Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Sprachpolizei?

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Im Jahre 1634 wurde in Frankreich die Académie française gegründet. Kardinal Riche-lieu, ein treuer Minister des Königs Louis XIII., verlieh ihr einen offiziellen Status, und die Aufgabe ihrer 40 Mitglieder ist es, auch noch heute, die französische Sprache zu überwachen und zu perfektionieren, sie rein zu halten, damit sie „den Künsten und den Wissenschaften diene“. Im Juli 1893 kamen die Mitglieder dieser Einrichtung auf den Gedanken, dass der Plural aller französischen Substantive durch Anhängen des Buchstabens ‚s‘ zu bilden sei. In der Folge sollte also geschrieben werden: les feus (Einzahl: le feu, das Feuer), les chevals (Einzahl: le cheval, das Pferd). Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu Hause ein Französisch-Wörterbuch haben, können Sie das gleich mal überprüfen. Schauen Sie aber genau hin! Sie lesen, und dies läuft den Anweisungen des Gremiums entgegen, ‚les feux‘, ‚les chevaux‘. Die Menschen waren eben einfach nicht bereit, den Vorschriften der Akademie zu folgen, sie protestierten, und letztlich blieb die Schreibweise die alte wie bisher.

Was hat das nun mit uns in Deutschland zu tun? So eine „Sprachpolizei“, wie sie im Prinzip die Académie française in Frankreich darstellt, existiert bei uns nicht. Aber es gibt Menschen in Deutschland, die sich Gedanken um den Zustand unserer Sprache machen. Viele von uns kennen den Kabarettisten und Komiker Dieter Hallervorden, der schon vor über 40 Jahren als „Didi“ im Fernsehen auftrat und durch seine Sketche in zahlreichen Rollen berühmt wurde. Vor einigen Jahren gründete er sogar ein eigenes Theater. Kürzlich äußerte er sich bei der Vorstellung des Spielplans 2021/2022 so: „Das Schlosspark-Theater wird, solange ich da ein bisschen mitzumischen habe, sich am Gendern nicht beteiligen. Allen Mitarbeitern steht es natürlich frei, das zu handhaben, wie sie möchten. Aber alles, was von Seiten des Theaters herausgegeben wird, wird nicht dazu dienen, die deutsche Sprache zu vergewaltigen“, sagte er. „Natürlich entwickelt sich Sprache, aber sie entwi-ckelt sich nicht von oben herab auf Befehl. Es hat in der letzten Zeit nämlich zwei Versuche gegeben. Einmal von den Nazis und einmal von den Kommunisten. Beides hat sich auf Druck durchgesetzt, aber nur temporär – und zwar auf Zwang.“
Gendern, Nazis, Kommunisten – das sind die Stichworte, denen wir uns, natürlich unter dem Gesichtspunkt, ob von dieser Seite her die deutsche Sprache vergewaltigt wurde oder wird, Zwang auf sie ausgeübt wurde, zuwenden möchten. Die DDR, seit über 30 Jahren nicht mehr bestehend, ist vielen von uns, zumindest den Älteren, noch in Erinnerung. Es gibt also da noch genügend Zeitzeugen, die sich äußern können. Viel weiter zurückliegend ist die Zeit des Nationalsozialismus, des tausendjährigen Reichs, das dann aber nur zwölf Jahre gedauert hat. Viktor Klemperer, damals ordentlicher Professor für Roma-nistik an der Technischen Universität Dresden, war als Jude mit einer Nichtjüdin verheiratet, lebte damit in einer sogenannten Mischehe, was ihn viele Jahre vor der Deportation bewahrte. 1935 wurde er gezwungen, den Lehrdienst an der Universität zu verlassen und als Hilfsarbeiter seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber aufmerksam beobachtete er, mit welchen Mitteln das Hitlerregime sprachlich Einfluss auf das Denken und Fühlen der Menschen nahm. Er konnte seine Beobachtungen und Einschätzungen 1947 in seiner Schrift „LTI“ (= Lingua Tertii Imperii – Die Sprache des Dritten Reichs) veröffentlichen. „Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Damit charakterisierte er die Wortwahl der Propagandamaschine der Nazis: Bewegung, heldenhaft, gleichschalten, fanatisch, total, artfremd, Gefolgschaft, körperliche Ertüchtigung, völkisch u. v. a. Endlösung war die Bezeichnung für die Vernichtung des ganzen Volkes der Juden, die Ermordung des Einzelmenschen war die Sonderbehandlung. Als Parasiten, Untermenschen oder Minderrassige wurden Menschen besetzter Gebiete, insbesondere slawischer Herkunft, bezeichnet, wenn sie nicht sogar zu den bolschewistischen Horden gehörten. Wörter wie Reichskristallnacht, Selektion, Aktion, Arisierung, Umsiedlung, Überfremdung und Schutzhaft stammen aus dieser Zeit und wurden damals beschönigend (in der Sprachwissenschaft wird von Euphemismen gesprochen) für Handlungen eingesetzt, die eigentlich Verbrechen waren. Ausdrücke wie Arbeitsfront, Arbeitslager, aufnorden, Deutscher Gruß, Deutsches Jungvolk, volksfremd, Rassenschande, Vierteljude, Volljude, Volksgenosse, Volksschädling mussten nach 1945 aus den Auflagen des Duden entfernt werden. Joseph Goebbels, der Propagandaminister, hatte durch bedingungslose Gleichschaltung aller Medienorgane (Rundfunk, Zeitung, Film) einen zentral gelenkten Propagandaapparat geschaffen, um die Bevölkerung zu beeinflussen und zu formen. Volk und Rasse waren die gebräuchlichsten Vokabeln. Fast in jedem Haushalt stand das Radio der Marke Volksempfänger, und auch die Bezeichnung für eine auch zu unserer Zeit sehr starken Automarke, nämlich Volkswagen, abgekürzt VW, stammt aus der Hitlerzeit!
Am 26. September d. J. hatten wir die Wahlen zum Bundestag, zu der sich insgesamt 47 Parteien, davon natürlich auch kleine Parteien und Splittergruppen, gestellt haben. Welch Gegensatz zu früher! Das NS-Regime rühmte sich: „Die Zersplitterung des Parteienwesens war der Ausdruck der fortschreitenden Auflösung der Volksgemeinschaft, bis der von Adolf Hitler geschaffenen und geführten NSDAP die Überwindung des Parteienstaates gelang.“ (wörtlich zitiert aus: Der Volksbrockhaus, Brockhaus-Verlag Leipzig 1938, Stichwort Partei). Wir wissen, was dann gefolgt ist und wie es endete. Gegenwärtig findet vor dem Landgericht Neuruppin ein Prozess gegen einen ehemaligen, inzwischen 100 Jahre alten, SS-Mann statt, dem die Mithilfe an 3.518 Tötungen im KZ Sachsenhausen zur Last gelegt wird. Was war ein Konzentrationslager? Wieder Zitat aus der genannten Brockhaus-Quelle: „Im Deutschen Reich seit 1933: ein polizeilich bewachtes Unterkunftslager für Volksschädlinge aller Art, die hier zu nutzbringender Arbeit angehalten werden.“ Die Wirklichkeit jedoch waren Massen-Erschießungen in speziellen Anlagen, Vernichtungsaktionen in Gaskammern und das Sterben der Häftlinge durch Entkräftung und Krankheiten.

Verbleibt natürlich noch die Bewertung, ob und wie die Sprache in dem Teil Deutschlands beeinflusst oder gar vergewaltigt wurde, in dem, wie es zu DDR-Zeiten hieß, unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Partei der Arbeiterklasse, die Werktätigen durch aktive Teilnahme am sozialistischen Wettbewerb für die Planerfüllung auf allen Ebenen der Volkswirtschaft und für die Gestaltung der sozialistischen Lebensweise kämpften. Wir haben es bei der Wertung der Lexik in der DDR mit einer Vielzahl von DDR-spezifischen Ausdrücken zu tun, die mit der politischen und wirtschaftlichen Struktur des Staates und der Gesellschaft verbunden sind. Dies sind sogenannte Realien, die eben nur hier existiert haben und für Besucher aus anderen Ländern, auch für Westdeutsche, ohne Erläuterungen nicht ohne weiteres verständlich waren: Jugendweihe, Jugendbrigade, Kollektivprämie, FDJ (Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend), BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung), VEB (Volkseigener Betrieb), Volkskammer (Parlament), Kollektiv der sozialistischen Arbeit, Brigade, Brigadetagebuch, Dienstleistungskombinat), Betriebskollektivvertrag, Personenkennzahl, Bezirkstag u. ä. Es ist sicherlich angebracht, die in der DDR praktizierte Sprache einer detaillierteren Untersuchung zu unterziehen. Aber vorerst sei gesagt, dass eine Gleichschaltung der Sprache des Nationalsozialismus und der DDR-Sprache fehl am Platze ist. In dieser Beziehung müssen wir Herrn Hallervorden widersprechen, auch wenn eine gewisse Ideologisierung der Ausdrucksmechanismen nicht von der Hand zu weisen ist, wobei auch die Rolle und Sprache des Klassenfeindes, der auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs stand, in Betracht zu ziehen ist. In einem später zu veröffentlichenden Artikel wollen wir Unterschiede und Übereinstimmungen zwischen Ost und West betrachten.

Was ist aber nun mit dem Gendern? Bei der Betrachtung der Sprache des 3. Reiches und auch der DDR geht es um die Lexik, also den Wortschatz. Der Wortschatz ist, auch zu unseren Jetztzeiten und unabhängig vom politischen Regime, im Wesentlichen geprägt durch das generi-sche Maskulinum, da beißt die Maus keinen Faden ab. Nach Meinung von Feministen ist die Verwendung des generischen Maskulinums zu überwinden, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft und im Arbeitsleben müsste auch in der Sprache gewürdigt werden. Aber wie? Wie soll die über viele Jahrhunderte gewachsene deutsche Sprache in einer solchen Richtung verändert werden? Es gibt dafür kein Rezept, niemand hat eine Antwort, wahrscheinlich gibt es sogar Widerstand. Was uns bisher sprachlich geboten wird, ist hölzern, klingt gestelzt und widerspricht dem gesunden Volksempfinden. Die an Berufsbezeichnungen angehängten Zusätze mit -in, -innen, Sternchen o. ä. gehen eher in Richtung Bildung neuer Wörter, greifen also eventuell in die Grammatik ein, und solche rigorosen Eingriffe stoßen doch bei vielen Menschen auf Ablehnung. Von dieser Warte her ist auch der Einwand von Dieter Hallervorden zu verstehen.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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