Montag, November 28, 2022

Sport: Kollabierende Flügel

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In der Corona-Krise kämpft die dritte Fußball-Liga ums schiere Überleben. Geisterspiele scheinen vielen Vereinen keine geeignete Option. | Von Rudi Bartlitz

In Zeiten einer Mega-Krise macht es ein allmorgendlicher Blick in den deutschen Blätterwald deutlich: Überall ist man auf der Suche nach Wegen, wie die lähmende Klammer der Restriktionen ein wenig gelockert werden kann, sucht man nach dem sprichwörtlichen Licht am Ende des Tunnels. Im Fußball, in dem sich eine Reihe Teams buchstäblich mit ihrem Ruin konfrontiert sehen, ist das nicht anders.

Dutzende Modelle, wie die seit nunmehr einem Monat unterbrochene Saison vielleicht noch gerettet werden kann, geistern täglich durch die Sportseiten. Jeden Tag kommen neue hinzu, werden andere verworfen. Durchaus realistische wie Geisterspiele, aber auch schierer Verzweiflung entsprungene wie die, alle noch ausstehenden Partien durch einfaches Loseziehen, ein Kleinfeldturnier oder Elfmeterschießen zu entscheiden. Alles befeuert von den Fans, unter denen sich, wie es in der Wissenschaft heißt, ein „Normalisierungsdrang“ breit macht: Wann geht es denn endlich wieder los? Eines jedoch ist unumstößlich: Bis Ende April rollt definitiv kein Ball. Nirgends. Kollabierende Lungenflügel sozusagen statt virtuosem Flügelspiel. Und auch in der Zeit nach April sieht es – glaubt man den meisten Virologen – ziemlich mau aus. Das trifft alle Ligen; selbst die Bundesliga rechnet, wenn überhaupt, nur noch mit Veranstaltungen ohne Zuschauer. Kommt es dazu, wäre die dritte Spielklasse (mit dem 1. FC Magdeburg), das räumen die meisten Experten ein, die wahrscheinlich am schwersten betroffene. Dafür steht ein Grund über allem: die extrem prekäre wirtschaftliche Lage der 20 Vereine. Einnahmen tendieren gegen Null, die TV-Gelder sind kaum der Rede wert, finanzielle Reserven besitzen die wenigsten. Die Eigenkapitaldecke, das wurde längst vor der Corona-Krise beklagt, ist in dieser Spielklasse einfach zu dünn. Für einen Teil der Klubs geht es jetzt schlicht und einfach ums Überleben.

Selbst DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius befürchtet, dass sich Fußball-Deutschland auf eine lange Phase ohne Zuschauer einstellen muss. „Ich glaube, nach Gesprächen mit vielen Experten kann das noch bis Ende dieses Jahres andauern.“ Der Hallenser Virologen-Promi Prof. Alexander Kekule empfiehlt dazu in der „Süddeutschen Zeitung“ zunächst ein „smart distancing“, eine auf jedes Projekt einzeln bezogene Sicherung. Kernpunkte: Jeder Akteur müsste stets aufs Neue getestet werden, Mindestabstand im Stadion zwei Meter, Kameracrews sollten ein Sicherheitstraining absolvieren. Von Zuschauern ist weit und breit keine Rede. In diesem Jahr, bekräftigte Kekule am Wochenende, „wäre daran ernsthaft nicht mehr zu denken“. Ein solches Szenario stünde allerdings im Gegensatz zur Erkenntnis von Curtius: Gerade die Drittligisten hätten „existenzielle wirtschaftliche Probleme. Sie sind dringend auf die Zuschauereinnahmen angewiesen“.

Wie nun also weiter? Viele Drittligisten – insbesondere die sechs mitteldeutschen – votieren gegen Geisterspiele, halten sie für ein ungeeignetes Instrument. „Um die Saison zu Ende zu bringen, sind sie für uns überhaupt keine Option. Sollte dieser Fall eintreten, ist der Gang zum Insolvenzgericht unumgänglich”, sagt beispielsweise Tobias Leege, Vorstandssprecher des FSV Zwickau. Sein Argumentationsmuster, das sich mit dem anderer deckt: Mit Rückkehr zum Spielbetrieb gehen die Vereine aus der derzeitigen Kurzarbeit (18 von 20 Klubs nehmen sie in Anspruch) heraus, hätten die vollen Personalkosten selbst zu tragen, gleichzeitig aber keine relevanten Einnahmen, die dem entgegenstehen.

In der Tat könnten Geisterspiele ein dickes Loch auf dem Konto zur Folge haben: Wie aus dem Drittliga-Bericht der vergangenen Saison hervorgeht, machen Einnahmen durchschnittlich 21 Prozent der Gesamterträge eines Vereins aus. Sie würden im Falle von Geisterspielen wegfallen. Demgegenüber steht ein relativ hoher Anteil Personalkosten, der dann wieder vollständig vom Verein zu tragen wäre: Durchschnittlich 34,7 Prozent der Ausgaben eines Drittliga-Vereins gehen für das Personal im Spielbetrieb, also vorrangig die Mannschaft drauf. Hinzu kommen 8,8 Prozent für das übrige Personal. Auch an anderer Stelle lohnt ein Blick in den Drittliga-Bericht. Nur durchschnittlich 10,8 Prozent der Gesamterträge eines Vereins stammen aus Medieneinnahmen. Jeder Klub erhält pro Saison 842.000 Euro von „Magenta Sport“, dem TV-Partner. Zum Vergleich: In der 2. Bundesliga sind Wehen Wiesbaden und der VfL Osnabrück mit je 7,3 Millionen Euro Fernsehgelder noch die Geringverdiener. Der FC Bayern München erhält in dieser Saison 67,9 Millionen Euro – allein aus dem TV-Topf.

Der Blick des 1. FC Magdeburg, mit 3,3 Millionen Euro finanzieller Reserven für Drittliga-Verhältnisse geradezu fürstlich ausgestattet, geht in ähnliche Richtung. „Meisterschaftsspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit sind für uns überhaupt keine Option”, erklärt Geschäftsführer Mario Kallnik. Über einen möglichen Saisonabbruch will er zwar „zu diesem Zeitpunkt“ noch nicht nachdenken – doch auch Kallnik kommt bei seinen Berechnungen auf ein eindeutiges Ergebnis: „Bei Geisterspielen würden uns Zuschauereinnahmen in sechsstelliger Höhe fehlen.” Rein sportlich hingegen sieht man es bei den Blau-Weißen offenbar nicht ganz so verkrampft und düster. „Noch stehen elf Spiele aus“, sagte Cheftrainer Claus-Dieter Wollitz dem vereinseigenen TV. Nach der Zwangspause „geht es bei Null los. Und in diesen elf Spielen möchten wir Erster werden.“ Zynisch gesagt: Corona-Meister. Wahrlich markante und mutige Worte in einer Krise, in der für viele so ziemlich alles auf dem Spiel steht. Könnte aber, orakeln Spötter, auch signalisieren: Beim Tabellenfünfzehnten, selbst nur einen winzigen Punkt von den Abstiegsrängen entfernt, hat man sich in dieser schweren Zeit zumindest ein feines Gespür für Humor bewahrt.

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