Dienstag, Juli 5, 2022
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Schwarz-Weiß im Denken und beim Fühlen

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Sie können sich ja selbst einmal befragen: Was für ein Gefühl hätte ich, wenn sich mein Kind oder Enkel mit einem Partner in anderer Hautfarbe vorstellt? Wenn Sie im ersten Augenblick darüber nicht gerade erfreut sind,
müssen Sie sich noch nicht in die rechte Ecke gestellt fühlen. Vielmehr ist dies zunächst einmal eine ganz natürliche Reaktion, die uns aus weit zurückliegenden Zeiten überkommen ist.

Schon in der frühen Menschheit gehörte es zum ganz normalen Programm, sich in der Gruppe gleicher Menschen wohlzufühlen, sich aber von Fremden abzugrenzen. Über längere Zeiten gab es in der Menschheitsgeschichte aber dennoch Kontakte und Mischungen, was übrigens kein Nachteil war. So gibt es in unserem Erbgut beträchtliche Anteile der ausgestorbenen Neandertaler. Hier in Europa haben wir ein vielfältiges Gemisch von Volksstämmen aus allen Richtungen. Deshalb war schon Hitlers These zu „Ariern“ barer Unsinn, hatte aber als furchtbare Folge die Ermordung von sechs Millionen Juden.

Worauf will ich hinaus? Die Mordserien aus jüngster Zeit werden von den Tätern mit dem „Schutz der weißen Rasse“ oder mit „Abwehr von Umvolkung“ begründet, also mit dem Kampf gegen Mischungen. Dabei kommt ihnen die Programmierung aus weiter Vergangenheit entgegen und lässt sie – wenn diese Schiene bedient wird – weitere Sympathisanten gewinnen. Andererseits rückt die gesamte Menschheit in naher Zukunft deutlich zusammen. Globalisierung, Handel, Tourismus, Klimawandel und Fluchtbewegungen werden dazu führen, dass sich Menschen verschiedener Volksgruppen, Religionen, Mentalitäten und Hautfarben einander nahekommen. Wir werden in spätestens 200 Jahren eine Hautfarbe von mittlerem Gelbbraun haben, mal etwas heller oder dunkler, je nach Familiengeschichte. Und das ist eben keine Katastrophe. Vielleicht kann das Bewusstmachen der archaischen Wurzeln etwas zur Entspannung beitragen. Wichtig wäre aber, unsere Gefühle rechtzeitig auf Wohlwollen umzuschalten. Das kann uns auch locker werden lassen und von Ängsten befreien. Das Gegenprogramm ist jener Hass, der gegenwärtig die Gesellschaft vergiftet. Eine Partei schürt Ängste und treibt Aggressionen an. Soll es erst zur „Machtübernahme“ kommen? Glücklicherweise zeigen die Reaktionen auf die jüngsten rechtsmotivierten Verbrechen, dass die Mehrheit der Bevölkerung menschlich empfindet.

Natürlich stellt die zu erwartende große Begegnung eine hohe Herausforderung dar, besonders für unsere Gefühle. Zwar sind wir inzwischen kultivierte Menschen, müssen uns aber gegen Teile unserer archaischen Programmierung durchsetzen. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, wenn wir als Menschheit überleben wollen. Darum wäre zu empfehlen, wenn wir uns jetzt schon – und zwar wohlwollend! – in diese Zukunft hineinfühlen könnten. Dieter Müller

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