SES-Boxer Robin Krasniqi holt sich in Magdeburg überraschend den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht

SES-Boxer Robin Krasniqi holt sich in Magdeburg überraschend den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht.
Der Aufstieg vom Kosovo-Flüchtling zum Musterprofi und Champion. | Von Rudi Bartlitz

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Es gehört zu den unverwechselbaren Merkmalen des Boxens, zuweilen das Hohelied vom Helden im Ring anzustimmen. Vom einsamen Wolf, der sie alle besiegt. Oder vom Fighter, der von ganz unten – egal ob Slum oder Kriegsgebiet – kommt und es nach ganz oben schafft. Der nie aufgibt, der – im Faustkampf wortwörtlich – immer wieder aufsteht, trotz schmerzender und bitterer Niederlagen unerschütterlich an sich glaubt. Und der am Ende belohnt wird. Robin Krasniqi, der sich am Wochenende in Magdeburg überraschend zum neuen IBO-Weltmeister und zum Interims-Titelträger der WBA im Halbschwergewicht krönte, ist solch ein Fall.

Als sein Vater das heimatliche Kosovo verließ, herrschte dort Krieg. Er ging nach Deutschland, um die Familie über Wasser zu halten, baute sich in München einen kleinen Gemüsehandel auf. Robin, der damals noch Haxhi hieß, folgte ihm, als er 17 war. In der bayerischen Metropole legte er die Mus-tergeschichte einer Integration hin. Sein Deutsch ist heute vorzüglich: wortreich und grammatikalisch sicher. Im Kosovo hatte er Karate gelernt, nun fing er mit Boxen an. Es hat sich schnell ergeben mit einer Profikarriere. Amateurfights existieren nicht in seiner Vita. Als er dann aus der kleinen Profi-Abteilung der Münchner Boxfabrik zur Magdeburger SES-Promotion wechselte (sein Talent hatte sich schnell zu Promoter Ulf Steinforth rumgesprochen), änderte er nicht nur seinen Vornamen („Mit Haxhi haben die Deutschen so ihre Aussprache-Probleme“), sein Sport wurde für ihn auch finanziell lukrativ.

Bei Krasniqi, dem im Kosovo häufigsten Nachnamen, denken die Leute ja meist noch an Luan, den Schwergewichtler und Ex-Europameister aus Rottweil, der aber längst aufgehört hat und den man später ab und zu noch als Fernsehexperten und Schauspieler sah. Robin ist mit Luan „nicht richtig verwandt“, stammt aber ebenfalls aus dem Dorf Junik im Kosovo. Und er hat an den berühmten Krasniqi gedacht, als er nach Deutschland kam. So wie der, so wollte er werden.
Sportlich ging es tatsächlich zunächst schnell bergauf. Nach diversen kleineren internationalen Titeln winkte 2013 erstmals sogar eine Weltmeisterschaftschance. Gegen den Briten Nathan Cleverly musste er in London allerdings bitter erfahren, aus welch hartem Holz Weltmeister tatsächlich geschnitzt sind. Das gleiche galt zwei Jahre später in Rostock im Gefecht gegen den Deutschen Jürgen Brehmer. Zwei WM-Möglichkeiten nicht genutzt und zu geringe Schlaghärte, hieß es damals in der Fachwelt, das war es dann wohl für Krasniqi in der erbarmungslosen Profiwelt. Doch der warf nicht das Handtuch. Wo andere längst aufgesteckt hätten, arbeitete er weiter an sich, malträtierte seinen Modellkörper, der Fettanteil in seinem Körper, spotteten einige, tendiere fast gegen Null. Der Traum vom Champion, er ließ ihn nicht los. Der 1,86-Meter-Mann wechselte nicht nur ins drei Kilo leichtere Supermittelgewicht, sondern ebenso Coach und Trainingsort: von SES-Trainer Dirk Dzemski zu Magomed Schaburow, von Magdeburg und Frank-furt/Main ins bayerische Augsburg.

Jahrelang fragten sich seine Fans: Boxt Krasniqi überhaupt noch? Ja, lautete die Antwort, jedoch nahezu unter dem internationalen Radar. In Augsburg hatte er im Herbst 2019 sein eigenes Gym eröffnet, und es sah so aus, als würde er seine Karriere mit jetzt 33 langsam ausklingen lassen – ohne sich den heißersehnten WM-Gürtel umgeschnallt zu haben. Doch da täuschte sich die Öffentlichkeit. „Ich bin von meinem Weg nicht abgewichen, selbst als ich ganz unten war. Trainiere härter als je zuvor. Mein Ziel habe ich nie aus den Augen verloren“, erzählte er dem Kompakt-Reporter im Sommer beim Comeback auf der Magdeburger Seebühne. „Ich bin wieder bei den Halbschweren. Du glaubst gar nicht, wie befreiend das ist. Nicht mehr auf jeden Bissen achten zu müssen. Zwischendurch musste ich vor einem Fight manchmal bei zu 14 Kilo abnehmen. Das bringt dich fast um.“
Als nun im Herbst für den amtierenden Champion, SES-Frontmann Dominic Bösel, wegen Corona dessen australischer Herausforderer Zac Dunn wegbrach, schlug Krasniqis Stunde. Promoter Ulf Steinforth, bei dem der Wahl-Bayer weiter unter Vertrag steht, inszenierte ein Stallduell. Krasniqi: „Das ich nach fünf Jahren noch einmal die Chance auf eine Weltmeisterschaft bekomme, ist ein Geschenk. Ich habe aus meinen Erfahrungen die richtigen Schlüsse gezogen. Jeder Schlag kann entscheidend sein.“

Der Mann aus dem Kosovo, für den längst die deutsche Hymne gespielt wird, schien den berühmten siebten Sinn gehabt zu haben. Ja, jeder Schlag kann in dem Limit bis 79,3 Kilo entscheidend sein. In Magdeburg war er es. Eine harte Rechte von Krasniqi hatte den völlig offen dastehenden Bösel, der das Duell wohl etwas zu leicht genommen hatte, gegen Ende der dritten Runde voll erwischt. Der entthronte Weltmeister fiel sofort um, schlug mit dem Hinterkopf auf den Ring, lag benommen und mit glasigen Augen am Boden. Während Arzt und Helfer herbeieilten, vollführte der neue Champion im Seilgeviert wahre Veitstänze. Um anschließend als fairer Sportsmann in dessen Ecke zu eilen und tröstende Worte an Bösel zu richten: „Wir sind eine Familie, und ich hoffe, dass er nicht ernsthaft verletzt ist. Er ist ein großer Kämpfer.” Wenn man sich einen Sportler basteln könne, lobt Bösel-Coach Dzemski, „wäre er so wie Robin. Mega fleißig, sehr korrekt, ein sehr guter Junge.“

“Das ist der größte und schönste Tag in meinem Leben“, jubilierte Krasniqi später bei einer improvisierten Pressekonferenz. „Mir kann kein Geld der Welt dieses Gefühl geben, das ich heute Abend hier erlebe. Ich kann noch tausend Mal boxen, aber dieses Gefühl werde ich nie wieder vergessen”, sagte ein von seinen Gefühlen überwältigter Krasniqi, inmitten Dutzender kosovarischer Fans. „Wir werden feiern, bis es wieder hell ist.“ Dann wurde er sogar ein wenig landsmännisch: „Das ist ein einmaliger Tag für das Boxen in Bayern. Noch nie zuvor hatte Bayern einen Boxweltmeister.“ Er grinst. Um dann nachzuschieben: „Und das Kosovo natürlich auch nicht.“

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