SCM: Überleben ist alles

Die Handball-Bundesliga ist in die schwierigste Saison ihrer fast 55-jährigen Geschichte gestartet. Viele Vereine kämpfen wegen Corona-Pandemie mit bisher ungekannten wirtschaftlichen Problemen. SCM-Spieler wollen dennoch einen Titel holen. | Von Rudi Bartlitz

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Es hatte schon etwas Surreales. Da fahren die Handballer des SC Magdeburg fast ein Dutzend Jahre nach Berlin, und immer – zumindest in all den Ligaspielen – hieß es am Ende: wieder einmal eine knappe, dadurch umso bitterere Niederlage eingefahren, wieder keine Punkte. In einem Ost-Derby tut das besonders weh. Die Füchse waren zu einem richtigen Angstgegner geworden. Von 22 Duellen gingen 21 an sie.

Nun, nach über halbjähriger Zwangspause, da durch Corona scheinbar vieles auf den Kopf und in Frage gestellt ist, gewinnen die Grün-Roten auf einmal in der Schmeling-Halle. Und zwar keineswegs knapp, sondern souverän, sehr souverän. Mit zehn Toren Differenz. Zehn Tore! Das gab es in der Historie dieser Partie noch nie. Am Heinevetter-Faktor allein kann es nicht gelegen haben. Zur Erklärung: Der einst aus Magdeburg nach Berlin gewechselte Nationalkeeper hatte die Sachsen-Anhalter jahrelang schier zur Verzweiflung gebracht, war im Sommer aber nach Melsungen gewechselt. Selbst Cheftrainer Bennet Wiegert, der noch nie eine Liga-Begegnung gegen die Hauptstädter gewonnen hatte, schien in den Minuten nach dem Triumph von Resultat und Situation überwältigt: „Es ist eine Situation, da kannst du heute mit zehn gewinnen, dann aber auch wieder mit zehn verlieren.“

Sieben Monate Pause

In der Tat, die am 1. Oktober begonnene Bundesliga-Saison kann mit keiner ihrer mittlerweile 54 Vorgänger verglichen werden. Die schwierigste Spielzeit in der Geschichte der Liga steht bevor, das war allen Beteiligten von vornherein klar. Zunächst langes Bangen, ob überhaupt gespielt werden kann. Dann die Frage, ob Zuschauer in die Hallen dürfen, und wenn ja, wie viele. Schließlich zum Start wegen der umfangreichen Hygiene-Vorschriften nur spärlich gefüllte Traversen. Strenge Pandemie-Konzepte. Hinzu kam die mit sieben Monaten längste Pause, die Mannschaften je hatten. Die lange Präparation besaß nicht nur Vorteile, wie Wiegert erkannte: „Zum Schluss war es schon so, dass der Wettkampf gefehlt hat. Immer das Gleiche, immer die Wiederholungen im Training – da habe ich gemerkt, dass die Stimmung in der Kabine angespannter war.” Wer würde also eine solch ungewöhnliche Vorbereitung am besten bewältigen?

Wieder in der Spur

Der SCM gehörte zunächst nicht dazu. Die 1.860 Zuschauer, die beim Auftakt in der Getec-Arena dabei waren, trauten ihren Augen kaum, als sie nach 60 Minuten auf die Anzeigetafel schauten. 27:31 gegen den Bergischen HC, stand da zu lesen. Der SCM, als eines der fünf, sechs Top-Teams ins Meisterrennen gegangen, war böse ausgerutscht. Inzwischen ist man mit zwei Siegen – dem in Berlin (33:22) und dem anschließenden 28:22 gegen Frischauf Göppingen – wieder in der Spur. Denn es soll, zumindest wenn es nach dem Willen der Spieler geht, trotz aller Unwägbarkeiten eine Saison werden, in der man nach zwei sehr guten dritten Plätzen in den Jahren zuvor wieder ganz oben mitmischen will. In einer MDR-Befragung gab die Mehrheit an, auf jeden Fall einen Titel gewinnen zu wollen. Für Publikumsliebling Matthias Musche steht fest: „Niemand von uns tritt an, um Dritter zu werden. Wir wollen jedes Spiel gewinnen.“ Er wolle, erklärte er gegenüber „Handball Inside“, „mit meinem Team Deutscher Meister werden. Für uns kann es einfach kein anderes Ziel geben.” Wiegert hingegen hält sich angesichts der obwaltenden Umstände mit Prognosen und Zielen öffentlich bewusst zurück. „Damit täte ich der Mannschaft keinen Gefallen. Wir halten das intern. Es geht darum, die Handball Magdeburg GmbH wirtschaftlich über die Pandemie zu retten.“

Weil wir gerade bei Prognosen sind: Bundestrainer Alfred Gislason jedenfalls erwartet eine spannende Spielzeit. Für den 61 Jahre alten Isländer haben in den Füchsen Berlin, den Rhein-Neckar Löwen, dem SC Magdeburg, der MT Melsungen, der SG Flensburg Handewitt und Titelverteidiger THW Kiel gleich sechs Teams die Möglichkeit, um den Titel zu spielen. „Diese Saison ist wirklich schwer vorauszusagen.” Aus der Sechsergruppe hebt er die Flensburger und die Kieler etwas hervor: „Die beiden sehe ich in der Tat ein bisschen weiter oben. Flensburg hat sich gut ergänzt. Der THW hat mit Sander Sagosen den Super-Transfer getätigt.” Allerdings könnten Verletzungen einen großen Einfluss auf den Saisonverlauf haben.

„Das wird brutal“

Wie in Magdeburg, so ähnlich sah es in den anderen 19 Bundesliga-Orten aus: Die Vorfreude war allerorts gedämpft. Dafür lag vor den Klubs eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Der Profi­hand­ball hatte sehr lange frei; die Ferien waren nicht frei­wil­lig verlän­gert worden. Manchem hoch­be­las­te­ten Spie­ler mag die lange Absenz para­die­sisch vorge­kom­men sein – womög­lich verlän­gert sich die eine oder andere Karrie­re durch diese unfrei­wil­li­ge Schon­zeit. Aller­dings markiert die Wieder­auf­nah­me des Betriebs auch den Beginn einer nie dage­we­se­nen Abfol­ge von Parti­en im Drei-Tage-Rhyth­mus. Mit 20 Klubs, weil es keine Abstei­ger gab. Für die Nationalspieler wird die Hatz, die Quali­fi­ka­ti­on voraus­ge­setzt, erst im August 2021 nach den Olym­pi­schen Spie­len enden. Kurz danach beginnt die Spiel­zeit 2021/22. „Es sind prak­tisch zwei Saisons ohne Pause“, sagt Bundes­trai­ner Alfred Gislason, „das wird brutal.“

Plätze bleiben leer

Mögliche Verletzungen ­waren das eine Thema, die (ausblei­ben­den) Fans das andere. Viele Klubs hatten am ersten Spiel­tag Mühe, die Hallen zu füllen – also so voll zu beset­zen, wie es die Gesund­heits­äm­ter erlau­ben. In Kiel blie­ben Plätze trotz des ausge­klü­gel­ten Hygie­ne­kon­zep­tes samt ausge­teil­ten Masken leer. Im Supercup in Düsseldorf wurden 500 der 2.600 Plätze nicht verkauft. In Flens­burg in der Cham­pi­ons League gegen Porto sah es ähnlich aus. Es sei eine „spür­ba­re Zurück­hal­tung“ zu bemer­ken, meinte SG-Manager Dierk Schmäsch­ke: „Man muss aber Verständ­nis haben, wenn die Menschen nicht in die Halle kommen wollen.“ Mancher fragt sich, kann ich da überhaupt hingehen? In Magdeburg hingegen waren bei beiden Heimpartien alle zur Verfügung stehenden Tickets (jeweils knapp 2.000) weg. Dass es über­haupt diesen Start mit allen geplan­ten Parti­en und außer in Mann­heim auch vor Fans gab, werte­te Frank Bohmann als Erfolg: „Orga­ni­sa­to­risch war alles in Ordnung“, sagte der Bundes­li­ga-Geschäfts­füh­rer. „Darauf können wir aufbau­en.“

Tatsäch­lich weiß jedoch niemand, ob über­haupt alle Spiele und Turnie­re statt­fin­den. Weil Corona weiterhin unberechenbar ist. „Ein oder zwei Spiel­ver­le­gun­gen könn­ten wir irgend­wie kompen­sie­ren“, so Bohmann, „größe­re Ausfäl­le werden proble­ma­tisch.“ Ist der nächs­te Abbruch schon einge­plant? Die bishe­ri­gen Hygie­ne­kon­zep­te haben dazu geführt, dass kaum Wett­kämp­fe ausge­fal­len sind. Die Cham­pi­ons League läuft dank profes­sio­nel­ler Beglei­tung des Euro­päi­schen Hand­ball­ver­ban­des EHF seit Mitte Septem­ber für die deut­schen Klubs weit­ge­hend problem­frei. Die Welt­meis­ter­schaft in Ägyp­ten Anfang Januar 2021 soll unbe­dingt statt­fin­den.
Nur Ausgaben, keine Einnahmen

In den Kassenbüchern gab es seit März statt Einnahmen nur Ausgaben. Wegen der vielen neuen Detail­fra­gen, die im Alltag beant­wor­tet werden müssen, ist die Vorfreu­de deshalb bei eini­gen Vereins­ver­tre­tern deut­lich geschmä­lert. Fragen über Fragen: Wie voll wird die Halle? Wie hoch sind am Ende die Einnahmen? Wie lange verzich­ten die Spie­ler auf Gehalt? Wann werden die Spon­so­ren unge­dul­dig? Gibt es im Wett­kampf mehr Verlet­zun­gen durch die lange Pause? Ist es sinn­voll, fragt die „FAZ“, das bereit­ge­stell­te Geld aus dem Topf des Innen­mi­nis­te­ri­ums anzu­zap­fen (800.000 Euro pro Klub)? Oder müssten dafür die Klubs bilan­zi­ell „die Hosen zu weit herun­ter­las­sen“?

Beson­ders unglück­lich ist Geschäfts­füh­re­rin Jenni­fer Kette­mann mit der Situa­ti­on bei den Rhein-Neckar Löwen: Weil es kurz­fris­tig zu aufwen­dig ist, die große SAP-Arena weni­gen Fans zu öffnen, spie­lten sie zur Eröffnung gegen Stutt­gart als einzige vor leeren Rängen. An ande­ren Stand­or­ten dürfen die Hallen bis Ende Okto­ber in der Regel mit maxi­mal 20 Prozent der Kapa­zi­tät ausge­las­tet werden, dem SCM haben die Behörden zurzeit eine Maximalzahl von 2.000 Besuchern zugestanden. Das wären 29 Prozent. Die Zuschau­er­ein­nah­men mach­ten im Etat des durch­schnitt­li­chen Bundes­li­ga­ver­eins bislang mehr als 25 Prozent aus. Deswe­gen warten sie sehn­süch­tig auf grünes Licht der Poli­tik für mehr.

„In schwerer See“

Auch das Wort Insol­ven­z fällt in den letzten Wochen in Diskussionen. „Kein Verein hält ein weite­res halbes Jahr ohne Einnah­men aus“, sagt Bohmann dazu. „Wir sind in schwerer See. Mit Notstrom-Aggregat!“ Bereits lange vor dem Neustart hatte er angekündigt, dass es im Handball nicht so weitergehen könne wie vor der Corona-Krise: „Wir werden hart an den Kosten schrauben müssen, anders wird es nicht gehen.” Hintergrund: Die Gehälter machen in der HBL momentan rund 65 Prozent der Kosten für die Vereine aus. Prag­ma­ti­sche­ Signa­le kommen aus Leip­zig. „Wenn ich weni­ger Einnah­men habe, muss ich an die Spie­ler­ge­häl­ter und die Hallen­mie­te ran“, sagte Kars­ten Günther, der Geschäfts­füh­rer des SC DHfK. Am Rande des Super­cups zwischen Kiel und Flens­burg gab es einen weiteren Austausch zwischen der Liga und Johan­nes Bitter als Chef der Spie­ler­ver­tre­tung zum Thema Gehalts­ver­zicht. „Ein Grundverständnis für die schwierige Situation auf Spielerseite da ist”, so der Nationalkeeper. Der Ex-Magdeburger räumt aber auch ein: „Jeder ist sich selbst am nächsten. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn auf dem Gehaltszettel plötzlich erheblich weniger steht“, sagte er in der ARD.

Bis zu 50 Prozent weniger Gehalt

In den letzten Wochen schwirrten da die unterschiedlichsten Zahlen durch die Gazetten. Von bis zu 50 Prozent Entgelt-Verzicht der Profis war in Kiel die Rede, die Flensburger Offiziellen nannten 40 Prozent. Bei den meisten anderen Vereinen sind die Zahlen irgendwo zwischen 20 und 25 Prozent verortet. Den Gehaltsverzicht der Spieler angesichts der wirtschaftlichen Folgen für die Vereine nannte Löwen-Trainer Martin Schwalb „alternativlos”. Das Thema sei im Verein „geklärt und damit erledigt, auch wenn es schmerzlich bleibt, für mehr Arbeit, die in dieser Saison ja ansteht, weniger Lohn zu erhalten.“ Der SCM macht keine detaillierten Angaben. „Wir kommentieren das nicht“, erklärte Manager Marc Schmedt auf KOMPAKT-Anfrage. „Das ist eine Sache der Vertragsinhalte zwischen Verein und Spielern. Klar ist aber, dass alle Maßnahmen ergriffen werden, um den Bestand des SCM zu sichern.“ Er wisse, fügte Schmedt hinzu, „dass wir unseren Sponsoren und Dauerkarteninhabern derzeit eine Menge zumuten. Aber alle stehen zum Verein.“ Lob für das Krisenmanagement des SCM kommt vom Liga-Verband. Bohmann: „Marc Schmedt hat als erfahrener Banker den Club in der Krise hervorragend begleitet. Ihm kam seine Berufserfahrung zu Gute.“

Nichtsdestotrotz, Bundestrainer Gislason befürchtet durch die Corona-Beschränkungen massive Finanzprobleme für Klubs in den Mannschaftssportarten hinter dem Fußball. Er zeichnet ein düsteres Bild der näheren Zukunft. Das erlaubte Zuschauerkontingent von 20 Prozent der Hallenkapazität sei für die Vereine „viel zu wenig”, so der Isländer. „Das kann nicht die ganze Saison so gehen.” Er befürchtet bereits das Schlimmste und fühlt sich an eine dunkle Vergangenheit zurückerinnert. „Handball, Basketball, Eishockey – die werden das in Europa dauerhaft zumindest in der jetzigen Form nicht überleben. Das wird ein Rückfall in die 70er Jahre”, erklärte Gislason.

„Den Handball stabilisieren“

Vorfreu­de oder Sorgen­fal­ten? Der Blick auf die neue Saison wirft viele Fragen auf. Maik Machul­la, Coach der SG Flens­burg und Spre­cher der neuen Trai­ner-Task­force, sagt es so: „Wir soll­ten alle nicht so viel über sport­li­che Ziele reden. Es geht darum, den Hand­ball an sich zu stabi­li­sie­ren. Es geht um mehr als Platz eins, zwei oder drei“, hatte Machul­la im „Flens­borg Avis“ mitgeteilt, „es geht darum, den Hand­ball wieder zu platzie­ren. Sport­li­che Ziele haben für mich derzeit nicht die höchs­te Prio­ri­tät.“ Über allem schwebt dieser Tage die Hoffnung, dass die Saison planmäßig zu Ende gespielt werden kann. Denn nicht nur Magdeburgs Manager fürchtet: „Einen neuerlichen Abbruch wird die Liga nicht überstehen.“

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