Samstag, Juni 25, 2022
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SCM: Der doppelte Balkon

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Trotz einer Niederlage im Gigantenduell gegen den THW Kiel stehen die Chancen der Magdeburger Handballer auf den Gewinn der ersten deutschen Meisterschaft seit 2001
weiterhin sehr gut. | Von Rudi Bartlitz

Handballer der Welt, schaut auf diese Stadt! Dieses leicht abgewandelte Zitat des ehemaligen Magdeburger Oberbürgermeisters Ernst Reuter schien sich am zurückliegenden Wochenende irgendwie zu erfüllen. Einen derartigen Medienauftrieb hatte die Getec-Arena bei einem Vereinsspiel vielleicht letztmals beim Gewinn der Champions League im Jahr 2002 erlebt. Halb Europa schaute, wenn meist auch zeitversetzt, zu. Gleich mehrere TV- und Rundfunksender, diverse Zeitungen – alle wollten dabei sein, wenn der SC Magdeburg (laut Hallensprecher die „beste Handballmannschaft der Welt“) den vielleicht schon entscheidenden Schritt zur deutschen Meisterschaft vollzieht. Über 5.500 Zuschauer verwandelten die Halle nach zwei Jahren lähmender Corona-Lethargie in ein regelrechtes Tollhaus. Die Speicher des Selbstbewusstseins schienen bis zur Oberkante gefüllt: „Hier!regiert!der!SCM!“.

Selbst die einstige SCM-Legende Olafur Stefansson ließ sich einen Abstecher zu seinem einstigen Klub nicht nehmen. In rhythmischen Ovationen, die gar kein Ende nehmen wollten, feierten die Fans den sichtlich bewegten Isländer, der seit kurzem als Co-Trainer beim Bundesligisten HC Erlangen tätig ist. „Seit der Weltmeisterschaft 2007 war ich nicht in Magdeburg“, meinte er. „Aber ein bisschen grün-rotes Blut fließt immer noch.“ Nur einer, der an der Elbe ebenfalls Legenden-Status genießt, hatte den Weg in die Arena zum Gigantenduell gescheut, obwohl sein Wohnsitz in Wendgräben keine 30 Kilometer entfernt liegt: Bundestrainer Alfred Gislason. Der einst beide Klubs zu Champions-League-Triumph und deutscher Meis-terschaft führte. „Wenn ich in die Halle gehe“ meinte er, „dann kann ich das Spiel nicht schauen. Ich treffe dann so viele bekannte Menschen. Diesmal gönne ich es mir, die Partie allein vorm TV zu schauen.“

Was er am heimischen Schirm zu sehen bekam, dürfte ihm, trotz der Magdeburger 25:30-Niederlage, durchaus behagt haben. Es war Werbung für den Handball nahezu in Reinkultur. Eine phantas-tische Atmosphäre, viel Spannung, zwei hochmotivierte Mannschaften – und zwei Spielsysteme, die da aufeinanderprallten. Dort die vor allem auf die überragende Spielkunst ihrer Individualisten (Sagosen, Duvnjak, Landin, Pekeler, Wiencek) und ein ausgeklügeltes Positionsspiel setzenden Kieler, dort die Hochgeschwindigkeits-Handball zelebrierenden Gastgeber. Von Anfang an brannte die Luft, zuweilen kam es sogar zur Rudelbildung. Es wurde geschubst, gerangelt, diskutiert. Am Ende standen allein 14 (!) Zeitstrafen (sieben für jedes Team) im Protokoll. Die Grenzen des Erlaubten wurden kräftig ausgelotet. Dass sich diesmal die robusteren Norddeutschen verdient durchsetzten, erkannten am Ende selbst die meisten Magdeburger an. „Vielleicht war es etwas zu emotional für uns, zu viel Krampf und zu wenig Spielerisches“, sagte SCM-Coach Bennet Wiegert in der ARD.

Verloren hat der SCM diese Begegnungen vor allem in der Abwehr (aber auch die Außen und die Kreismitte kamen wenig in Bewegung), in der Schlussviertelstunde gelang dann nur noch ein Feldtor. Aber da hatte man in den grün-roten Reihen wohl schon längst erkannt, dass diesem THW an diesem Tag nicht beizukommen war. „Uns hat zu viel gefehlt heute. Wir sind in der Abwehr oft einen Schritt zu spät gekommen“, analysierte Wiegert. Um noch hinzufügen: „Jetzt wird sich zeigen, wie gefestigt und mental stark die Mannschaft ist.” Gislason gibt sich in einem „Sport Bild“-Interview indes überzeugt von der Stärke der Magdeburger, davon, dass der Rausch, in den sie sich in dieser Saison gespielt haben, nicht plötzlich abbricht: „Sie haben einen guten Kader, vor allem in der Breite. Mit dieser Breite können sie fast alles abfangen, was an personellen Problemen auftauchen könnte.“
Wie nun also weiter? Die Rechnung ist aus Sicht der Magdeburger eigentlich recht simpel: Selbst wenn die unmittelbare Konkurrenz ab jetzt alles gewinnen würde, dürfen sie selbst in den restlichen neun Liga-Begegnungen (davon fünf daheim) noch dreimal verlieren, um am Ende zum zweiten Mal seit 2001 die Schale auf dem Rathausbalkon hochstemmen zu können. Das Wiegert-Team wäre dann neben den Berliner Eisbären die einzige ostdeutsche Vertretung, der es gelänge, bei den Männern die deutsche Meisterschaft in einer populären Mannschaftssportart zu gewinnen. Für viele, nicht nur im Verein, ginge ein Lebenstraum in Erfüllung.

„Ganz ehrlich: Mir fehlt die Vorstellungskraft, wie Magdeburg das noch aus der Hand geben sollte“, meinte der frühere Weltmeister und heutige Sky-Experte Pascal Henß. „Sie haben einen sehr breit aufgestellten Kader mit vielen Optionen und unheimlich viel Selbstvertrauen. Sie werden sich das nicht mehr nehmen lassen”, sagte der frühere Weltmeister. Das scheint die Konkurrenz nicht anders zu sehen. „Magdeburg spielt in dieser Saison vielleicht den schönsten Handball in der Liga. Wenn sie so weitermachen wie bisher, wird es schwierig, sie noch einzuholen”, sagte THW-Kreisläufer Patrick Wiencek. „Ich glaube“, rekapitulierte sein Trainer Filip Jicha sogar, „der SCM schwimmt weiter in eigenen Gewässern.”

Vielleicht noch einmal kurz zurück zum Rathaus-Balkon. Es wäre doch ein bisher einmaliges Ereignis, wenn in diesem Frühjahr auf dieser historischen Empore, sollten es deren Kapazitäten denn zulassen, eine doppelte Meister-Jubelfete stattfände: Der SCM feiert den Titel, die FCM-Fußballer den Aufstieg in die zweite Bundesliga. Grün-Rot und Blau-Weiß – Arm in Arm. Und: Einen schöneren Abschied könnte sich Oberbürgermeister Lutz Trümper, der einstige Oschersleber Handballer und Initiator des Baus der neuen Fußball-Arena, in seinen letzten Amtstagen eigentlich kaum wünschen …

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