Montag, November 28, 2022

SCM: „Alles mitnehmen, was geht“

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Bennet Wiegert, Cheftrainer der SCM-Handballer, spricht im KOMPAKT-Interview über
die Aussichten in der Meisterschaft, die immer größer werdende Ausgeglichenheit in seiner Sportart und Erkenntnisse aus der gerade beendeten Europameisterschaft.

Am 9. Februar beginnt die Rückrunde der Handball-Bundesliga. Der SC Magdeburg führt nach einem Bravourritt durch die Hinserie (nur eine Niederlage) die Tabelle souverän an. Mit fünf beziehungsweise sechs Minuszählern mehr auf dem Konto lauern dahinter die alten Rivalen Flensburg und Kiel. Darüber und über einige Erkenntnisse der gerade beendeten Europameisterschaft sprach die KOMPAKT-Zeitung mit SCM-Cheftrainer Bennet Wiegert.

KOMPAKT: Eine denkwürdige EM mit fast 150 Corona-Fällen liegt hinter uns. Keiner weiß, wie es unter den derzeitigen Pandemie-Umständen – sowohl sportlich als auch organisatorisch – mittel- oder gar langfristig weitergeht. Die Bundesliga-Vereinigung (HBL) spricht davon, dass sie von Woche zu Woche schaue. Kann es sein, dass in der Meisterschafts-Rückrunde die Karten noch einmal neu gemischt werden?
Bennet Wiegert: Ich empfinde es schon so, dass eine gewisse Unsicherheit da ist. Es ist einfach eine komische Situation. Die Frage ist nicht mehr, welche Spieler sind überhaupt spielfähig, sondern wer ist in Quarantäne. Bei uns sind Beispielweise neun von elf EM-Fahrern von Covid betroffen oder waren davon betroffen. Damit will ich nicht sagen, dass nur wir gebeutelt sind, als SCM das Thema exklusiv haben. Das traf und trifft andere ebenso. Aber das kann schon die sportliche Situation beeinflussen. Hast du große personelle Ausfälle, kannst du das zu Hause gegen einen Gegner aus der unteren Tabellenhälfte eventuell noch lösen, auswärts gegen einen starken Gegner sieht das schon anders aus. Das kann über Platzierungen am Ende mitentscheiden.

Sei es wie es sei, die Tabelle weist den SCM derzeit mit nur zwei Minuspunkten als klaren Spitzenreiter aus. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin nun nicht der Fan, der schon jetzt täglich auf die Tabelle guckt. Das macht keinen Sinn. Ich muss vielmehr sagen, die einzige Niederlage, am 2. Weihnachtsfeiertag in Flensburg, hat mich sehr geärgert. Weil ich das Gefühl hatte, dass Flensburg an dem Tag bereiter war als wir, den Sieg mehr wollte, auch mental. Wenn ich es aber mit ein wenig Abstand sehe, muss ich schon sagen, in der Hinrunde ist verdammt viel richtig und verdammt viel gut gelaufen. Da habe ich nicht einmal die Vereinswelt-Meisterschaft im Blick (die der SCM im Oktober durch einen Finalerfolg über den FC Barcelona gewann, d. Red.), sondern allein die Liga. Deren Ausgeglichenheit ist so groß, dass kein Verein mehr mit null oder zwei Minuspunkten durch die Saison kommt.

Und die Konkurrenz? Sehen Sie Zeichen dafür, dass sie sich schon mit der Überlegenheit des SCM abgefunden hat?
Um Gottes Willen, nein. Flensburg und Kiel haben noch längst nicht aufgesteckt. Die wittern durchaus ihre Chance. Es kann noch so viel passieren, gerade durch Covid. Ich habe schon erlebt, dass eine Mannschaft binnen eines Monats neun Punkte aufholt. Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen, aber wenn es ganz dumm läuft, könnte unter derartigen Umständen wie derzeit für den SCM Ende März der Traum von der Meisterschaft schon wieder erledigt sein.

Aber der SCM tanzt ja noch auf zwei anderen Hochzeiten, als Titelverteidiger in der European League und im nationalen DHB-Pokal.
Gott sei Dank. Ich möchte alles so lang als möglich aufrechterhalten. Wir wollen uns nicht nur auf einen Wettbewerb konzentrieren, wir wollen alles mitnehmen, was geht.

Was entgegnen Sie Leuten, die unter den obwaltenden Umständen und zu hoher Belastung dazu raten, sich auf einen Wettbewerb zu konzentrieren?
Nein, das werden wir definitiv nicht tun. Dann konzentriert man sich eventuell aufs Falsche und ärgert sich hinterher doppelt. Auf solche Spielchen lassen wir uns erst gar nicht ein.

Noch einmal zur EM. Elf SCM-Spieler waren dabei. Mit Daniel Pettersson gewann einer mit Schweden Gold, Magnus Saugstrup und Jannick Green holten mit Dänemark Bronze, der Isländer Omar Magnusson wurde erfolgreichster Torschütze. Wie ordnen Sie das ein?
Ich bewerte das schon als positiv. Vor drei Jahren noch haben wir drei bis fünf Spieler an Nationalteams abgegeben für internationale Großereignisse. Jetzt sind es elf. Die drei bis fünf sind damals sozusagen mitgelaufen, kamen nie für All-Star-Teams oder „Man oft he Match“ in Frage. Jetzt ist das anders. Jetzt spielen sie vorn mit, werden Torschützenkönig. Das gibt mir ein gutes Gefühl für den SCM. Es zeigt, dass wir in der Kaderpolitik des Vereins nicht allzu viel falsch gemacht haben, unsere Spieler zunehmend international für Furore sorgen.

Etwas kommt noch hinzu: Mit Magnusson und Kay Smits rangieren unter den Top 4 der erfolgreichsten EM-Torschützen gleich zwei Männer vom SCM.
(lacht). Pech ist nur, dass sie bei uns auf derselben Position spielen, ich in der Regel nur einen einsetzen kann. Da haben wir quasi ein Luxusproblem. Aber das hab` ich gern.

Generell sieht sich der SCM also bestätigt in seiner langfristigen Personalpolitik?
Als ich vor sechs Jahren begonnen habe, war es das Ziel, den Kader kontinuierlich aufzubauen, um ihn, wenn möglich, dann punktuell weiter zu verbessern. In diesem Sommer werden uns Jannick Green und Magnus Gullerud verlassen, dafür kommen die beiden Schweizer Lukas Meister und Nikola Portner. Der Kader für die Saison 2022/23 steht also. Leute wie Magnusson, der derzeit besonders gefragt zu sein scheint, hat Vertrag bis 2026, Mika Damgaard und Gisli Kristjansson bis 2025. Wir arbeiten schon an den Planungen für 2023, 2024, 2025. Das könnten Zeichen an die Konkurrenz sein, wo es bei uns hingeht, was Magdeburg macht. Ein anderes kleines Beispiel: Ich kann mich erinnern, als ich vor sechs Jahren Spielerberater angerufen habe, sind die nicht einmal ans Telefon gegangen, weil sie nichts mit uns zu tun haben wollten. Heute ist es teils umgekehrt, sie rufen mich an.

Hat für den Handball-Fachmann Wiegert die EM Erkenntnisse gebracht, die langfristig für die Entwicklung der Sportart Fingerzeige geben, Veränderungen erwarten lassen?
Wenn es um Taktik und Spielweise geht – ein klares Nein. Die erwarte ich bei solch einem Ereignis auch gar nicht. Ich habe noch keine WM, EM oder Olympia erlebt, wo man hinterher gesagt hat, wow, das ist jetzt aber etwas ganz Neues. Da muss man in den Jahrgängen schon etwas weiter nach vorn schauen, zum Beispiel auf Juniorenweltmeisterschaften. Da könnte sich derartiges andeuten. Hingegen hat sich eine Erkenntnis weiter verfestigt: Die Ausgeglichenheit auf Top-Niveau hat sich noch weiter verstärkt. Die internationale Spitze ist heute dermaßen eng.

Woran machen sie dies fest?
Nehmen wir nur als Beispiel den neuen Europameister Schweden. In der Vorrunde wären sie fast an den Tschechen gescheitert, wenn die in nicht letzter Sekunde den Ball verdaddeln. In der Hauptrunde liegen sie kurz vor Schluss mit vier Toren gegen Norwegen zurück, machen dann einen 5:0-Lauf, die Norweger treffen das Tor nicht mehr. Und das Endspiel gewinnen sie in buchstäblich letzter Sekunde durch einen Siebenmeter. Wie eng Erfolg und Misserfolg heute im Handball zusammenliegen, das ist unbegreifbar. Wenn es nun um die in der Eingangsfrage angesprochenen Veränderungen geht, erwarte ich sie eher von einigen neuen Regelanpassungen, die demnächst zum Tragen kommen. Darauf bin ich gespannt. Weil durch sie das Tempo noch höher zu werden verspricht, noch mehr Attraktivität in den Handball hineinkommt.

Was muss sich der Handball-Laie darunter vorstellen?
Zum einen wird die Zahl der Pässe, die zu passivem Spiel führen, von derzeit sechs auf vier reduziert. Zum anderen wird es Änderungen bei der Ausführung der sogenannten „schnellen Mitte“ geben. Sie soll dann unter bestimmten Bedingungen auch im Laufen ausgeführt werden können. Beides Dinge, die, so denke ich, unserer Auffassung vom schnellen Spiel noch weiter entgegenkommen, die uns in die Karten spielen könnten.

Zur EM selbst würden wir Sie gern mit einer These konfrontieren. Die geht so: Der Abstand der deutschen Nationalmannschaft zu den Spitzenteams ist nicht geringer geworden, sondern hat sich eher noch vergrößert.
Das kann ich nicht einschätzen. Weil Corona bei den Deutschen (15 Fälle, d. Red.) natürlich alles überschattet hat. Was ich aber sagen kann: Es sind Nationen hinzugekommen, die wir vor ein, zwei Jahren nicht als Konkurrenz gesehen haben. Wenn ich beispielsweise Island sehe, mit welcher Altersstruktur die aufgetreten sind. Allein mit diesem Team wird Deutschland in den nächsten drei, vier Jahren Probleme bekommen. Oder nehmen wir Norwegen, dazu die üblichen Verdächtigen wie Schweden, Dänemark, Frankreich, Spanien. Es ist also nicht selbstverständlich, dass Deutschland um einen Titel spielen kann. Man muss jetzt jedoch nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wir werden in Deutschland immer eine hochgradige Anzahl an guten Spielern haben. Ob das dann für die Spitze reicht, da muss man abwarten. Zudem kann man sich hierzulande immer auf irgendetwas freuen, zum Beispiel bei der Heim-EM 2024. Da geht es dann möglicherweise nicht nur um den besseren Kader, sondern um Begeisterung und Euphorie, die vieles bewegen kann.

Eine Frage können wir uns abschließend nicht verkneifen: Wer wird denn nun deutscher Meis-ter?
Darauf kann man ja eigentlich nur etwas Falsches antworten. Ich sage deshalb: Der, der Meister wird, hat es am Schluss auch verdient. Weil die Tabelle nicht lügt. Wenn ich jedoch andererseits sagen würde, wir reden in der Mannschaft intern nicht über den Titel, wäre das bescheuert. Wir haben uns nicht ein halbes Jahr lang eine solche Pole Position erarbeitet, wenn wir sie nun nicht verteidigen wollten. Aber dazu, ich wiederhole mich, muss einfach vieles klappen.
Fragen: Rudi Bartlitz

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