Freitag, September 30, 2022
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StadMensch: Musikalisches Eimersaufen

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Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Kulturkampfes. Aber wie es sich für einen Kulturkampf im Hochsommer so gehört, geht es nicht um Hochkultur, aber heiß her. Denn zwischen brennenden Wäldern und schmelzendem Asphalt, Montagsdemos und Gaspreisen, Fußball und Katzencontent tobt ein Kampf um die Deutungshoheit. Es geht um Musik, ein kleines Lied, das so viel bewirken kann. Wir brauchen bei den wirklich brennenden Problemen um Armut und Klimakatastrophe ein niedrigschwelliges Ablenkungsangebot. Und das heißt „Layla“. Eigentlich ein ganz normales Sauflied für eine Klientel, das Sangria eimerweise auf Malle konsumiert und dafür den passenden Soundtrack braucht: Laut, zum Mitklatschen und –gröhlen, mit drei Promille immer noch verständlich für alle, die auch Bohlen oder Gabalier für Musik halten. Das ist nicht schlimm, das ist zielgruppenorientierte Massenware, die zwar nichts mit Kunst, aber viel mit Lebensgefühl zu tun hat. Das musikalische Pendant zu Pizza Hawaii und Kartoffelchips mit Currywurstgeschmack muss nicht jedem schmecken, aber einer Mehrheit gefallen. Das ist gelebte Demokratie. Es ist nicht wichtig, was ich persönlich von diesem Lied halte, ich bin nicht der Adressat. Und wenn ich hier darüber schreibe, dann nur, weil ich den Disput, der losgebrochen ist, für extrem befremdlich halte.

Die Ballermannhits der letzten Jahre haben nie versucht, sich als Hochkultur zu tarnen. Ein wenig Ironie und ein wenig zu offensichtliches Augenzwinkern war immer mit dabei. Diese Ironie der Ironie schürfte nie in der Tiefe, sondern polierte Oberflächen so lange, bis sich alle darin spiegeln konnten. Auch das ist eine Kunst, die gerne und oft unterschätzt wird. Und ein Name wie Ikke Hüftgold, der für Layla verantwortlich ist, bürgt dafür, dass diese Kunst immer wieder reproduziert wird. Man mixt zusammen, was sich als erfolgreich erwiesen hat, und, wenn es gut geht, dann hat man einen Sommerhit, mit dem man sehr ordentlich verdienen kann. Wer sich an „Skandal im Sperrbezirk“ erinnert, der nun auch schon wieder 40 Jahre auf dem Buckel hat, weiß, dass Prostitution und musikalische Witze darüber schon länger Konjunktur haben. Zilles Hurengespräche sind einhundert Jahre alt und Lukians Hetärengespräche sogar nahezu 2000. Der derbe zupackende Witz jener Texte findet in Layla zwar nur ein schwaches Echo, aber auch das Sauflied hat eine Jahrtausende währende Tradition. Noch einmal, es muss mir nicht gefallen, wenn ich betrunken bin, dann muss ich nicht unbedingt singen, aber andere tun es und wer bin ich, dass ich ihnen vorschreiben mag, was sie grölen. Das Wort „Grölen“ kommt tatsächlich von einer Verballhornung des Wortes Gral. Nach diesem wurden im späten Mittelalter Ritterturniere benannt. Und weil es bei denen laut herging, wurde eben gegrölt. So ist das Gefäß, in welchem angeblich das Blut von Christus aufgefangen wurde, der Namensgeber für diese Saufgesänge. Das Hohe und das Niedrige sind näher beieinander als es manche gerne hätten.

Ich weiß, es gibt auch einen schönen Song namens „Layla“ von Eric Clapton. Aber den wird schon niemand mit dem Hit von heute verwechseln. Und dann gab es da bis vor 11 Jahren diese wundervolle gleichnamige Kneipe in Stadtfeld mit der alten Kastanie im Hof, unter der sich so gut sitzen ließ in den damals noch nicht so heißen Sommern. Diese Kneipe gibt es übrigens in der Internetpräsenz der Stadt Magdeburg immer noch. Leider ist sie in der Realität irgendwie verloren gegangen und nur manchmal erinnert noch ein mit diesem Namen bedruckter Stuhl in der Schweizer Milchkuranstalt an die alten Zeiten, der durch den aktuellen Titel ganz andere Assoziationen hervorzurufen weiß.

Aber zurück in die Gegenwart, in welcher der Streit tobt, ob man diesen Titel überhaupt öffentlich spielen sollte. Ein paar Städte haben ihn verboten, weil der Text diskussionswürdig sei. Einige Wirte wollen ihn auf dem Oktoberfest aus ebendiesem Grund auch nicht spielen. Und natürlich haben sie nicht Unrecht. Aber wenn es danach ginge, dann würden nur sehr wenige Lieder übrig bleiben und zum Mitklatschen würden die auch nicht taugen. Außerdem werden in Bierzelten meistens Sauflieder gespielt, denn das eine bedingt das andere. In einem Bierzelt würde Musik experimentellen Charakters überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. In der Elbphilharmonie wiederum würde es der aktuellen „Layla“ vermutlich ähnlich ergehen, auch wenn es die Berliner Symphoniker spielten. Nun haben sich auch einige Layla-Befürworter gefunden, die gerne aus dem politisch rechtskonservativen Bereich kommen und sich bevormundet und in ihrer persönlichen Freiheit bedroht sehen, wenn der Song nicht überall frei gespielt werden kann. Sie übertragen ihre Probleme mit diesem Staat auf ein Lied, dessen Text und Melodie das nicht unbedingt hergeben. Und so wogt eine Diskussion, welche die Popularität des Liedes erhöht, aber ansonsten an der Realität völlig vorbei geht. Es gibt kein Problem mit einem unwichtigen Trinklied, sondern mit Größerem. Die Besucherzahlen bei Kulturveranstaltungen gehen teils drastisch zurück, eine wegweisende Kunstausstellung wie die „documenta“ verwandelt sich in diesem Jahr in eine peinliche Provinzposse und Kunst scheitert immer öfter an der persönlichen Betroffenheit weniger. Und ob man sich das permanente Heizen von Museen und Theatern in diesem Winter leisten können wird, steht in den Sternen. Da sollten und müssen wir uns die Köpfe heißreden. So gesehen ist auch dieser Text nur Teil eines gewaltigen Ablenkungsmanövers.

Und dies Manöver, das heißt Layla
denn es ist eben nichts geiler
als der Ernst in diesen Zeilen …
Lalalalalalalalalalalala

Lars Johansen

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