SES: Von Salzwedel nach Las Vegas

Der Magdeburger Profi-Boxstall SES feiert am 16. März sein 20-jähriges Bestehen. Aus einstiger Häme wurde ein Marsch in Richtung des Faustkampf-Olymps. | Von Rudi Bartlitz

Als ein junger Magdeburger Unternehmer irgendwann im Vorfrühling 2000 in Stendal beim Amtsgericht vorstellig wurde, um eine neue Firma registrieren zu lassen, war nicht einmal im Entferntesten abzusehen, was daraus einmal werden sollte. Der Name des damals 32-Jährigen: Ulf Steinforth. Bis dahin hatte der Mann aus Sudenburg sich als Automatenaufsteller verdingt. Sport Events Steinforth, kurz SES, nannte sich das Konstrukt, das am 16. März unter der Nummer HRB 113372 offiziell ins Handelsregister eingetragen wurde. Als Tätigkeitsgebiet wurde angegeben: Ausrichten von Profi-Boxveranstaltungen.

Klang gut. Aber wie das genau gehen, wohin die Reise eigentlich führen sollte, welche Tücken in diesem Haifischbecken warteten, das wusste Steinforth nicht. Ja, er ahnte es wahrscheinlich nicht einmal. Es war immerhin der erste Profi-Boxstall im Osten. Der Handbuch-Bestseller „Wie leite ich erfolgreich einen Boxstall?“ war gerade vergriffen. Häme und Spott seiner West-Kollegen gab es seinerzeit umsonst – ein Amateur, dieser Steinforth, und ein Spielautomaten-Mann obendrein. Das sage doch schon viel. Selbst sein damaliger Mentor Jean-Marcel Nartz, einer der profundesten Kenner der europäischen Faustkampf-Szene und früher Matchmaker bei den Branchen-Riesen Universum und Sauerland, warnte: „Ulf, du wirst viel Geld verlieren.” Es drohte vermintes Gelände.

Minensucher Steinforth – zu DDR-Zeiten von den Behörden argwöhnisch beäugt, weil er Breakdance-Gruppen managte – ließ sich nicht beirren. Erste Erfahrungen sammelte er, Organisationstalent und Machertyp in einem, schon als Sponsor bei den Amateuren vom 1. BC Magdeburg. Unter seiner Präsidentschaft räumte der BCM um die Jahrtausendwende in Deutschland dann nahezu alles ab. „Ich bin erst zu den Profis gewechselt“, sagte der ehemalige Ringer dieser Zeitung einmal, „als ich merkte, dass ich mit meinen Ideen zur Weiterentwicklung des Amateurboxens, zum Beispiel der Gründung einer Art Champions League, nicht weiter kam, mir Knüppel in den Weg geworfen wurden.“

Nun also die Profis. Unvergessen die ersten Kampfabende, ob nun in Dessau, Ilsenburg, Aschersleben oder Köthen. Die Zuschauer saßen zuweilen auf harten Turnbänken, Rückenlehnen gab es nicht. Oder jene Veranstaltung in Salzwedel, wo der Ring unter einer verblichenen Erntekrone in einer Reithalle aufgebaut worden war – auf holpriger Krume. Die Sportler mussten sich hinter improvisierten Zeltwänden umziehen. Trainer Werner Kirsch in seinem Berliner Slang: „Mann, det sieht ja hier aus wie inne Jurte.“ Das Publikum bestand zum großen Teil aus Bauern, die, einige noch in Arbeitskleidung, das wilde Treiben im Seilgeviert doch ein wenig misstrauisch beäugten. Bei aller Folklore, so viel lässt sich im Rückblick jedenfalls festhalten: Steinforth hat sie umgangen, diese Minen bei den Profis. Zumindest die ganz gefährlichen. Selbst wenn er zwischendurch manchmal nicht wusste, „wie es weitergehen sollte“. Bei allen kleineren und größeren Rückschlägen, es ging bergauf. Zuweilen sogar recht zügig. Zugpferde waren dabei zunächst die beiden einheimischen Fighter Rene Monse und Dirk Dzemski.

Bereits im Januar 2002 wagte Steinforth als Veranstalter erstmals den Schritt in die große Getec-Arena. In dieselbe Halle, in die er jetzt am 28. März zurückkehrt. Sozusagen zur Betriebssause des 20-jährigen Bestehens des Unternehmens. Den Euro
pameisterschaftskampf seinerzeit, den verlor Monse übrigens gegen den Kosovaren Luan Krasniqi. Dennoch, da dachte der SES-Chef wohl wie alle anderen Promoter: Erst Titel und Gürtel (und mögen letztere noch so strunzhässlich sein) schmücken das Geschäft. Und siehe da, auf den ersten internationalen Erfolg sollten die Magdeburger tatsächlich nicht lange warten müssen. Selbst wenn es vorerst nur in einem unbedeutenden Verband war. Am 8. Juni 2002 sicherte sich Dzemski gegen den Amerikaner Kippy Warren den sogenannten NBA-Welttitel im Mittelgewicht. Steinforth hatte den Fuß in der Tür.

Es war der Anfang einer Erfolgsstory aus dem Osten. Der Name Magdeburgs wurde durchs Boxen Stück für Stück hinausgetragen in die Welt. Heute sind SES-Faustkämpfer in Spielerparadiesen wie Las Vegas und Macao fast wie zu Hause Die Sportstadt an der Elbe, das waren international plötzlich nicht mehr nur Ruderer, Kanuten, Schwimmer, Leichtathleten oder Handballer. Nein, das waren nun auch die Haudraufs von SES. Schulterklopfen für Sport-Botschafter Steinforth gab es dafür von Alt-Oberbürgermeister Willi Polte: „Boxen ist Show. Und Show produziert Bilder. Und diese Bilder gehen von Magdeburg in die ganze Welt. Dafür hat Ulf Steinforth gesorgt.“

Schnitt. 20 Jahre später. SES gibt es immer noch. Und zwar stärker und größer, als je gedacht. Der Magdeburger Stall ist inzwischen unangefochten die Nummer eins unter den Box-Veranstaltern in Deutschland. Auch dank von Weltmeistern und Weltmeisterinnen wie Robert Stieglitz, Jan Zaveck, Dominic Bösel, Natascha Ragosina, Ramona Kühne und Fabiana Bytyqi. Der Impresario selbst wurde vom deutschen Berufsboxverband zum „Manager des Jahrzehntes“ gekürt. Die einst unerreichbar scheinende Konkurrenz ist um Längen abgehängt. Universum Hamburg, das von Groß-Gastronom Klaus-Peter Kohl geführte Unternehmen, unter dessen Flagge die Klitschko-Brüder in den Ring marschierten, ging Pleite, das einst glorreiche Sauerland-Team, das sich mit Namen wie Ottke, Beyer und Abraham schmückte, befindet sich unübersehbar im Sinkflug.
Und noch etwas: All die Erfolge schaffte Steinforth über die Jahre ohne einen großen TV-Sender im Rücken. Eine zahlungskräftige Fernsehanstalt, die gilt in der Branche immer noch als eine Art Lebensversicherung. Steinforth hatte nur zeitweilig den Spartenkanal Sport1 – und von dem war, zumindest finanziell, nicht allzu viel zu erwarten. Bis es dann 2015 zu der Allianz mit dem Mitteldeutschen Rundfunk kam. Obwohl sich ZDF und ARD vor zehn beziehungsweise acht Jahren aus dem Boxgeschäft verabschiedet hatten, der MDR hielt an dem fürs Fernsehen wie geschaffenen Kampfsport fest. Und wenn jetzt, zum 20. SES-Jubiläum, die ARD in Magdeburg wieder in die Berichterstattung einsteigt, empfindet Steinforth dies wie einen Ritterschlag. Allein dies, sollte man meinen, würde reichen, sich um das deutsche Berufsboxen verdient gemacht zu haben.

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