Sechs-Punkte-Spiele – gibt es die überhaupt?

Direkten Duellen zwischen Mannschaften, die in der Tabelle eng nebeneinander liegen, kommt gerade im Abstiegskampf der 3. Liga eine besondere Bedeutung zu. | Von Rudi Bartlitz

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Je näher das Saisonende rückt, umso dramatischer vor allem der Kampf gegen den Abstieg wird, umso häufiger und intensiver wird über sie diskutiert: die sogenannten Sechs-Punkte-Spiele. Ein Begriff, der im Fußball seit einem Vierteljahrhundert existiert und seither regelmäßig für Gesprächsstoff sorgt. Was verbirgt sich dahinter? Und gibt es sie überhaupt, jene Partien, bei denen – geht es Spitz auf Knopf – beim Aufeinandertreffen von Tabellennachbarn anstelle der üblichen drei angeblich sogar sechs Zähler zu holen sind?

Wie kontrovers mitunter die Meinungen über diese Begegnungen sind, wurde erst wieder am zurückliegenden Wochenende beim Abstiegsduell der dritten Liga zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem 1. FC Kaiserlautern (1:0) deutlich. Während die Pfälzer auf ihrer Homepage schrieben „Am Samstag kommt es nun zum direkten Duell – viel mehr Sechs-Punkte-Spiel geht nicht“, wollte FCM-Coach Christian Titz davon nichts wissen, zusätzlichen Druck aus der Begegnung nehmen und wiegelte dementsprechend ab: „Es ist eine Partie, in der es auch nur drei Punkte geben wird. Wir haben viele wichtige, entscheidende Spiele.“

Diesen Verweis, dass eben rein rechnerisch nur drei Zähler vergeben werden können, führen diejenigen immer wieder ins Feld, die bezweifeln, der Sechs-Punkte-Auslegung hafte ein tieferer Sinn an. Sie sei kaum mehr als ein geflügeltes Wort, ein Spielzeug der Medien. Zwar kein Taschenspieler-Trick, letztlich aber nicht mehr als eine optische Täuschung. Ein „Lexikon der Fußballberichterstattung“ behauptete 2008 sogar noch, der Begriff besitze „keine Berechtigung und keine stichhaltige logische Begründung“ und dürfe nur noch aus „nostalgischen Gründen“ verwendet werden.

Nun, ganz so einfach sollte man es dann wohl doch nicht machen. Denn, so argumentieren die Befürworter: Gewinnt der eine, dann verliert der andere notgedrungen – und daraus ergibt sich die (gefühlte) Differenz von sechs Punkte. Noch anders gesagt und ohne in die höheren Gefilde von Mathematik und Logik einzudringen: Fährt eine Mannschaft drei Punkte ein, ist gleichzeitig klar, dass der Gegner leer ausgeht. Es geht also, Achtung!, im tieferen Sinne nicht nur darum, eigene Punkte einzufahren, sondern zugleich zu verhindern, dass die direkte Konkurrenz Zähler verbucht. Einfaches Beispiel: Wenn zwei Teams vor einem Spiel punktgleich sind, dann hat der Sieger nach der Begegnung drei Punkte Vorsprung, hätte er verloren, läge er drei Punkte zurück. Der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage macht also quasi jene berühmten sechs Punkte aus. In England, dem Mutterland des Fußballs, hat es sich übrigens unter Fußballfreunden und in den Medien längst eingebürgert, solche Spiele als „six-pointer“ (Sechs-Punkter) zu titulieren.

Keine näheren Angaben finden sich in der einschlägigen Fachliteratur dazu, wie hoch die Punkte-Differenz zweier Teams in der Tabelle angesiedelt sein darf, damit sie die Kriterien eines tatsächlichen Sechs-Punkte-Spiels erfüllt: Von null bis vier Zähler scheint da alles möglich zu sein. Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass es zwar vorrangig für den Abstiegskampf gilt, aber zuweilen ebenso auf den Titelkampf oder die Qualifikation für Europacup-Wettbewerbe herangezogen wird. Wie auch immer: man sollte sie gewinnen.

An dieser Stelle vielleicht ein kurzer historischer Rückgriff. Eigentlicher Sinn der Drei-Punkte-Regel war es, die Mannschaften durch einen zusätzlichen Punkt zu motivieren, stärker auf Sieg zu spielen. Man könnte auch sagen: die Zielprämie höher anzusetzen, von sich häufenden Unentschieden per „Lex drei Punkte“ wegzukommen. Der Beschluss, generell von der Zwei-Punkte- zur Drei-Punkte-Regel zu wechseln, wurde vom Weltverband FIFA 1994 getroffen und im selben Jahr erstmals bei der Weltmeisterschaft in den USA angewandt. In der Bundesliga gilt die Regelung seit der Saison 1995/96.

Dass bei aller Skepsis etwas dran ist an den „six-pointern“ gestanden selbst Trainer-Größen ein. Jürgen Klopp bezeichnet, als er als Dortmund-Coach 2015 tief im Abstiegskampf verwickelt war (ja, auch das gab es), das Duell gegen Mainz als „ein echtes Sechs-Punkte-Spiel“. Für Jürgen Klinsmann fiel seinerzeit als US-Coach fast jedes zweite WM-Ausscheidungsspiel in diese Kategorie, da würden big points vergeben. Als sein Stürmer Timo Werner einmal von einem Sechs-Punkte-Spiel sprach, hatte RB-Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann eine andere Interpretation dafür parat: „Wenn wir gewinnen, haben wir sieben Punkte vor, wenn wir verlieren, nur noch einen Punkt.” Nun ja, Werner war zwar in die Schranken gewiesen, an der ominösen Zahl sechs vermochte auch Nagelsmanns Rechnung wenig zu ändern.

Es geht allerdings auch anders. Ex-Dortmund-Trainer Lucien Favre: „Sechs Punkte in einer Partie? Das ist alles Blablabla!“ Thomas Hoßmang, bis Februar Coach des FCM, entgegnete einmal auf die Frage, ob es in der bevorstehenden Begegnung quasi um sechs Zähler gehe, mit der entwaffnenden Gegenfrage: „Wie meinen Sie das?“

Zurück in die Gegenwart. Mit dem 1:0 gegen die „Roten Teufel“ vom Betzenberg distanzierte der FCM nicht nur einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt, sondern kam der eigenen Rettung ein kleines Stück näher. Schaut man sich das Programm der letzten neun Begegnungen an, bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung: Da könnten noch einige (erfolgversprechende) Sechs-Punkte-Partien dabei sein. Es sei denn, die Blau-Weißen setzen ihren Parforceritt der letzten Wochen fort. Dann würden wahrscheinlich schon drei „normale“ Punkte reichen …