Mittwoch, Juli 6, 2022
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SES – das war ein Abenteuer Interview mit Ulf Steinforth

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KOMPAKT ZEITUNG: Wenn Sie jetzt, 20 Jahre nach der Gründung von SES, zurückblicken: Können Sie eigentlich so richtig glauben, was sich da entwickelt hat?

Ulf Steinforth: Manchmal fällt es schon schwer, das alles zu realisieren, was in den zwei Jahrzehnten passiert ist. Das gebe ich gern zu. In gewisser Weise war es ein Abenteuer, auf das ich mich da eingelassen habe. Ich wusste, dazu braucht es einen langen Atem und engagierte Mitarbeiter. Beides hatten wir. Wir sprechen nicht umsonst von der SES-Familie. Die Erfolge, wie die zahlreichen Weltmeister-, Europameister- und andere internationale Titel, auf die wir heute stolz blicken, denke ich, geben mir Recht. Mit unseren Kräften, dem besonderen Team-Spirit und herausragenden Boxern wollen wir auch in unserem Jubiläumsjahr weiteres Großes anstreben, im und außerhalb des Ringes. Wieder wollen wir deutschland- und weltweit tollen Box-Sport liefern, besondere Highlights setzen.

Was, glauben Sie, ist der Schlüssel für die Erfolge von SES?
Da gibt es, wie immer, viele. Zunächst: Wir hatten den Mut, diesen Schritt ins Berufsboxen überhaupt zu gehen. Und wir sind dabei einen Schritt nach dem anderen gegangen, haben nicht den zweiten vor dem ersten gemacht. Es hat sich gezeigt, langjährige Arbeit wird belohnt. Nicht zu unterschätzen ist sicher ebenso, dass unser Boxstall nie mit Skandalen irgendeiner Art in Zusammenhang gebracht wurde. Wir sind immer einen sauberen Weg gegangen. Da gab es, mit Verlaub, keine Verarsche … Einen weiteren Schlüssel sehe ich darin, dass wir unser Team von Grund auf selbst aufgebaut haben, mit eigenen Boxern und Trainern. Wir uns nicht auf sogenannte Legionäre gestützt haben.

Nun wäre es sicher ein Irrglaube anzunehmen, das sei alles ohne Hindernisse abgelaufen, oder?
Sicher nicht. Boxen ist, das betone ich immer wieder, ein Sport, der sich in Wellen bewegt. Da gibt es immer wieder ein Auf und Ab. Keiner möge glauben, dass wir davon verschont geblieben sind.

Wann zum Beispiel?
Ich erinnere mich da an eine Geschichte aus den Anfangszeiten. 2004, da ging es wirklich um die Existenz des Unternehmens. Ein Sponsor schuldete uns 100.000 Euro. Wenn die nicht gekommen wären, hätte es sehr böse ausgesehen. Wir hätten den Laden vielleicht schließen müssen. Da habe ich echt Angst gehabt. Also bin ich vier Wochen lang täglich nach Berlin gefahren und habe mich vor der Tür des Sponsors aufgebaut, um an unser Geld zu kommen. Was ich da gemacht habe, war fast ein Sitzstreik.

Und?
Der sanfte Druck hat sich letztendlich ausgezahlt. Wir haben zum Schluss das Geld bekommen.

SES ist mittlerweile ein Boxstall, der weltweit mitmischt. Dennoch legen Sie immer wieder großen Wert auf dessen regionale Wurzeln. Wird es dabei bleiben?
Natürlich. Ich bin Magdeburger, komme also aus dieser Region. Freilich hätte ich in der Vergangenheit die Möglichkeit besessen, der besseren Vermarktung wegen nach Berlin, Hamburg oder Köln zu gehen. Aber du brauchst auch als Sport-Unternehmen eine Heimat. Daran wird sich für mich nie etwas ändern. Wenn es denn ginge, würde ich alles regional, also von Magdeburg aus machen, aber das verbietet die Internationalität des Boxens.

Nun wurde, auch von ernstzunehmenden Experten, in letzter Zeit immer wieder von einer Krise des deutschen Boxens gesprochen. Wie sehen Sie die Situation?
Das mit der Krise kann ich so nicht unterschreiben. Schon gar nicht, wenn ich unser Unternehmen sehe. Faustkampf ist ein weltumspannender Sport, ähnlich der Formel 1. Was er braucht, ist ein richtiges Produkt, das er anbieten kann. Das Boxen muss es also schaffen, Persönlichkeiten, ich könnte auch sagen Typen, im Ring zu entwickeln, für die sich die Zuschauer interessieren. Für die sie in die Hallen kommen oder den Fernseher anschalten. Und natürlich hat Boxen etwas mit Kapital zu tun. Das zeigt uns spätestens der Blick in die USA. Dort geht es, wie zuletzt bei Fury gegen Wilder zu beobachten, fast um Milliarden. Boxen braucht also starke TV-Partner. Dahin müssen wir in Deutschland auch wieder kommen.

Wenn Sie am Tag Ihres Jubiläums einmal ganz weit nach vorn blicken, wie sehen Sie die nächsten 20 Jahre?
Um Gottes Willen. Soweit vorausblicken kann nur die Politik. Wenn ich morgen sage würde, heute ist Schluss, dann wäre Schluss. Aber Scherz beiseite: Ich mache weiter, solange es mir Spaß macht. Lassen Sie uns auf die nächsten fünf Jahre schauen. Da würde es mich freuen, wenn wir als SES dazu beitragen könnten, dass sich das deutsche Boxen weiter erfolgreich entwickelt. Weil ich diesen Sport geil finde, ihn einfach liebe.

Also wäre SES eines Tages auch ohne seinen Frontmann Steinforth denkbar?
Selbstverständlich. Das Unternehmen sollte auf jeden Fall fortgeführt werden – ob mit mir oder ohne mich. Wichtig ist mir nur, dass es in dem Geiste weitergeführt wird, in dem wir es vor 20 Jahren aus der Taufe gehoben haben. Der SES-Spirit muss erhalten bleiben.

Fragen: Rudi Bartlitz

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