Schulabschluss statt Schulabbruch

Weil die Praxis im Mittelpunkt steht, bietet das produktive Lernen neue Chancen

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Die Zahl der Heranwachsenden, die das Bildungssystem hierzulande ohne Abschluss verlassen, ist bundesweit ein Problem. Im vorigen Schuljahr gab es laut Statistik 11,6 Prozent Schulabgänger ohne Abschluss in Sachsen-Anhalt. Nun ist es mit Prozenten immer so eine Sache. Umgerechnet heißt es, dass knapp 1.000 Schülerinnen und Schüler 2019 die Schule ohne Abschluss verließen. Die Gründe sind vielseitig. Sie bündeln sich jedoch in dem „Stempel“: Schulabbrecher sind Gescheiterte, die einfach keinen Bock auf Unterricht hatten. Nein, das ist nicht immer so. Manche haben einfach Probleme mit dem Regelschulsystem. Beispielsweise jene, die einfach besser in der Praxis sind als in der Theorie. Weil jeder Mensch unterschiedliche Veranlagungen und Qualitäten hat – und eben auch unterschiedlich lernt. Eine Alternative zum Regelschulsystem bietet seit über 15 Jahren das „Produktive Lernen in Schule und Betrieb“ (PL).

In ganz Sachsen-Anhalt gibt es das Produktive Lernen mittlerweile an 24 Schulen, zumeist als separater Teil an Gemeinschafts- bzw. Sekundarschulen, beispielsweise in Salzwedel, Schönebeck, Wanzleben, Wolmirstedt, Möckern, Raguhn, Dessau, Hettstedt, Halle und Magdeburg. Gefördert wurde das Projekt zunächst im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) mit EU-Mitteln. Nach Ablauf übernahm das Land. Das bedarfsorientierte Lernen wird mit einer Summe von insgesamt 1,5 Millionen Euro unterstützt. Im vorigen Jahr nutzten 417 Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt das Angebot. In Magdeburg gibt es die Möglichkeit des Produktiven Lernens in der Leibniz- und der Goethe-Schule.

Die PL-Unterrichtswoche teilt sich in drei Tage Praktikum in einem Unternehmen und zwei Tage Unterricht in verschiedenen Lernbereichen wie Mathematik, Physik, Biologie, bei denen die Erfahrungen der Praxis einfließen. In der zweijährigen Ausbildung werden pro Jahr drei Berufe „ausprobiert“. Das Schuljahr ist in Trimester unterteilt, statt Noten gilt ein Punktesystem, nach jedem Trimester gibt es ein Zeugnis.

Die Heranwachsenen können durch die Arbeit in der Praxis das Lernen lernen, es wird eher begreiflich. Nach der Arbeit in der Firma werden in der Schule die erforderlichen Grundlagen erklärt. Und plötzlich erklärt sich der Sinn der Theorie. Ein Maler und Tapezierer muss errechnen können, wie viele Bahnen Tapete oder Eimer Farbe er braucht, ein Kfz-Mechaniker sich mit der Technik auskennen. So motiviert fällt das Lernen leichter.

An der Magdeburger Goethe-Schule gibt es derzeit vier Klassen, in denen praxisorientiert gelernt werden kann. 26 Schülerinen und Schüler in der Klasse PL8, 22 in der PL9. Ziel ist der Hauptschulabschluss, mit Option auf den Realschulabschluss (Klasse 10). Fast alle Schülerinnen und Schüler schaffen so ihren Abschluss, freut sich Frank Küllmei vom PL-Team. Seit 2004 ist er als Lehrer für diese besonderen Klassen zuständig und beziffert die Erfolgsquote mit 95 Prozent. Immerhin 90 Prozent davon haben dann bereits zum Schuljahresende ihren Ausbildungsvertrag in der Tasche. „Es ist ein schönes Zubrot, wenn die jungen Leute nicht nur ihren Abschluss schaffen, sondern auch eine Lehrstelle finden.“ Auch das gehört zu den Vorteilen:  Die Praktikanten und Unternehmen kennen sich und können sich nach der gemeinsamen Zeit einschätzen. Und: Wer sich im Praktikum ausprobieren kann, sieht Berufe nicht selten anders. So mancher Traumberuf verliert seinen Glimmer, dafür werden andere Berufe entdeckt, die Schüler/-innen vorher gar nicht auf dem „Schirm“ hatten. In der Gastronomie beispielsweise oder – wie auf dem Foto – einer Tischlerei.

Die Bewerbungen für das nächste Schuljahr beginnen im März 2021. Zuvor laden die Schulen zu Informationstagen ein. Deren Termine stehen derzeit noch nicht fest, werden aber auf den Internetseiten verkündet oder auf Nachfrage ab Jahresanfang mitgeteilt. Die Schüler/-innen werden nach der Bewerbung gemeinsam mit ihren Eltern zum Aufnahmegespräch eingeladen. Denn nur, wer wirklich für sich eine Perspektive sucht, hat die Chance auf einen der begehrten PL-Plätze. Birgit Ahlert

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