Mittwoch, August 10, 2022
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Sportjournalist – nein danke!

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Über ein „Interview interruptus“ und andere Schattenseiten einer Branche, in der Kritik immer weniger gefragt ist. | Von Rudi Bartlitz

Schreib doch mal was über Sport und Medien, warf der Herausgeber dieser Zeitung, sicher nichts Arges im Schilde führend, vor ein paar Tagen lapidar in die Runde. Es könne auch gern kritisch sein. Ein Auftrag zum Zündeln, gewissermaßen. Ob er ahnte, an welch ohnehin fragilem Konstrukt da gerüttelt werden soll?

Nun denn: Über Journalismus, im vorliegenden Fall über den sportlich angehauchten, öffentlich zu philosophieren, erscheint von vornherein als ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Zu diametral sind die Ansichten dazu. In der Öffentlichkeit, in der Branche selbst, in der Wissenschaft. Während die einen (deren Zahl allerdings rapide abnimmt) die Tätigkeit als Sportjournalist immer noch für einen Traumberuf halten – gleich nach Lokführer und Feuerwehrmann –, hat sich für andere der Sportjournalismus als Ganzes, so wie er heute daherkommt, immer mehr zu einem Erfüllungsgehilfen der Mächtigen des Gewerbes degradiert. Einschmeichelnd in Worten, anbiedernd in der Art – und zunehmend unkritisch. Wer dem einen oder anderen TV-Reporter (Namen sind der Redaktion durchaus bekannt) zuhört, wähnt sich eher in einen Verkaufskanal versetzt, in dem Ware wohlfeil dargeboten wird. Das Produkt ist gut!, lautet die drängende Botschaft. Kauft es! Wir als Fernsehschaffende werden es jedenfalls nicht in Frage stellen – oder dürfen es nicht.
Befeuert wird eine solche Haltung – auch das gehört zur Wahrheit – zusätzlich dadurch, dass ein Teil der Sportler selbst gleichfalls eine Position einnimmt, die Kritik von außen zunehmend als geschäftsschädigend für ihr Gewerbe ansieht. Natürlich, wir reden hier zuerst über Fußballer. Nach der Russland-WM 2018, die für die Deutschen wahrlich in einer Pleite endete, offenbarten einige Nationalspieler eine Erwartungshaltung, die keinen Platz für hinterfragende Berichterstattung sah – die die eigentliche Aufgabe des Journalismus sein sollte. Niclas Süle schrieb da etwa auf Instagramm über die Medien, „die sowieso versuchen, alles schlecht zu reden“. Dass sie selbst eigentlich auf der Seite der „Schlechten“ standen, war ihm offenbar entgangen.

Als jüngst ein ZDF-Mann den deutschen Nationalspieler Toni Kroos nach dem Sieg im Champions-League-Finale auf dem Feld interviewte, erschienen dem Madrid-Star die Fragen nicht devot genug – und er ließ den verdutzten Reporter einfach stehen. Auf den tieferen Sinn (oder Unsinn) derartiger sogenannter Field-Interviews wollen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. Ebenso wenig über Kroos‘ doch sehr eigene Deutung von Journalismus. Es wirft vielmehr ein Schlaglicht auf den gegenwärtigen Sportjournalismus, dass an den Folgetagen nicht das spektakuläre Finale und die zweifellos einmalige Leistung von Kroos, dessen fünfter Königsklassen-Sieg einen Rekord für einen deutschen Fußballer darstellt, im Vordergrund standen, sondern dieses „Interview interruptus“.

Überblickt man die Entwicklung im Fußball der letzten Jahre ein wenig, so wird immer deutlicher: kritischer Journalismus ist kaum noch gefragt. Und schon gar nicht gewollt. Zum einen von den Vereinen nicht, zum anderen auch von einem Teil des Publikums, also letztlich den Lesern, nicht. Stattdessen hagelt es Medienschelte. Motto: Wir lassen uns doch von diesen Deppen nicht unseren schönen Verein kaputtschreiben. Gehen wir etwas näher auf den ersten Punkt ein. Vieles, was derzeit inhaltlich beklagt wird, ist auf den sich vollziehenden, unübersehbaren Medienwandel zurückzuführen: weg von Print, hin zum Digitalen, zu Online. Hinein ins Reich der gottgleich angebeteten Klicks, deren Allmacht mehr und mehr den Redaktionsalltag zumindest der Zeitungen bestimmt. Dann machen wir doch lieber etwas über Ronaldo, lautet oft die Antwort auf die Frage, wer von den Redakteuren sich denn mal an einer tiefergehenden sportpolitischen Analyse versuchen wolle.

All das spielt sich vor einem Hintergrund ab, in dem viele Fußball-Bundesligisten „die Medien“ mittlerweile als Störenfriede wahrnehmen. Dazu passt, dass sich die Vereine immer mehr zu Medienhäusern entwi-ckeln und den Sportjournalisten mithilfe eigens produzierten Contents übergehen. Damit fallen kritische Fragen an die Profikicker von vornherein weg, weil die hauseigenen „Medien“ den Spielern freundlich gewogen sind. Das führt bei kritischem Nachhaken eines Journalisten von außen unweigerlich zu Unverständnis bei den betroffenen Kickern. Wer nun meint, derartige Aussagen widerspiegelten vor allem die Sicht regional agierender, in ihrer Manpower arg beschnittener Medien, dem hält „Spiegel“-Sportchef Udo Ludwig entgegen: „Die Vereine selbst haben eine gewisse Mauer aufgebaut.“ Auch beim renommierten Hamburger Nachrichtenmagazin merke man, „dass die Spieler und die Vereine die Medien überhaupt nicht mehr brauchen, um ihre Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Die machen das über Social-Media-Kanäle.“

Der Sportjournalismus und seine Akteure stehen nichtsdestotrotz einer großen Herausforderung gegenüber: Die Nachfrage und das Interesse am Spitzensport bleiben konstant hoch, gleichzeitig steigt der Konkurrenzdruck, auch durch eigene Medienangebote der Sportvereine. Wie wirkt sich dieses emotionale und technisch getriebene Umfeld auf die Arbeit im Sportjournalismus aus? Aus einem repräsentativen Pool von 1.200 deutschen Sportjournalisten beantworteten 195 einen quantitativen Online-Fragebogen. Die Ergebnisse zeigen deutlich eine pessimistische Zukunftserwartung: Über zwei Drittel der Befragten geben an, dass die wachsenden Angebote aus den Pressestellen der Vereine eine Gefahr für die eigene Redaktion darstellen. Mehr als die Hälfte findet zudem, dass die Pressestellen den eigenen Zugang zu Spielern, Trainern und Verantwortlichen behindern, vor allem im Profifußball.

Erschwerend kommt für die Medien-Akteure hinzu, dass ein Sportevent wie eine Europa- oder Weltmeisterschaft auch immer ein großes nationales Wir-Gefühl hervorbringt. Und das schließt eben Kritik in der Regel aus: „Das sind ja die Unseren.“ Gerade das Leitmedium Fernsehen steht während eines solchen Ereignisses besonders im Fokus. Der Spagat zwischen distanzierter Berichterstattung und großer Unterhaltung zur besten Sendezeit ist, so scheint es, kaum noch zu meistern. Und so sind rampenerfahrene Unterhalter und Plauderer mit Darstellerqualitäten in solchen Zeiten besonders gefragt.

Seit einiger Zeit wird heftig darüber diskutiert, ob das, was sich gerade im Sport vollzieht, eine Art Blaupause für das gesamte Fernsehen darstellt. Unübersehbar ist, dass Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video, Maxdome und Co. immer beliebter werden. Wer sich einmal an diese kostenpflichtigen Anbieter gewöhnt hat, sagen Medienwissenschaftler, kehrt dem herkömmlichen Fernsehen schnell den Rücken. Traditionelle TV-Sender müssen sich also Sorgen machen. Das bestätigt eine weltweite Umfrage der Unternehmensberatung Simon-Kucher in elf Ländern. Der zufolge sinkt das Interesse am gewohnten TV-Angebot dramatisch. „Über zwei Drittel der Befragten haben durch die Bank weg gesagt, Streaming ersetze für sie das traditionelle TV beziehungsweise das lineare Fernsehen“, sagte Lisa Jäger, Medienexpertin bei Simon-Kucher, der Deutschen Welle. Vor allem jüngere Menschen seien dieser Meinung, doch auch mehr Ältere neigten immer mehr dazu.

In den letzten Jahren ist zusätzlich ein neues Phänomen aufgetaucht, dass die Arbeit der Sportjournalisten vor allem im TV-Sektor tangiert. Die Attacken der Streaming-Dienste auf die Sportrechte. Damit verbunden ist ein Menetekel, das sich an der Wand abzeichnet. Wann, fragen Kenner der Szenerie besorgt, wird der erste große Sponsor seine Arme nach der Übertragung von Sport-Highlights ausstrecken. Olympia dann im Coca-Cola-TV? Die Fußball-WM im Nike Chanel oder bei Adidas-Television? Oder zeigt Red Bull mit seinem unternehmenseigenen „Servus TV“ irgendwann exklusiv die Bundesliga? Und was bedeutet das für einen unabhängigen Journalismus? So abwegig, wie es im Augenblick noch scheinen mag, sind derartige Vorstellungen gar nicht. Wir erinnern uns an 2017. Bei der Handball-WM 2017 drohte in Deutschland der „schwarze Kanal“ fröhliche Urständ zu feiern – weil der Weltverband sich nicht mit den deutschen Sendern einigen konnte. Was passierte? Mit der DKB-Bank offerierte erstmals ein Sponsor das Weltchampionat. Ein Präzedenzfall. Die Tochter der Bayerischen Landesbank „rettete“ hierzulande die WM-Übertragung und landete einen dicken PR-Scoop.

Wissenschaftliche Analysen bescheinigen indes vielen Sportreportern, ob nun bei den „Streamern“, im linearen TV oder bei den Zeitungen, eine zu große Nähe zum Gegenstand ihrer Berichterstattung. Sie sind, meinte einmal ein Kollege, Fans mit einem Presseausweis. Vor allem im Fußball gehe es häufig nur um „Heldenverehrung“. Das Fachjournal „Journalist“ hat dazu Interviews mit Branchenexperten geführt und ist zum Schluss gekommen: Eine unabhängigere und kritischere Berichterstattung im Fußball ist notwendig. In vielen, vielen Beiträgen, schreibt Autor Tonio Polster von der Otto-Brenner-Stiftung, sei eines immer wieder zu bemerken: „Die Unterhaltung steht im Sportjournalismus ganz klar im Vordergrund. Und dass Themen, die im Hintergrund hinter dem großen Ganzen stehen und ste-cken, doch sehr vernachlässigt, um nicht zu sagen, ignoriert werden, weil sie eben zu wenig Quote bringen.“
Gewissermaßen zur Entschuldigung dafür wird ein Argument immer öfter vorgebracht, das sich nicht von der Hand weisen lässt: Durch den Personalabbau in den Redaktionen werden beispielsweise dem einzelnen Zeitungsjournalisten immer mehr Aufgaben übertragen. Da ist nicht nur der Text für die Printausgabe zu schreiben, hinzu kommt das Verfassen von Online-Beiträgen und das Anfertigen von Fotos. Alles unter Zeitdruck. Der Clou ist dann, wenn der Chef hinterherruft: Wenn du kannst, bring gleich noch ein Video mit. Viele Medien, sagt „Spiegel“-Mann Ludwig, haben „ihre Investitionen in die Ressourcen der Redaktionen sehr stark zurückgefahren – und das geht automatisch auf die Qualität. Kolleginnen und Kollegen werden nicht mehr so gut bezahlt, der Beruf wird unattraktiver. Das führt auch dazu, dass die Berufsanfänger nicht mehr so gut ausgebildet in den Job reingehen.“

Viele im Gewerbe lassen sich, so ein weiterer Vorwurf, zu stark von dem leiten, was sich in den sogenannten sozialen Medien abspielt, machen dies immer öfter zu einer Elle für das eigene Handeln. ZDF-Reporter Bela Réthy will sich davon nicht beirren lassen. „Wer sich von den sozialen Medien in seinem Handeln beeinflussen lässt, sage ich mal frei nach Karl Lagerfeld, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, witzelt er. „Wenn man bedenkt, dass die Nutzung von Twitter in Deutschland bei vier, fünf Prozent der Bevölkerung liegt und dass man sich davon so treiben lässt, das ist eigentlich ein bisschen bedenklich.“
Wie nun weiter? Ein demagogisch veranlagter Berater würde jetzt einen Blick in die „Leitlinien des Sportjournalismus“ empfehlen, die der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) 2009 erstellt hat. „Sportjournalisten lassen sich von niemandem vereinnahmen und instrumentalisieren“, heißt es da ein wenig martialisch, „und wahren ihre journalistische Unabhängigkeit“. Wo also liegt das Problem?

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