Montag, September 26, 2022
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Sich schämen. Oder lieber nicht.

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Der Mensch: das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige,
was Grund dazu hat. (Mark Twain)

Von Prof. Dr. Gerald Wolf

Sich schämen – wer von uns kriegt das überhaupt noch hin? In der Kindheit klappte das Sich-Schämen auf Anhieb. Wer beim Schwindeln oder beim Mopsen erwischt wurde, lief rot an und stotterte beim Versuch, sich herauszureden. Irgendwann war es dann vorbei mit der Schamröte, und auch die Ausreden kamen glatter daher. Ohne verlegen zu werden, lassen sich dann Dinge behaupten, von denen man genau weiß, dass sie nicht stimmen. Oder eben nicht so ganz. Manche schaffen das sogar bei kapitalen Lügen. Trockenen Auges und ohne schamhaftes Grinsen blicken sie uns dabei an.

Für viele Geschäfts- und Werbefachleute gehört das schamlose Lügen zur beruflichen Praxis, ebenso für viele Journalisten und Juristen, für Homöopathen, Politiker, Lehrer und Pfarrer. Zumeist aber sind die Lügen nicht von der plumpen Art. Viel raffinierter ist es, Belangvolles beiseitezulassen. Zum Beispiel, wenn Zeitungsleute nur die halbe Wahrheit berichten, oder ein Gebrauchtwagenhändler jemandem ein Auto andrehen will und dabei den kleinen Motorschaden „vergisst“. Oder wenn beim Angebot von Medikamenten oder Impfstoffen Nebenwirkungen verschwiegen werden. Schlimmer noch, wenn dazu Schmiermittel im Einsatz sind. Oft genug ist auch das Schweigen an sich ein Grund zum Schämen. Duckmäusertum gegenüber dem Chef zum Beispiel oder gegenüber kritikwürdigen politischen Verhältnissen. Den Großteil eines ganzen Volkes kann das betreffen.

Die da oben
Man möchte annehmen, dass die moralischen Anforderungen für jene besonders hoch sind, die öffentliche Ämter begleiten. Immerhin kann ja die gesamte Öffentlichkeit zugucken. Wann aber hat einer von denen jemals öffentlich bekannt, sich eines Fehlers, einer Unachtsamkeit, einer dummen Bemerkung, eines falschen Urteils wegen zu schämen? Wenn, dann doch nur unter äußerem Zwang. Nicht um Moral geht es auf diesen Feldern, sondern um Macht. Und diese zu bewahren, ist oberstes Gebot. Anzeichen von Scham schaden da nur, so die Devise.

Was nicht alles von und über Personen des öffentlichen Lebens erfährt der Bürger von heute. Politische Bekenntnisse – gestern so, heute so und morgen wieder anders. „Die Politik, das Paradies zungenfertiger Schwätzer“, wusste schon George Bernhard Shaw.

Mit dicken, von Verbrennungsmotoren angetriebenen Limousinen lassen sich Politikerinnen und Politiker an ihrem Volk, der heutigen Zivilgesellschaft, vorbeifahren, dem sie zurufen, auf das Auto zu verzichten und aufs Fahrrad umzusteigen. Oder auf öffentliche Verkehrsmittel. Ohne Schamgefühl. Es springt selbst dann nicht an, wenn sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil ihnen das Niveau an den öffentlichen Schulen nicht zugemutet werden soll, und ebenso nicht, wenn sie in ihren Ämtern derart versagen, dass sich die Tastatur meines PC weigert, es hinzuschreiben. Weder Scham noch Reue zeigen sie, die uns regierenden Politiker, wenn es um vertuschte Geldeinnahmen oder geschönte Lebensläufe geht, um erfundene Studienabschlüsse oder fehlende Berufserfahrungen. Geschweige denn um Mängel an höherer Bildung. Wissenschaftler werden in schamloser Weise diskreditiert, wenn sie mit ihren Ansichten dem von der Politik gelenkten Mainstream widersprechen. Dazu passt, dass öffentliche und wirklich freie Diskurse durch jene verhindert werden, die an der Spitze stehen und einer solchen Bildung dringend bedürften.

Tief drinnen
Mark Twain hat mit seinem eingangs zitierten Aphorismus natürlich recht. Wie auch sollte die Schamreaktion bei einem Tier aussehen? Offenkundig setzt sie Geist voraus, etwa in der Art, dass die Spielregeln des sozialen Miteinanders erkannt werden und mit ihnen eben auch ein Verstoß, und zwar als verachtenswürdig. Wie aber funktioniert das mit dem Verachten, zumal dann, wenn es gegen uns selbst gerichtet ist und das Gewissen anspringt? Zumindest sollte. Und wie „geht“ das mit dem Schamgefühl, wenn es in der Tiefe unserer Seele vielleicht noch aufkommt, oben aber nicht mehr ankommt? Die Antwort ist so klar wie einfach: Niemand weiß es!

Gefühle gehören in den Bereich des Subjektiven, und der ist absolut privat, nämlich nur von innen her erkennbar. Zwar können wir uns mit jemand anderem über unsere Gefühle unterhalten, aber nur weil wir unterstellen, dass seine Empfindungen den unseren gleichen. Das Sinnesgefühl für die Farbe Blau zum Beispiel, das für den Duft von Zimt oder für den Schmerz im großen Zeh. Dasselbe gilt für Emotionen, für Freude, für Wut oder Stolz. Und so eben auch für das Schamgefühl, begleitet vom „peinlichen Berührtsein“ und dem Wunsch, im Boden zu versinken. Von außen her erkannt und zudem vollkommen objektiv ist, dass all das, was wir als Seele bezeichnen und mit ihr wie auch immer zusammenhängt, von unserem Gehirn produziert wird, von dessen Nervenzellen und den sie begleitenden Gliazellen. Weder das Herz produziert Gefühle (es kann von Mensch zu Mensch verpflanzt werden, die Gefühle bleiben davon unberührt), noch der Bauch, noch die Kniescheibe.

Bloß eben, wie machen die Zellen des Gehirns die Gefühle und überhaupt das, was wir die „Seele“ nennen? Leider wissen wir noch nicht einmal, wie – im konkreten Fall − zwei oder drei Nervenzellen unseres Gehirns über ihre jeweils hunderte oder tausende Kontaktstellen, die Synapsen, zusammenarbeiten, geschweige denn, wie das bei zehntausenden solcher Zellen „geht“ oder gar bei all den 100 Milliarden (!) eines Gehirns. Die Erfahrungsansätze beschränken sich daher heute und mit Sicherheit auch in aller Zukunft auf modellhafte Strukturen und Funktionsmechanismen. Seien es Moleküle, Zellelemente oder Verbände aus mehreren Zellen. Oder gar das Gehirn in seiner Gänze. So beeindruckend die Bilder sind, die wir mit den Techniken der Hirnforschung erhalten, sie sind entweder viel zu grob oder viel zu fein, um ein reelles Bild vom Zusammenwirken all der Strukturen des Gehirns und deren Funktionsmechanismen zu ergeben. Die Komplexität des Gehirns ist „überastronomisch“ groß und schon damit menschlichem Erkenntnisvermögen für immer entzogen.

Die Anfänge des Schämens
Wir werden nicht mit der Schamfähigkeit geboren, dennoch ist sie uns – im Sinne der Genetik – angeboren, d. h., in unserem Erbgut verankert. Aus solcher Anlage heraus entwickelt sich das Schamgefühl als eine der letzten der seelischen Empfindungsqualitäten. Schon im ersten Lebensjahr zeigen sich die für die Freude und das Lachen, die für die Angst, Zuneigung und Neugier. Gefühle der sozialen Art aber, solche wie Neid oder Stolz und so eben auch das Schamgefühl, sind komplexerer Art und entwickeln sich erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres. Dann nämlich, wenn das Kind beginnt, sich als eigenständige Person zu begreifen.

Wie war denn das bei unsereinem, mögen wir uns fragen, damals, als wir zum ersten Male so etwas wie Scham empfanden? Der Autor hat in sich herumgeforscht, und zum Vorschein kam: Die (ältere) Schwester war zum Geburtstag mit ein paar Süßigkeiten beschenkt worden, und er – also ich! – hatte davon etwas gestibitzt. Auf die Frage hin, ob ich es gewesen sei, mag ich mit einem entschiedenen „Neijen!“ protestiert haben, und: Ich schämte mich. Welch eigenartiges Gefühl! Dazu vermutlich ein flammendes Rot im Gesicht, vielleicht auch Tränen in den Augen und bei näherem Befragen das Stottern. Oder Wut – wieso und warum denn gerade ich, ich, der ich doch …!

Meine Tochter, nach ihrer frühesten Erinnerung befragt, meinte, sich für einen Jungen im Kindergarten geschämt zu haben. Der hatte der Puppe ihrer Freundin den Arm ausgerissen, einfach so, nur um sie zu ärgern. Und die Freundin weinte fürchterlich.

Wissen und GeWissen
Das Schamgefühl setzt das Wissen um das Unrecht voraus, das GeWissen, und das wiederum wird von dem Gefühl der Schuld begleitet. In entsprechenden Fällen auch von dem der Reue. Verdammt unangenehm, sehr, sehr peinlich ist das, und dann der Entschluss: nie wieder! Solcherart Erfahrungen wirken lange fort, mitunter lebenslang, und mögen so oder so für das Zusammenleben in einer Gesellschaft, in der jeder jeden kennt, bestimmend sein − ohne Polizei, ohne Paragrafen und ohne Richter. Wir Menschen sind für Kleingruppen „gemacht“, und die Evolution sorgt eben nicht nur für die Entwicklung körperlicher Merkmale, sondern auch für psychische und soziale. Funktionstüchtigkeit, welcherart auch immer, ist ihr oberstes Prinzip! Was im Einzelnen veranlasst, sich zu schämen, hängt von der individuellen Veranlagung ab, von der Erziehung im sozialen Umfeld und der aktuellen Befindlichkeit.

In der Anonymität der Großgesellschaften reichen die evolutiv herausgebildeten sozialen Sicherungsmechanismen nicht aus und müssen durch von „oben“ verordnete Rechtsnormen ersetzt werden. Oft so weitgehend, dass es das Grundbedürfnis nach eigenen moralischen Wertvorstellungen infragestellt. Mithin auch deren erzieherische Kompetenz. „Persönlichkeitsrechte“ und Kaltschnäuzigkeit ersetzen dann die Herzensbildung und mit ihr die Schamfähigkeit. Kein Pranger mehr „dank“ Anonymisierung. Was haben wir Älteren uns geschämt, wenn wir nach vorn zum Lehrerpult mussten, um uns eine schlechtbenotete Mathearbeit abzuholen, dazu noch mit offenem Tadel. Welch Ansporn!
Und Ansporn heute?

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