SCM: Die Liga hat Vorrang

Die Handball-Welt befindet sich in einem eklatanten Zwiespalt. Irgendwann wird eine Entscheidung fallen müssen zwischen internationalen Wettbewerben und dem Kampf ums Weiterbestehen auf nationaler Ebene. | Von Rudi Bartlitz

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Der Kalender zeigte den 11.11. an, seit Urzeiten eigentlich der Tag der Narren. Doch selbst in der Getec-Arena, wo in der Vergangenheit schon die eine oder andere sportliche Narretei über die Bühne ging, blieb es an diesem Abend totenstill – obwohl mit der Bundesliga-Partie der einheimischen Grün-Roten gegen die Rhein-Neckar Löwen ein absolutes Top-Event auf dem Programm stand. 6.600 Zuschauer in einem ausverkauften Haus, 60 Minuten Höllenlärm, das wäre die Normalität. Doch diesmal: außer beiden Teams, ein paar Hilfskräften und einer Handvoll Journalisten – nichts. Geisteratmosphäre, wie sie die Halle in ihrer nunmehr 23-jährigen Geschichte noch nie erlebt hat. Einzig ein Fan-Banner signalisierte zumindest virtuelle Unterstützung: „Wir stehen hinter Euch – SCM Huja. Egal, wo wir sind – Euer 8. Mann.“

Es gibt in diesen Pandemie-Tagen ganz offensichtlich eine neue Art, auf die Bundes­li­ga und den Handball generell zu schau­en. Nicht nur Zuschauer und Atmosphäre fehlen. Selbst Spiele und Tabel­le bilden nicht mehr das rele­van­te Zahlen­ma­te­ri­al. Sondern: Jede Partie, die stattfindet, jede komplet­te Runde wird als Erfolg verbucht, wenn sie störungs­frei über die Bühne gebracht worden ist. Aber die Einschläge (sprich: Spielausfälle wegen Corona-Fällen und damit verbundener Quarantäne) kommen näher. Drei komplette Teams befanden sich bereits vorübergehend in längerer Isolation.

Was passiert, wenn sich Natio­nal­mann­schaf­ten dann noch zu Länder­spie­len tref­fen, hat man Anfang Novem­ber gese­hen, als vier Spie­ler vom Lehr­gang des Deut­schen Hand­ball­bun­des (DHB) coro­na-­po­si­tiv in ihre Verei­ne zurück­kehr­ten. Da halfen all die schönen Hygiene-Konzeptionen der Bundesligisten, die bis dato sehr gut funktionierten, nicht mehr. Infek­tio­nen, Isolie­run­gen und Quaran­tä­ne haben den Spiel­plan der Bundes­li­ga inzwischen durch­ein­an­der ­ge­wür­felt. Viele Hand­bal­ler haben Unbe­ha­gen, sich zu infi­zie­ren, wenn Menschen aus ganz Europa zu Länder­spie­len zusam­mentreffen. Hinzu kommt die nicht zu übersehende Angst der Akteure – die in der Corona-Pause schon durch Gehaltskürzungen Zugeständnisse machten – ihren Job generell zu verlieren, weil der Spielbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen nicht fortgeführt werden kann. Oder weil einzelne Vereine in die Insolvenz getrieben werden.

Und die Verei­ne bibbern, in welcher Verfas­sung sie ihre Spie­ler am nächs­ten Montag zurück­be­kom­men – was wieder­um auch die Bundes­li­ga-Vereinigung (HBL) mit großer Sorge verfolgt, denn jede Absage bringt sie dem nächs­ten Abbruch näher, und die Verei­ne der Pleite. Daher rührte auch die Diskus­si­on um die Abstel­lung der Natio­nal­spie­ler an den DHB. Vom Tisch ist inzwi­schen, dass die Profis nach Rück­kehr aus Risi­ko­ge­bie­ten in Quaran­tä­ne müssen. Bleibt also aus Sicht der Spie­ler, der Verei­ne und der HBL „nur noch“ die Gefahr, sich auf Reisen anzu­ste­cken. Die Lage ist und bleibt verfah­ren.

Auch am zurückliegenden Wochen­en­de wurden wieder Parti­en gestri­chen, sind verlegt worden. Die Tabelle gibt inzwischen ein durchschossenes Bild ab: Manche Teams hatten neun Begegnungen absolviert, andere erst sechs (der SCM ist mit zwei Auftritten in Rückstand). Das wird sich fortsetzen. Keiner weiß, wo Ausweichtermine herkommen sollen. Schlimmer noch: Es gilt, eine Mammut-Saison mit 38 Spiel­ta­gen zu absolvieren, da die Liga wegen des Abbruchs der Meisterschaft im März diesmal auf 20 Mannschaften aufgestockt wurde. Hinzu kommen zahllose Partien in der Champions League und European League, die Qualifikationen der Nationalmannschaft für Olympia 2021 und die EM 2022. Als größtes Menetekel an die Wand geschrieben steht derzeit allerdings die Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten.

Neben Befürwortern, die es durchaus gibt, mehren sich, in Deutschland und ganz Europa, jedoch nahezu täglich die Stimmen, die vor einer WM (mit ihren 32 Mannschaften aus allen Ecken der Erde) zu diesem Zeitpunkt warnen oder zumindest eine Verschiebung anregen. Dabei ist die Gemengelage schwierig und kompliziert. Es geht nicht, das lässt sich aus den verschiedensten Äußerungen ablesen, um ein generelles Ablehnen dieses Events und dessen Ausrichterland Ägypten. Nein, die Profis wollen durchaus, dass ihre Sport­art durch Länder­spie­le und internationale Meisterschaften sicht­bar und im Gespräch bleibt.

Aber alles zu haben und auf nichts zu verzichten – das wird in diesen pandemischen Zeiten kaum funktionieren. Aus Deutsch­land ist ein klarer Trend vernehmbar, er heißt: Rettet die Bundes­li­ga! Länder­spie­le und Euro­pa­po­kal schei­nen, wenn es um Güterabwägung geht, den meis­ten Vereins­ma­na­gern plötz­lich verzicht­bar. Das Kern­ge­schäft wird gerade mühsam am Leben gehal­ten (siehe auch Interview). „Spiele im Ausland plus Reisen dort­hin werden als stören­de Fremd­kör­per wahr­ge­nom­men“, merkt die „FAZ“ an. Das sei zwar „schade für die gerade begon­ne­ne und erfreu­li­che Inter­na­tio­na­li­sie­rung des Hand­balls“, aber sie stehe augenblicklich nun einmal „einer Abschot­tung der Binnen­märk­te diame­tral entge­gen“.

Die schwierigste Phase der Vereinsgeschichte

Geschäftsführer Marc Schmedt spricht im KOMPAKT-Interview über die Bemühungen der SCM-Handballer, den Verein über die nächsten Corona-Monate zu retten, den neuen Slogan „Magdeburg braucht Handball“ und die WM im Januar in Ägypten.

KOMPAKT: Die Bundesliga hat festgelegt, den Spielbetrieb auf jeden Fall erst einmal bis zur Weltmeisterschaft im Januar fortzuführen. Wie stellt sich die aktuelle Situation aus Sicht des SCM dar?
Marc Schmedt: Dadurch, dass wir glücklicherweise auf Grund des falschen Positivtests nach dem Europacup-Spiel gegen Moskau nicht länger in Quarantäne mussten, orientieren wir uns weiter am Spielplan in der Handball-Bundesligavereinigung (HBL) und der European League.

Zuletzt war in der Getec-Arena großflächig auf der Spielfläche in Englisch und Deutsch die Botschaft zu lesen: „Magdeburg braucht Handball“. Was hat es damit auf sich?
Ich denke, das Motto spricht für sich. Wir sind beziehungsweise kommen in die wirtschaftlich schwierigste Phase in der Vereinsgeschichte. Der Slogan, den wir ab sofort weiter plakativ nutzen werden, soll jeden Fan, Zuschauer, Sponsor, aber auch die politischen Entscheidungsträger daran erinnern, das der SC Magdeburg ein enormer Imageträger und positiver Botschafter für Magdeburg und Sachsen-Anhalt ist. Es muss uns gelingen, den Verein über die nächsten Monate zu retten. Von einem Fortbestand hängen nicht nur das Profiteam, sondern alle nachgelagerten Strukturen im Nachwuchs und auch zum Teil in den anderen Sportarten des SCM ab.

Wie lange kann der SCM die gegenwärtige Situation ohne Zuschauer noch durchstehen?
Das ist nicht pauschal zu beantworten, lange jedenfalls nicht. Das wirtschaftliche Überleben ist abhängig vom Verhalten der Partner, von der Frage der neuerlichen Zulassung von Zuschauern und von gewährten und weiteren staatlichen Hilfen. Natürlich auch von internen Kostensenkungsmaßnahmen, die zweifelsfrei umgesetzt wurden und auch weiter umgesetzt werden müssen.

Die Sinnhaftigkeit einer WM im Januar 2021 in Ägypten wird aufgrund der Corona-Pandemie von nicht wenigen angezweifelt. Wie sehen Sie dies als Geschäftsführer eines Bundesliga-Klubs, der fast ein Dutzend Nationalspieler in seinen Reihen hat?
Die Infektionsrisiken sind bei längeren Auslandsaufenthalten meines Erachtens natürlich höher. Nicht, weil wir den gastgebenden Ländern keinen ordentlichen Umgang mit Hygienemaßnahmen unterstellen, sondern weil neue Umgebungen immer auch neue soziale Kontakte mit sich bringen werden. Bei der WM sollen 32 Teams mit schätzungsweise jeweils 40 Delegationsmitgliedern anreisen, dazu Offizielle, Delegierte, Schiedsrichter und Medienvertreter. Da reden wir ganz schnell von 2.500 Personen. Sogenannte isolierte Blasen (Bubbles) halte ich für ein theoretisches Konstrukt. Ich befürchte zudem, die mediale Aufmerksamkeit wird sich mehr auf Hygienekonzepte und hoffentlich nicht auftretende Infektionsfälle konzentrieren, als auf den sportlichen Wettkampf. Es wäre auf jeden Fall ein Ritt auf der Rasierklinge. Aber hier hat die IHF zu entscheiden, was im Januar passiert. Wir sind vertraglich verpflichtet, die Spieler abzustellen. Es geht aber neben der Gesundheit der Akteure ganz klar auch um wirtschaftliche und in der aktuellen Situation ernste existenzielle Interessen. Das gilt für die IHF, die EHF, den DHB, die HBL und auch die Clubs. Immer engere Zeitfenster – und jeder will seinen Spielplan und sein Event umsetzen, möglichst in einer Zeit, wo Zuschauer zumindest teilweise wieder zugelassen werden. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo Prioritäten gesetzt werden müssen, welcher Wettbewerb Vorrang hat. Ich habe da als Geschäftsführer die Aufgabe, den SCM über die Zeit zu retten und als Vizepräsident der HBL mit dafür Sorge zu tragen, dass alle Clubs durchkommen. Der Vereinssport im Profibereich ist die Basis für Wettbewerbe auf nationaler und internationaler Basis, diese gilt es zu erhalten. Fragen: Rudi Bartlitz

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