjugierten Formen werden auch als sogenannte finite Formen bezeichnet (finit = begrenzt, endlich). Die nichtkonjugierte Form eines Verbs ist der Infinitiv, auf Deutsch die Nennform. Ein Beispiel dazu: ‚Ich will schlafen.‘ ‚schlafen‘ ist hier Infinitiv, ‚ich will‘ ist die finite Form des Verbs ‚wollen‘.

Sehen Sie sich doch bitte nochmal die Konjugation von ‚schlafen‘ an. Sie werden bemerken, dass die finiten Formen ‚du schläfst‘ und ‚er schläft‘ nicht den Buchstaben oder den Laut ‚a‘ enthalten, sondern ein ‚ä‘. In der Sprachlehre wird diese Erscheinung, also die Umwandlung des Selbstlauts im Stamm des Verbs, als ‚starke Konjugation‘ bezeichnet. Und diese Erscheinung ist im Deutschen sehr häufig, dazu führen wir einige Verben an: ‚fangen‘ – ich fange, du fängst, er fängt; ‚tragen‘ – ich trage, du trägst; ‚geben‘ – ich gebe, du gibst, er gibt. Die Veränderung des sogenannten Stammvokals findet auch in den anderen Zeitformen von Verben statt. Wir setzen die Aussage in die Vergangenheit, in das sogenannte Imperfekt (einfache Vergangenheit): ich schlief, du schliefst, … wir schliefen. Dann gibt es ja auch noch zusammengesetzte Zeitformen der Vergangenheit, nämlich das sogenannte Perfekt und das Plusquamperfekt. Perfekt: ich habe geschlafen, … wir haben geschlafen. Plusquamperfekt: ich hatte geschlafen, … sie hatten geschlafen.

Es gibt also Verben der starken Konjugation, auch als „starke Verben“ bezeichnet, die jedoch aber auch neben den sogenannten regelmäßig konjugierten Verben existieren. Regelmäßig konjugiert heißt, dass keine Veränderungen des Stammvokals stattfinden: Infinitiv ‚sagen‘: ich sage, du sagst, er sagt, wir sagen, ihr sagt, sie sagen. Infinitiv ‚rechnen‘: ich rechne, du rechnest, … ihr rechnet ….

Eine Sprache, eben auch unsere deutsche Sprache, lässt sich schwer in ein Korsett pressen. Das Verb ‚sagen‘ ist ähnlich dem Verb ‘fragen’, beide sind regelmäßig konjugierte Verben. Aber neulich hörte ich im MDR-Radio, als jemand aus der ländlichen Gegend um Magdeburg interviewt wurde: „Er frägt mich …“. Eindeutig starke Konjugation, abweichend von dem, wie sonst gesprochen wird! Dabei fällt mir ein, wie in meinem ehemaligen Heimatdorf in Nordthüringen geredet wurde: ‚Ich frug ihn‘ … ‚sie frugen‘ … anstelle von ‚ich fragte ihn‘ … ‚sie fragten‘ ….

Was hat das nun alles mit Tabellen zu tun? In Bezug auf die Konjugation können Tabellen übersichtlich anzeigen, welche Verben der starken Konjugation unterliegen. Ähnlich den Tabellen mit dem Einmaleins in der Schule bieten sie die Möglichkeit, dass man sich schnell orientieren und nachschlagen kann. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, in der Schule Englischunterricht hatten, können Sie sich vielleicht auch noch an Übersichten mit ‚irregular verbs‘ erinnern, eventuell hat auch ein strenger Lehrer gefordert, die wichtigsten unregelmäßigen Verben auswendig zu lernen. In einer Tabelle war dann in der Reihenfolge ‚verb‘, ‚past tense‘ und ‚past participle‘ angeführt: arise – arose – arisen; bear – bore – borne; break – broke – broken, usw. usf. In unserem Duden, auch in der neuesten Auflage Nr. 28 aus dem Jahre 2020, suchen Sie Übersichten solcher Art, bezogen natürlich auf die deutsche Sprache, vergeblich. Unter dem Stichwort ‚brechen‘ wird angegeben: du brichst – er bricht – du brachst – du brächest – gebrochen – brich! Um diese Formen richtig einordnen zu können, müssten Sie eigentlich vorher das Kapitel „Grammatische Informationen zu Verben“ lesen. Für Ausländer, und von denen gibt es immer mehr in Deutschland, wären nach meiner Auffassung übersichtliche Tabellen hilfreicher. Und wenn Sie Fremdsprachen lernen möchten, ist es wohl doch auch von Nutzen, übersichtliche Tabellen zur Verfügung zu haben.

Bis mindestens 1990 war der Russischunterricht in den DDR-Schulen obligatorisch. Ich nehme an, dass Sie als etwas ältere Leserinnen und Leser während dieses Unterrichts damals Bekanntschaft mit Tabellen mehrerer Art gemacht haben. Da gab es auch Tabellen zur Konjugation russischer Verben, und zwar, wenn Sie sich erinnern sollten, mit der i-Konjugation und der e-Konjugation. Hierbei herrschte noch eine gewisse Regelmäßigkeit, deshalb waren sie ja in diese beiden Kategorien zusammengefasst. Die Tabellen mit unregelmäßigen Verben füllten im Anhang eines Russisch-Wörterbuchs zahlreiche Seiten und wiesen aufgrund des Formenreichtums der Verben mit mehreren Arten von Partizipien (Mittelwörter) sogar elf Spalten auf.
Von Formenreichtum können wir auch bei den russischen Substantiven sprechen. Dass im Deutschen Substantive dekliniert werden, haben wir hier ganz oben kurz erwähnt. Deklination bedeutet, dass die Nomen, wozu ja die Substantive gehören, in grammatische Fälle gesetzt werden. Im Deutschen haben wir vier Fälle: Nominativ (1. Fall, Werfall), Genitiv (2. Fall, Wesfall), Dativ (3. Fall, Wemfall), Akkusativ (4. Fall, Wenfall). Jeden Fall können wir mit einem Fragewort erfragen: wer? – wessen? – wem? – wen?.

Im Russischen gar haben wir es mit sechs (!) Fällen zu tun. Es fehlt im Russischen der Artikel (in älteren deutschen Grammatik-Lehrbüchern Geschlechtswort genannt, obwohl eigentlich gar kein Bezug zu einem natürlichen Geschlecht wie männlich oder weiblich gegeben ist), das grammatische Geschlecht eines Wortes wird im Russischen durch die Endung des Wortes ausgedrückt. Und die sechs grammatischen Fälle sind wahrscheinlich notwendig, um in einem Satz in klarer Weise Beziehungen zu gestalten. Zu den ersten vier grammatischen Fällen, wie sie auch im Deutschen existieren, kommen eben noch die zwei weiteren hinzu. Der 5. Fall ist der sogenannte Instrumental, der 6. Fall heißt Präpositiv, weil die Substantivform im Präpositiv immer mit einer Präposition, also einem davorstehenden Verhältniswort, verbunden ist: в школе – in der Schule, на заводе – im Werk. Mit dem Instrumental (5. Fall) wird in der Regel ein Instrument, ein Werkzeug, mit dem eine Handlung ausgeführt wird, bezeichnet.

Nun soll ein kleiner Witz folgen. Um ihn zu verstehen, geben wir Ihnen noch eine kleine Nachhilfe in Russisch. Wir deklinieren als Beispiel ein männliches Substantiv mit allen 6 Fällen: врач (= der Arzt). Nominativ, Genitiv usw.: врач – врача – врачу – врача – врачом – о враче. Und wir deklinieren das Fragepronomen кто (= wer?): кто – кого – кому – кого – кем – о ком. Das Wort ‚нож‘ ist ein Substantiv und heißt zu Deutsch ‚Messer‘, es wird genauso wie das genannte Substantiv врач dekliniert. Nikita Sergejewitsch Chrustschow war von 1958 bis 1964 Staats- und Regierungschef der Sowjetunion. Er propagierte insbesondere die friedliche Koexistenz der damals bestehenden unterschiedlichen östlichen und westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme. Bei einem Staatsbesuch in den USA begleitet ihn seine Frau Nina. Zu Ehren des hohen sowjetischen Gastes wird in Washington ein festliches Bankett gegeben. Nach dem Austausch freundlicher Reden der Staatsführer wird das Essen aufgetragen. Nina bemerkt, dass die amerikanischen Gastgeber und die anderen eingeladenen Würdenträger des diplomatischen Corps mit Messer und Gabel essen, während ihr Nikita auf seinem Teller mit der Gabel herumstochert. Sie zischt ihm zu: „ножом!“ Darauf er: „кого?“ Verstanden? Wenn nicht, dann lesen Sie das nachstehende Kleingedruckte. (Nina: „Mit dem Messer!“- im Russischen Instrumental. Darauf er: „Wen?“ – wie auch im Deutschen Akkusativ)

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie all das, was hier geschrieben steht, schon gewusst. Wenn Sie Ihre Kenntnisse aufgefrischt haben, dann ist das schon ein kleiner Erfolg. Haben Sie wenig neue Erkenntnisse oder eventuell gar keine neuen Erkenntnisse gewonnen, dann bitte ich Sie, solidarisch zu sein, solidarisch denen gegenüber, die von dem Geschriebenen nicht viel oder eventuell gar nichts wissen. Und überlegen Sie bitte auch mit, ob es überhaupt lohnt, etwas Theorie zu kennen. Ist das sinnvoll oder nicht?
Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Mäßig bewölkt
3.3 ° C
4.8 °
1.6 °
72 %
1.3kmh
30 %
Do
3 °
Fr
2 °
Sa
5 °
So
7 °
Mo
6 °

E-Paper