Montag, November 28, 2022

Solidarität vs. Hamsterei

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Überlegungen zwischen Hilfe, Anfeindungen und Diätenerhöhungen

Neulich im Supermarkt: Im Einkaufswagen von Stephanie und Karsten befinden sich neben einigen frischen Lebensmitteln mehrere Pakete Nudeln, Papiertaschentücher, Küchenrollen und Toilettenpapier. Ringsum beginnt ein Murmeln, das immer lauter wird. „Hamsterkäufer!“ und „unglaublich!” heißt es da bis zu „unsolidarisch“ und „egoistische Jugend!“ Anfeindungen kurz vor dem Kassenbereich. „Na denen werden sie gleich alles abnehmen“, sagt eine Frau mittleren Alters im zynischen Ton. Den beiden Einkaufenden, Jahrgang 1990, ist unwohl angesichts der aggressiven Stimmung. Was niemand weiß: Stephanie und Karsten arbeiten für eine caritative Einrichtung, in der junge Leute ohne Eltern mit psychischen Problemen leben. Für jene Bewohner ist schwer nachvollziehbar, was sich derzeit durch Corona im gesellschaftlichen Leben verändert hat. Sie brauchen gewohnte Handlungen und Abläufe, was immer mehr eingeschränkt wird. Normalerweise wird montags eingekauft. Brot, Butter, Wurst, Nudeln, und in regelmäßigen Abständen Papiertaschentücher, Küchenrollen, Toilettenpapier … Eingekauft wird immer im selben Supermarkt in der Nähe der Wohngruppe. Doch jetzt entsteht Verzweiflung, weil nicht zu haben ist, was auf ihrer Einkaufsliste steht. Um aus diesem Dilemma einen Ausweg zu finden, übernehmen Stephanie und Karsten jetzt die meisten der Einkäufe. Sie haben sogar eine schriftliche Bestätigung, dass sie für andere – bis zu zehn Leute – einkaufen. Nicht immer wird das Schreiben an der Kasse anerkannt, es kommt offenbar auch auf die Stimmung im Supermarkt an.

Widerspruch zum realen Leben

Solche und ähnliche Begebenheiten bringen ins Nachdenken. Vielerorts wird dazu aufgerufen, für ältere Menschen, für Nachbarn oder Verwandte solidarisch mit einzukaufen. Wer auf so einer Soli-Tour ist, muss allerdings auch damit rechnen, angefeindet zu werden. So wurde eine Frau beschimpft, weil sie mehrere Pakete Nudeln kaufte. Dabei betreut die ausgebildete Kindergärtnerin Kinder von Eltern, die aus gesellschaftsrelevanten Gründen weder von der Arbeit freigestellt sind noch Homeoffice machen können, sondern täglich für andere arbeiten.
Es entsteht gerade ein Widerspruch zwischen Lob für Solidarisches, von dem wir via Internet erfahren oder in anderen Medien berichtet wird, und dem realen Erleben im Supermarkt. Warum beäugen wir argwöhnisch, was im anderen Einkaufswagen liegt, und fragen nicht nach dem Warum? Anstatt zu kritisieren, könnten wir uns nach den Gründen erkundigen. Ein „Muss das sein?“ offenbart vielleicht eine unerwartete Antwort. Manch einer kauft – wie im Beitrag oben zu lesen – Zusätzliches, um es zu spenden. Solidarität ist groß geschrieben auf vielen Gebieten. Um Künstler zu unterstützen gibt es die #AktionTicketBehalten oder es werden Gutscheine erworben für Kulturveranstaltungen oder Reisen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Während das Volk zusammenrückt und spendet, steht in der Bundespolitik die nächste Diätenerhöhung an. Natürlich: Das Aufwandsentschädigungsgesetz regelt, dass sich die Diäten der Abgeordneten jedes Jahr zum 1. Juli automatisch ändern. Das Wort Erhöhung ist übrigens nicht erwähnt, sondern formuliert ist: es solle eine Anpassung geben an die „Entwicklung der durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste“. Also Achtung, liebe Bundestagsabgeordnete: Der Bruttomonatsverdienst zahlreicher Bürger geht momentan drastisch nach unten! Sie können gern anpassen. Das wäre eine solidarische, eine volksnahe Maßnahme. Birgit Ahlert

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