Freitag, Dezember 2, 2022

Stadion Magdeburg: Die Crux mit der Statik

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Am Ende war es wohl eine Punktlandung. Nachdem im Magdeburger Stadion fast drei Jahre lang ein Hüpfverbot galt, die Arena rekonstruiert und erweitert wurde, ist sie am letzten Januar-Wochenende wieder ihrer Bestimmung übergeben worden: einen Monat vorfristig und im vorgesehenen Kostenrahmen. KOMPAKT ZEITUNG hat sich im Stadion umgesehen. | Von Rudi Bartlitz

Als irgendwann im Frühsommer 2016 unter der Nordtribüne ein kleiner Steinbrocken entdeckt wurde, maß man dem zunächst kaum Bedeutung bei. Doch das Betonstück sollte gewissermaßen zum Stein des Anstoßes werden. Denn als sich Baufachleute den Findling später näher ansahen, schwante ihnen nichts Gutes. Ihre Vermutung: Das gerade einmal zehn Jahre alte Stadion besaß offenbar Probleme mit der Statik. Messungen brachten dann die Bestätigung:  Beim gleichzeitigen rhythmischen Hüpfen der Fans auf den Rängen schwingen die Tribünen bis zu drei Zentimeter. Bauteile drohten sich zu lösen. Wie kann das bei einer (fast) neuen Konstruktion sein, wurde landauf landab gefragt. Die Antwort der Fachleute (die seinerzeit durchaus nicht alle befriedigte): Das Stadion sei ausschließlich für Sitzplätze ausgelegt. Als es konzipiert wurde, sei das rhythmische  Hüpfen eben noch nicht in Mode gewesen.

Wie dem auch sei, Gefahr war in Verzug. Fortan galt ein rigoroses Hüpfverbot. Wenn nicht gehandelt werde, hatten Fachleute gewarnt, könne irgendwann in der Arena Panik ausbrechen. Beim Hauptnutzer, dem sportlich gerade im Aufwind befindlichen 1. FC Magdeburg herrschte Alarmstimmung, denn es drohte, die Spielstätte abhanden zu kommen. Aufregung auch beim Eigentümer, der Stadt. Denn für sie hieß es, beim einst 31 Millionen Euro teuren Bau musste frühzeitig erheblich nachgebessert werden. Das verhieß auf jeden Fall hohe zusätzliche Kosten. Kostenfrei war nur der dazugehörige Spott, Spaßmacher schwärmten von einem Highlight des Ostens, von der größten Hüpfburg der Welt.

Heute blickt Steffen Schüller, der Geschäftsführer der städtischen Stadion-Betreibergesellschaft (MVGM), alles in allem zufrieden zurück. „Die dreijährige Bauzeit verlief ohne größere Pannen“, sagt er im KOMPAKT-Gespräch. „Und dass, obwohl für die Arbeiten, bei denen zur Stabilitätserhöhung zusätzliche Stahlbetonstützen eingezogen wurden, kein vorheriges Modell existierte. Für sehr wichtig erachte ich es zudem, dass sowohl die veranschlagten Kosten von knapp elf Millionen Euro als auch die ins Auge gefasste Frist für die Arbeiten eingehalten werden konnten.“ In Zeiten, so gebietet es die Chronistenpflicht festzuhalten, in denen in der Landeshauptstadt bei Groß-Baumaßnahmen (Tunnel, neue Elbbrücke) inzwischen leider völlig andere Maßstäbe gelten. Eingerechnet in die Bausumme sind zudem alle Kosten für Auflagen, die 2018 nach dem Aufstieg des FCM in die zweite Bundesliga gemacht wurden (neue Pressetribüne und andere Forderungen der Liga-Vereinigung, wie zusätzliches Notstromaggregat und Überdachung der Eingänge). 

Hohes Lob zollt Schüller den beiden regionalen Hauptauftragnehmern MD-Stahlbau und Busse-Bau. „Sie waren ein Glückstreffer für uns. Die öffentliche Aufmerksamkeit war auf sie gerichtet, sie haben einen prima Job gemacht.“ Und weil er gerade beim Loben ist: „Das gilt auch für die Fans. Sie haben seinerzeit zugesagt, vor und während der Baumaßnahmen das Hüpfen zu unterlassen. Sie haben Wort gehalten.“ In Ostelbien präsentiert sich jetzt eine Arena, die laut Sicherheitskonzeption exakt für 30.096 Zuschauer ausgelegt ist; einst waren es, da variierten die Angaben seltsamerweise erheblich, zwischen 25.500 und maximal 27.500 Plätze. 2017 hatte sich der Stadtrat dafür entschieden, für den Ausbau die sogenannte größere Variante zu wählen, einen Teil der Sitzplätze, wie von den Fans in Block U schon seit langem gewünscht, in Stehplätze umzuwandeln. Offiziell stehen nach Schüllers Angaben nunmehr 14.812 Stehplätze zur Verfügung. „Sie werden jedoch nicht voll ausgeschöpft“, erläutert er unter Hinweis auf benötigte Pufferzonen. Der FCM teilte mit, er plane, je nach Sicherheitsstufe der Partie, künftig mit einer maximalen Kapazität von 28.000 Besuchern.

Denen wird sich auch im Servicebereich einiges Neues bieten. Schüller: „Es eröffnen drei neue Kioske, sodass den Besuchern von Fußballspielen künftig knapp 40 Versorgungseinrichtungen zur Verfügung stehen. Die Fans können sich außerdem ab sofort wieder im äußeren Umlauf der Heimbereiche frei bewegen.“ Wo es noch hakt: Den ins Auge gefassten zusätzlichen Parkplatz am Gübser Weg wird es vorerst nicht geben, da die Finanzierung nicht gewährleistet ist. Auch der Zustand des Rasens bereitet den Verantwortlichen weiterhin so manche Sorgenfalte. Er war erst im Januar 2019 für 150.000 Euro ausgetauscht worden. „Augenblicklich ist er in keinem so guten Zustand“, so Schüller, „aber es gibt derzeit keine Alternative. Wir müssen für Besserung auf die Wachstumsperiode im Frühjahr warten.“ Zerschlagen hat sich vorerst der Plan einer künstlichen Besonnung des Rasens. „Das ist mit extrem hohen Kosten verbunden. Für die dritte Liga wäre das nicht gerechtfertigt.“

Gewährleistet ist hingegen etwas anderes, was mit dem Ballgeschäft nur, wenn überhaupt, indirekt zu tun hat: das Weihnachtssingen des FCM. Nach dem großen Erfolg 2019 und einem mit 24.000 Besuchern ausverkauftem Haus soll die Arena auch Ende 2020, dann zum fünften Mal,  wieder vom Gesang festlicher und gnadenreicher Lieder erfüllt sein – egal, ob sie aus den Kehlen von Kicker-Freunden stammen oder nicht.

Fakten zum Stadion

Das Magdeburger Fußballstadion, das seit 2009 den Namen MDCC-Arena trägt, wurde am 10. Dezember 2006 an historischer Stelle des ehemaligen Ernst-Grube-Stadions eröffnet. Die alte marode Spielstätte war 2004 nach fast 50 Jahren abgerissen worden. Im Beisein von Franz Beckenbauer, damals noch eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs, wurde Oberbürgermeister Lutz Trümper die neue Spielstätte offiziell übergeben. Das eigentliche Eröffnungsspiel gegen Werder Bremen fand am 23. Januar 2007 vor 24.053 Zuschauern statt, die Gäste gewannen mit 3:0. Die Arena ist ein reines Fußballstadion. Die Zuschauerränge sind komplett überdacht und bieten jetzt ein maximales Fassungsvermögen von 30.098 Besuchern, das jedoch aus Sicherheitsgründen in der Regel nicht voll ausgeschöpft wird. Das Flutlicht ist am Dach fest installiert. Die Zuschauer werden durch zwei Videowände informiert. Außerdem verfügt das Stadion über eine Rasenheizung. Eine Bewerbung als Austragungsstätte der Frauenfußball-WM 2011 scheiterte.

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