Dienstag, Juli 5, 2022
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Segen und Fluch der Globalisierung

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Kaum drei Monate nach dem Auftauchen des Virus SARS-CoV-2 hatte es sich über den Globus verbreitet. Eine Ursache dafür ist die hohe Reisetätigkeit. Die wiederum ist Ergebnis einer beschleunigten Globalisierung. Für manche Politiker und Journalisten oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ist die Globalisierung Teufelswerk, vor allem, weil deren Kritik vorrangig auf Welthandel und wirtschaftliche Verflechtung gerichtet wird. | Von Reinhard Szibor

Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen

Antifa und Attac können noch so viel demonstrieren, Autos anzünden und mit Steinen auf Polizisten werfen, die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen. Es gibt sie schon immer. Denken wir an die Seidenstraße, die Besiedlung Amerikas und die Kolonialisierung Afrikas und Südostasiens. Aber nie vollzogen sich die Globalisierungsprozesse so rasant wie heute. Trotz negativer Begleiterscheinungen profitieren alle davon. Würden wir Warenhäuser von ausländischen Produkten befreien, könnten wir die Verkaufsflächen auf weniger als die Hälfte reduzieren. Bei den Lebensmitteln herrschte eine Angebotsarmut, wie sie nur noch ehemalige DDR-Bürger kennen. Um einen hohen Lebensstandard zu erreichen, brauchen wir die internationale Arbeitsteilung. Das Wagnis, Produkte zu entwickeln, die Milliardeninvestitionen erfordern, wie das etwa im Pharmasektor der Fall ist, können Konzerne nur mit Blick auf den Weltmarkt eingehen. Nicht nur für die reichen Regionen ist die Globalisierung ein Gewinn, sondern auch für die Entwicklungsländer. Der Handel mit den wohlhabenden Ländern lässt dort Arbeitsplätze entstehen. Allerdings darf es nicht sein, dass in der dritten Welt Menschen und sogar Kinder unter unwürdigen Bedingungen schuften, damit wir Kleidung, Südfrüchte, Schokolade, Blumen usw. zu Preisen weit unter deren Wert kaufen können. Wenn Globalisierung so aussieht, dass wir uns in Europa jegliche Luxuswünsche erfüllen, die armen Länder dafür aber ausbeuten, ist die Globalisierung misslungen und die europäische Politik gefordert, faire Bedingungen zu schaffen. Die EU versagt, auch zu unserem eigenen Nachteil.

Europa und insbesondere Deutschland konsumiert auf Kosten der Länder im Süden. Wir beanspruchen für Güter aus landwirtschaftlicher Produktion anderswo eine Fläche von 6,4 Millionen Quadratkilometer. Das ist eineinhalb mal mehr als alle 28 Mitgliedstaaten zusammen zu bieten haben. Deutschland ist der drittgrößte Importeur von landwirtschaftlichen Produkten, obwohl unser Land das Potential hat, sich zu mehr als 90 Prozent selbst zu versorgen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) feiert in diesen Tagen sein trauriges 20-jähriges Jubiläum. Das verwandelte unsere Kulturlandschaft in endlose Wüsten, auf denen Mais für die Energiegewinnung wächst. Insekten und Feldvögel haben das Nachsehen. Das geht nur deshalb, weil wir unsere Nahrungsgrundlage weitgehend durch Importe decken. Auf unseren Feldern müssten Leguminosen wie Futtererbsen, Pferdebohnen, Lupinen und Luzerne wachsen, die unsere Tiere ernähren können und zugleich mit ihren Blüten eine hohe Vielfalt an Insekten und Vögeln ermöglichen. Aber Energiemais ist durch das EEG wirtschaftlich attraktiver. Solche falsche Politik führt dazu, dass die Globalisierung uns neben ihrem Segen auch ein hässliches Gesicht zeigt.

Biologische Globalisierung

Für Biologen ist Globalisierung kein neues Phänomen. Tiere, Pflanzen und auch Krankheitserreger verbreiten sich schon immer in der Welt. Nach Ankunft der Spanier in Amerika starben dort regional bis zu 95 Prozent der Urbevölkerung an Pocken, Masern, Grippe, Typhus usw., also Krankheiten, die es bis dahin in der „Neuen Welt“ nicht gab. Die Neuverteilung von Pflanzen und Tieren über den Globus erlebte durch Kolumbus einen großen Schub. Aber auch schon vorher gab es eine Migration von Lebewesen. In der Antike brachten die Römer Weinstöcke und andere nützliche Pflanzen nach Mitteleuropa. Als Zäsur für biologische Globalisierung gilt die Entdeckung Amerikas. Durch sie kamen Pflanzen wie Mais, Kartoffeln, Tomaten, Paprika u. a. m. nach Europa. Aber es gibt auch eine Kehrseite. Arten, die nach dem Jahr 1492 vom Menschen in Gebiete außerhalb ihrer Heimat verschleppt wurden und dort wild leben, nennen wir Neobiota (differenziert nach Tieren und Pflanzen heißen sie Neozoen bzw. Neophyten). Einige davon sind harmlos, manche sogar nützlich. Aber viele Arten sind der menschlichen Kontrolle entglitten und breiten sich aus. Solche „invasiven Neobiota“ verdrängen die heimische Flora und Fauna und richten große ökologische Schäden an. Manche von ihnen sind von Menschen bewusst angesiedelt worden, andere sind als Kollateralschaden des Welthandels ungewollt eingewandert. Bärenklau, ein riesiges Doldengewächs, wurde als Zierpflanze aus dem Kaukasus eingeführt. Er besiedelt jetzt unkontrolliert Flussufer. Wenn man ihn ungeschützt berührt, bekommt man schmerzhafte Exantheme. Der Samen der beifußverwandten Pflanze Ambrosia kam mit Vogelfutter ins Land. Ihre Pollen bescheren tausenden Menschen Atemnotattacken. Das rosablühende Drüsige Springkraut aus dem Himalaja, die Kanadische Goldrute, der Japanische Staudenknöterich, sowie der aus dem Kaukasus stammende Wunderlauch bilden große Dominanzbestände, die jegliches andere Pflanzenwachstum ersticken.

Es ist unfassbar, dass es seitens der Umweltministerin und der angeblich naturschützenden NGOs kaum Gegenmaßnahmen gibt. Man lässt zwar Mais- oder Rapsfelder, in denen ungewollt minimale Beimischungen gentechnisch verbesserter Pflanzen vorkommen (die in anderen Ländern zu Recht zum Anbau zugelassen sind) umpflügen, aber gegenüber den Neophyten, die unsere Umwelt wirklich gefährden, ist man blind. Noch immer dürfen Dauercamper Sichtschutzhecken aus schnellwachsendem Japanischen Staudenknöterich pflanzen, in unseren Laubwäldern verdrängen Wunderlauchteppiche den natürlichen Bestand an Anemonen und anderer heimischer Pflanzen. Niemand schreitet ein. Die namentlich genannten Neophyten sind nur wenige Beispiele aus einem großen Sortiment. Noch schlimmer sieht es aus, wenn man auf die Verbreitung von Neozoen schaut. Die Reblaus, im 19. Jahrhundert eingeschleppt, brachte den europäischen Weinanbau fast zum Erliegen. Der Kartoffelkäfer aus Amerika bedrohte in den 50er Jahren die Nahrungsgrundlage der Deutschen. Waschbär, Mink, Bisamratte und Nutria, ursprünglich wegen ihrer wertvollen Pelze nach Europa verbracht, sind entweder entkommen, bewusst ausgesetzt oder durch kriminelle Handlungen von sogenannten „Tierschützern“ aus Farmen „befreit“ worden. Sie alle verdrängen heimische Arten bzw. dezimieren unsere Vogelwelt. Eine mittelschwere Katastrophe war die Invasion der Varroamilbe. Sie ist global für ein epidemisches Bienensterben verantwortlich. Noch schlimmer ist die Einschleppung des Asiatischen Laubholzbockkäfers. Er gilt als einer der gefährlichsten Laubholzschädlinge weltweit. Die einzige Idee, die man bisher in der EU zur Eindämmung des Baumvernichters hat, ist, im Umkreis von 100 Meter eines befallenen Baumes alle Laubbäume abzuholzen und zu verbrennen.

Neuerdings breitet sich der südamerikanische Wurm Obama nungara in Westeuropa aus und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Regenwürmer, die bekanntlich eine essenzielle Rolle für die Bodenqualität spielen, rottet er aus. Er wird auch bald nach Deutschland kommen, denn natürliche Feinde fehlen und eine chemische Bekämpfung funktioniert nicht. Die Einschleppung von Neobiota in fremde Gebiete ist keine Einbahnstraße, die etwa von Amerika oder Asien nach Europa führe. Als Lehrbuchbeispiel gilt die Aussetzung des europäischen Wildkaninchens in Australien, das dort zu katastrophalen ökologischen Problemen geführt hat. Neuerdings bringen europäische Regenwürmer die Ökologie in den Ländern Nordamerikas in Unordnung.

Globalisierte Ideologien

Globalisierung gibt es nicht nur in der beschriebenen Weise. Auch Ideen verbreiten sich von jeher global. Manche davon tun der Welt gut, wie etwa die französische Losung: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Schlimm nur, wenn sich aus Ideen Ideologien entwickeln, die vorgeben, die Welt zu verbessern, aber das Gegenteil tun. Allzu oft wird ihr böser Charakter nicht erkannt. Nachdem Dr. Martin Luther den Judenhass als vermeintlich christliche Maxime ausgerufen hat, verbreitete sich der Antisemitismus weltweit. In Deutschland glaubte man ihn nach Ende der Nazidiktatur überwunden, doch nun kehrt er als neue Welle in Form der globalen BDS-Bewegung („Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) zurück. Diese ist eine Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will und auf seinen Untergang abzielt.

Schnell globalisiert haben sich auch die Ideen von Marx und Engels. Sie resultierten aus dem Studium des Kapitalismus im 19. Jahrhundert. So treffend die Analyse der Zustände auch war, so verheerend erwies sich die daraus abgeleitete Vision vom Sozialismus und Kommunismus. Überall, wo man sie umsetzte, trat nicht der versprochene Wohlstand für das Volk ein, sondern Armut und Unfreiheit. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems der Sowjetunion und Osteuropas sind Nordkorea und Venezuela aktuelle Relikte des Grauens. Die kommunistisch-revolutionäre Bewegung und Weltanschauung Mao-Zedongs verschärfte den Marxismus weiter. Ungeachtet der Tatsache, dass daraus die größte Hungersnot der Geschichte mit 30 bis 40 Millionen Toten resultierte und dann noch einmal die sogenannte Kulturrevolution 1,5 Millionen Menschenleben forderte, fand der Maoismus großen Zuspruch in der westlichen Welt, besonders in der 68er Bewegung Deutschlands. Führende Maoisten, wie Ulla Schmidt und Jürgen Trittin schafften es danach, politisch kaum geläutert, auf deutsche Ministersessel, von wo aus Trittin mit seinem schon erwähnten EEG die Marktwirtschaft im Energiesektor nachhaltig liquidierte.

Ausbreitung der „German Angst“

Ebenso schnell wie sich Innovationen weltweit verbreiten, wird auch der Widerstand dagegen organisiert und globalisiert. Die Furcht vor Zukunftstechnologien ist in Deutschland besonders groß. International wird sie als „German Angst“ bezeichnet. Sie scheint ebenso ansteckend zu sein wie COVID19, zumal Greenpeace unterstützend Millionenbeträge für Angstpropaganda einsetzt. „German Angst“ dominiert seit langem die Einstellung der EU zur Gentechnik und sie fand ihren Niederschlag in internationalen Verträgen, wie z. B. dem Cartagena-Protokoll. Letzteres ist eine rein politische Vereinbarung der Vereinten Nationen ohne wissenschaftliche Basis. Dabei kann Gentechnik viele aktuelle Probleme lösen. Im Pflanzenschutz gibt es diesbezüglich die Strategie, Kulturpflanzen durch gentechnische Eingriffe mit neuartigen Abwehrmechanismen gegen Insekten, Pilze und Bakterien auszustatten. Wo die Dinge wissenschaftlich untersucht und nicht ideologisch bewertet wurden, hat sich erwiesen, dass dies ein sehr erfolgreicher Weg ist, der keinerlei Risiken mit sich bringt. Neuere Verfahrensweisen wenden sich den Schädlingen direkt zu und haben eine drastische Dezimierung, wenn nicht gar die Ausrottung der schädlichen Arten zum Ziel. Die britische Firma Oxitec, eine Biotech-Ausgründung der Universität Oxford, hat gezeigt, dass sich Populationen von Schädlingen auf unter 5 Prozent der Ausgangsgröße reduzieren lassen, wenn man Individuen der zu bekämpfenden Art mit tödlichen Mutationen ausstattet und sie freisetzt. Würde man dies bei heimischen Arten tun, wie etwa dem Borkenkäfer, der in unser Ökosystem gehört, gäbe es schwer abschätzbare ökologische Risiken. Wendet man das Verfahren aber gegen Neozoen an, deren drastische Reduzierung angestrebt wird und bei denen die totale Ausrottung im unnatürlichen Verbreitungsgebiet der Optimalfall wäre, ist das Risiko gleich Null. Aber das kommt nach geltendem EU-Recht und nach Stimmungslage in Deutschland nicht in Frage.

Alle, die im Bund und in den Ländern in Bezug auf die Umweltpolitik an den Hebeln der Macht sitzen, würden eher alle Bäume in Gebieten wie dem Herrenkrugpark, dem Klosterbergegarten, dem Rote-Horn-Park in Magdeburg oder gar dem Wörlitzer Park abholzen lassen, als auf deutschem Boden Gentechnik zuzulassen, um den Asiatischen Laubbockkäfer auf diese Weise zu bekämpfen. In Magdeburg-Rothensee lässt sich besichtigen, wie das aussieht. Da tut es gut, dass afrikanische Länder, die noch vor kurzem als hoffnungslos unterentwickelt galten, sich der Globalisierung der Angst widersetzen und für die Etablierung moderner Methoden des Umweltschutzes eintreten und den hochentwickelten Ländern zeigen, wie es geht. Dem an COVID 19 erkrankten britischen Premier Boris Johnson ist in doppelter Hinsicht baldige Genesung und Handlungsfähigkeit zu wünschen. Erstens, weil man sowieso jedem Menschen Gesundheit wünscht, zweitens, weil er mit seinem Brexit Firmen wie Oxitec vor den Restriktionen und der Gerichtsbarkeit der EU schützt und er eine Deglobalisierung des seit Jahren andauernden mentalen Shutdowns eingeleitet hat. Vielleicht springt ja der Funken der Vernunft eines Tages über den Ärmelkanal auf den Kontinent über.

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